


»Ich schlag' nicht mehr im selben Takt!«
So lautete der Titel des diesjährigen großen Schreibwettbewerbs für Kinder und Jugendliche von 12 – 16 Jahren aus dem Großraum Freiburg. Knapp 110 Einsendungen wurden eingereicht, und aus diesen haben wir in langen Jurysitzungen die besten 10 Texte ausgewählt.
Die Kreativität der Teilnehmer hat auch in diesem Jahr nicht nachgelassen: Das Spektrum der Texte reichte von dem Wunsch, anders zu sein, über Mobbingerfahrungen in der Schule, der Verarbeitung tragischer Unfälle, die das Leben aus dem Takt geraten lassen bis zu Liebesgeschichten. Selbst ein innerer Monolog eines Baumes war dabei.
Die Geschichte, die den ersten Platz belegt hat, könnt ihr hier nachlesen. Viel Spaß!
Unschuldige Schuldige und schuldige Unschuldige
Anselm Küsters (16 Jahre):
1.2.3.4.5. Nächstes Kästchen. 1.2.3...
Sorgfältig, fast zärtlich, hob die blasse Hand eine der Schneckenschalen empor, drehte sie gedankenverloren um die asymmetrische Achse, um sie dann wieder in das mit Watte ausstaffierte Holzkästchen zurückzulegen. 4.
Die Zeit war bereits fortgeschritten und seufzend unterbrach Ilan R. die abendliche, beinahe rituelle Zählung seiner Kunstsammlung – bestehend aus einer Vielzahl an gesammelten und anschließend gründlich gesäuberten Schneckenhäusern. Keines glich dem Anderen, doch R. wollte schon in absehbarer Zukunft ein neues Ordnungssystem entwerfen, um sie einheitlich sortieren zu können.
Keines glich dem Anderen. Gab es auch zwischen Menschen so viele Unterschiede?
Die Hand hatte mittlerweile die Kästen hinfort geräumt, stattdessen schlitzte sie nun mithilfe eines Brotmessers geschickt den Rand eines Briefes auf, der am Morgen im Briefkasten gelegen hatte. Bislang hatte R. keine Zeit gehabt ihn zu lesen, die Bank erwartete stets Pünktlichkeit.
Der nächste Morgen verlief geordnet, doch völlig außerplanmäßig. Durch den Brief hatte R. erfahren, dass er heute Vormittag dem Gericht vorgeladen war. Nicht als Angeklagter, natürlich, sondern um seiner Pflicht als Schöffe nachzukommen, zu der jeder Bewohner des Staates einmal eingezogen werden konnte, jeder. Unterschiede gab es hier keine.
1.2.3.4.5. Die Schneckenhäuser waren bereits gezählt, der im Garten gepflanzte junge Baum gegossen, sogar die Zeitung hatte R. lesen können. Die Bank hatte ihm sofort freigegeben, ein kurzes Telefonat war ausreichend gewesen.
Jetzt trommelte er nervös mit den Fingern im Rhythmus des lauten Sekundenzeigers seiner Wanduhr, bis er plötzlich unvermittelt aufstand, den Kragen seines bereits angezogenen Wintermantels hochzog und das Haus eiligen Schrittes verließ.
R. war deutlich zu früh und so musste er nochmals vor dem Gerichtssaal warten. Nun erst wurde ihm wirklich bewusst, weswegen er heute Morgen nicht zur Arbeit gegangen war. Seine Gedanken kreisten alleine um den bevorstehenden Prozess, bei dem er auszuhelfen hatte. Konnte er etwas falsch machen? Das Leben eines Unschuldigen durch sein Urteil durcheinander werfen? Es verwunderte ihn zunehmend, dass er keinerlei Instruktionen erhalten hatte, geschweige denn den Richter oder einen der anderen Schöffen vorher gesehen zu haben. Jetzt fröstelte ihn.
R. saß an der äußeren linken Ecke der Bank, in der Mitte thronte der schon alte Richter. Nach der Begrüßung wurde dem Angeklagten, der nur wenige Jahre älter als R. zu sein schien, seine Schuldigkeit dargelegt.
