„Ein wohlgezogener Kalender soll sein ein Spiegel der Welt“ – kein geringer Anspruch, den der vor 250 Jahren geborene Dichter Johann Peter Hebel da formuliert. Entsprechend vielgestaltig ist das Panorama seiner Kalendergeschichten, deren Horizont weit über Hebels badische Heimat hinausreicht und diesen an allem und jedem interessierten Aufklärer als Weltbürger erweist. Allein die Mannigfaltigkeit, die Eleganz und die Pointiertheit der Kalendergeschichten machen ihre Lektüre stets aufs Neue zu einem Erlebnis und regen zum Nach- und Weiterdenken an.
Im Wissen um die Farbigkeit und das hohe Assoziationspotential der Kalendergeschichten haben das Literaturbüro Freiburg und SWR2 Aktuelle Kultur sich deshalb zu einem Experiment entschlossen: Was geschieht, wenn man heutige Autoren darum bittet, das Genre Kalendergeschichte aufzugreifen und in direkter Reaktion auf Hebel einen eigenen Text zu verfassen? Wie würden sich die Autoren den Kalendergeschichten nähern – eher thematisch, mehr ästhetisch oder rein assoziativ? Welche Haltung würden sie Hebels Moral und seinem pädagogischem Gestus gegenüber einnehmen? „Versuchsteilnehmer“ waren 24 zeitgenössische Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, denen 109 Kalendergeschichten Johann Peter Hebels als Ausgangsmaterial zur Auswahl standen. Die Ergebnisse dieses Experiments werden in der Anthologie Unverhofftes Wiedersehen! - Eine Hommage an Johann Peter Hebel veröffentlicht (Tübingen: Klöpfer & Meyer, September 2010) und im Rahmen einer Literaturtournee vom 21. bis zum 28. September 2010 in den vier Literaturhäusern Freiburg, Basel, Stuttgart und Karlsruhe vorgestellt.

| Eine Veranstaltung der Baden-Württemberg Stiftung im Rahmen des Literatursommers 2010, in Zusammenarbeit mit SWR2 Aktuelle Kultur, gefördert vom Regierungspräsidium Freiburg. Projektträger ist das Literaturbüro Freiburg. |


Johann Peter Hebels Kalendergeschichten – Kurzgeschichten, Anekdoten & Schwänke –, die er für den Rheinländischen Hausfreund verfasste und die 1811 unter dem Titel Schatzkästlein des rheinischen Hausfreunds in einer Sammlung erschienen, waren zu seiner Zeit fast der einzige Lesestoff, der insbesondere auch breite Bevölkerungsschichten erreichte. "Populär ästhetisch und moralisch fruchtbar vorgetragen" sollten die Kalendergeschichten sein – Hebel versteckte seinen erhobenen Zeigefinger nicht. Mit diesem Anspruch sieht er sich sowohl dem aufklärerischen Impetus seiner Zeit verpflichtet als auch seinem Selbstverständnis als Pädagoge und Theologe. Zeitlebens fühlte sich Hebel dem agrarisch geprägten Südwesten Deutschlands, seinen Bewohnern und der Landschaft eng verbunden – das spiegeln auch seine Texte wider –, dennoch verteilen sich Anspielungen auf historische Schauplätze seiner Geschichten über ganz Europa und verleihen ihnen zugleich Weltoffenheit und Toleranz. Zu seinen wohl bekanntesten Kalendergeschichten gehören Kannitverstan und Unverhofftes Wiedersehen, Ernst Bloch nannte sie die schönste Geschichte der Welt. 
Leben und Werk Johann Peter Hebels
Johann Peter Hebel, geboren am 10.5.1760 in Basel, war Dichter, Pädagoge und Theologe.
Hebel besuchte ab 1766 die Volksschule in Hausen, später die Lateinschule in Schopfheim. 1774 wechselte er auf das Gymnasium illustre in Karlsruhe. Nach seinem Schulabschluss 1778 nahm er ein zweijähriges Theologiestudium in Erlangen auf. Danach arbeitete er zunächst als Hauslehrer und Vikar in Hertingen, bis man ihn 1791 zum Subdiakon ans Karlsruher Gymnasium berief. Sieben Jahre später wurde Hebel Professor für Dogmatik und unterrichtete bis 1814 als Gymnasiallehrer verschiedene Unterrichtsfächer. 1819 wurde er Prälat der evangelischen Kirche.
Johann Peter Hebel gilt als der bedeutendste alemannische Mundartdichter. Vor allem die in Mundart verfassten Alemannischen Gedichte (1804) und seine Kalendergeschichten begründen seinen hohen Bekanntheitsgrad. Inspiriert von seiner Heimat Wiesenthal schrieb er die Alemannischen Gedichte, einen Band von 32 Gedichten "für Freunde ländlicher Natur und Sitten", der 1804 veröffentlicht wurde. Die Kalendergeschichten verfasste er über einen Zeitraum von mehreren Jahren (1803-1811) für den Rheinländischen Hausfreund, einen badischen Landkalender. Eine Zusammenstellung dieser lehrreichen Geschichten und vergnüglichen Anekdoten wurde 1811 im Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes veröffentlicht.
Johann Peter Hebel starb am 22.9.1826 in Schwetzingen.


|