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Der Sonntag, 11. Dezember 2016


© Alexander Paul Englert

Viel Berlin und zu viel Sex

 

von Susanne Maerz

 

Sprachgewaltig: Der Lyriker Gerhard Falkner liest in Freiburg aus seinem Debüt-Roman

 

Sprachgewaltig, gespickt mit vielen Berlin-Beschreibungen und noch mehr Sex-Szenen – das ist Gerhard Falkners im September erschienener Roman „Apollokalypse“. Am Dienstag liest Falkner daraus in Freiburg.

„Das Frühlingslicht schien den lebhaft aufglühenden Fassaden einmassiert wie Sonnenöl den Rücken badender Frauen am Wannsee.“ Und: „Berlin löste sich, so schien es, kaum dass die Mauer gefallen war, aus der Determiniertheit seiner Ausdehnung und trat ins Verhältnis zu seiner inneren Dichte.“ Der Lyriker Falkner macht es seinen Lesern nicht leicht. Auf den ersten Seiten seines Berlin-Romans reihen sich Sätze wie diese aneinander. Die Sprachgewalt tritt aber zurück, je weiter die Erzählung fortschreitet. Je dosierter er seine trotz allem brillante poetische Sprache einsetzt, umso größer wird der Lesegenuss.

 

Auch im Deutschlandradio Kultur heißt es über Falkner und seinen ersten Roman: „Dass er als Lyriker vielleicht manchmal zuviel des Guten tut, stört nur zu Beginn.“ Als „großartig“ gelobt werden vor allem die Berlin-Be- schreibungen von Ende der 1970er bis Mitte der 90er Jahre. Das sind sie zweifelsohne. Und das gilt auch für weitere Städte- und Landschaftsbeschreibungen von San Francisco bis Nevada. Überall dorthin, genauso wie nach Nürnberg oder München, zieht es den Protagonisten und Ich-Erzähler, einen Philosophen und Literaten, der dort vorträgt, schreibt – oder sich mit seinen Freunden, dem durchgeknallten Künstler Büttner, dem Unternehmersohn und Dandy Pruy oder mit diversen Geliebten exzessiv vergnügt.

 

Alkohol und andere Drogen sind dabei zuhauf im Spiel. Und immer wieder wird „gevögelt“ oder „gefickt“. „Allein der Phallozentrismus ermattet auf Dauer“, heißt es in der Zeit, in der „Apollokalypse“ ansonsten unter anderem wegen seiner literarischen Qualität gepriesen wird. „Ermatten“ ist allerdings noch milde geurteilt. Seitenweise fühlt sich man sich wie in einem nicht enden wollenden Porno, wenn man wieder und wieder liest, wie Autenrieth erst Isabel, später Bilijana und dazwischen diverse andere Frauen in Hauseingängen, Hotels oder Wohnungen befriedigt und selbst von einem Höhepunkt zum anderen jagt.

 

Themenwechsel: Mit seinem Erzähler Georg Autenrieth hat der Autor Gerhard Falkner einiges gemein. Beide sind 1951 in Franken geboren und aufgewachsen, haben in München und Berlin gelebt (Falkner wohnt immer in Berlin und Franken). Und beide waren Stipendiaten der Akademie Schloss Solitude – Falkner ist zudem mit diversen Preisen vor allem für sein lyrisches Werk ausgezeichnet worden. Was sie darüber hinaus verbindet, bleibt im Verborgenen. Denn das für den Deutschen Buchpreis 2016 nominierte „Apollokalypse“ ist keine Autobiografie, wie Falkner selbst im Nachwort betont, sondern ein Roman. Es ist zugleich eine fiktive Autobiografie des Erzählers, der über Autenrieths Leben schreibt, das auch seines ist.Oder auch nicht.

 

Denn dieser Georg Autenrieth ist – ausgelöst unter anderem durch sein Untertauchen angesichts (wahrscheinlicher) Verstrickungen mit der RAF, dem BND, der Stasi und dem Mord an Bilijana – eine gespaltene Persönlichkeit. Er erinnert ein wenig an Max Frischs Stiller, der darauf besteht, nicht Stiller zu sein, wenn er sagt: „Es gab also einen Georg Autenrieth, der ich nicht gewesen sein konnte.“ Die Identitäts-Problematik kulminiert in der Aussage des Therapeuten, der zu ihm sagt: „Sie haben keinen Doppelgänger, Autenrieth, Sie sind der Doppelgänger.“ Das Doppelgänger-Motiv ist eine von vielen Anspielungen und Querverweisen in Film, Philosophie und Literatur – von der griechischen Mythologie bis hin zum finnischen Filmemacher Ari Kaurismäki.

 

Vieles aus dem Leben des Erzählers fügt sich erst am Ende zusammen und wird doch nie ganz aufgelöst. So wie auch Autenrieth sich seines gelebten Lebens nicht vollständig bewusst wird. Und auch erst auf einer der letzten Seiten wird der Titel erklärt: Apollokalypse steht für die Prinzipien des Schönen, der Verführung und der Zerstörung. Dafür stehen der Gott Apollo, die Nymphe Kalypso und die Apokalypse. Und dafür steht auch Georg Autenrieth.

 

Gerhard Falkner, Apollokalypse, BerlinVerlag, 22 Euro.

Lesung und Gespräch, Dienstag, 13. Dezember, 20 Uhr, Alter Wiehrebahnhof, Kinosaal, Urachstraße 40, Freiburg, Eintritt 7 Euro, ermäßigt 5 Euro, Veranstalter: Literaturbüro Freiburg

 

 


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