R. kannte ihn aus der Synagoge, hatte ihn dort schon öfters gesehen. Aber in letzter Zeit hatte er immer öfter sein Gebet zu Hause, nach der Arbeit und vor dem Schneckenhauszählen, abgehalten. R. verstand nicht, warum sein Bekannter es zu dieser Verhandlung hatte kommen lassen. Er war aufrichtig bestürzt gewesen, als der Richter ihm, und den anderen Schöffen, kurz vor Beginn des Verhörs von dem störrischen Verhalten F.s berichtet hatte. Wie konnte man in diesen gefährlichen Zeiten – waren sie das nicht schon immer? – dermaßen überreagieren und öffentlich seinen Unmut wegen einiger kleiner Ungerechtigkeiten – dass sie ungerecht waren, bestritt R. ja gar nicht – verbreiten. F. soll geschrieen, viele Leute beschimpft und den Eintritt in die unbeliebte Partei wahrhaft zelebriert haben. Wie konnte er sich da wundern? Nein, R. würde ihm wirklich gerne helfen, aber was sollte er tun, wenn sich jemand derartig vor dem Wandel der Zeiten verschloss. War es nicht klüger, manchmal zu schweigen und sich anzupassen? Schließlich konnte man warten. Irgendwann, irgendwann würden auch wieder neue Zeiten kommen, bessere. 1,2,3,4,5. Ordnung war etwas, das sich von selber, auf natürliche Weise, einrichtete. Hier wurde niemand gebraucht, der diesen Prozess beschleunigte. Auf die Frage des Richters, ob jemand den Mann verstehe, hatte er geschwiegen und zu Boden geblickt.
„Geben Sie doch zu, Sie wollen den Staat stürzen? Unsere Ordnung zerstören!“, schrie jetzt der Richter und erhob sich bebend von seinem Stuhl. Die ruhige und besonnene Art des Angeklagten schien ihn zunehmend zu verärgern.
„Ich, den Staat stürzen?“ Zum ersten Mal zeigte F. Emotionen. Auch er erhob sich jetzt, seine Stimme wurde unerwartet laut. „Der stürzt von selbst!“
Im Gerichtssaal brach ein wildes Stimmengewirr aus, der Richter klopfte aufgeregt mit seinem Hammer auf den Tisch.
„Führt ihn fort, den Staatsverräter. Das Disziplinargericht entscheidet auf Schutzhaft, so Etwas kann man nur wegsperren!“
F. erhob sich widerstandslos, doch als er an R. vorbeigeführt wurde, blieb er kurz stehen und sprach leise, aber eindringlich.
„Die Zeit des Wegrennens, der Zerstreuung ist vorbei. Wir können nicht mehr warten, sonst warten wir ewig. Ordne dein Leben nach deinem Gewissen, Freund, nicht nach Lügen.“ F. hielt den Kopf nach vorne, als sehe er R. überhaupt nicht. „Sonst holen sie auch dich eines Tages!“
Der erschrockene R. brachte kein Wort hervor, während F. von einem Wächter rüde durch die Tür gestoßen wurde und aus seinem Blickfeld verschwand.
„Was hat er gesagt? Kannten Sie den Mann?“ Der Richter schaute ihn ungläubig an, seine Stirn war gerunzelt.
Es war schon dunkel geworden, als R. verwirrt und torkelnd sein Haus gefunden hatte. Seit Stunden geisterte er durch die leeren Straßen, sein Herz schlug unregelmäßig. Was hatte ihn so geschockt? Warum fühlte er sich seltsam schuldig für F., dessen Worte er einfach nicht vergessen konnte.
1,3...2,5. Er war so durcheinander.
Es war ich, ich alleine, den er meinte.
Von hier aus konnte er seinen Garten sehen, in dem entwurzelt der Baum lag. Anscheinend war der Wind zu heftig, der junge Stamm zu schwach zum Widerstand gewesen.
Er trat auf ein Schneckenhaus, doch bemerkte es nicht. Vielleicht wollte er es auch einfach nicht sehen.
Keines glich dem Anderen.
Bei Menschen war es einfacher, hier gab es Gruppen. Gruppen, die nach vielen Kriterien erstellt werden konnten. Doch immer gab es Starke und Schwache. Schuldige und Unschuldige.



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