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Badische Zeitung, 12. Dezember 2015


Adams Foto: Müller

Die Kunst der Andeutung

 

Simone Regina Adams liest in Freiburg aus ihrem Roman "Glück".

 

von Stefan Tolksdorf

 

Zu Beginn ein Miniatur-Wunder: Eine in Honig eingeschlossene, vermeintlich tote Fliege befreit sich mühevoll aus ihrer Bernsteinhaut – freilich nicht ohne menschliche Hilfe. Es ist fast schon ein Leitmotiv: Bild der Hoffnung auf ein neues Leben, jenseits der Trauer und der schicksalhaften Verstrickung, von der im Folgenden die Rede sein wird. In kleinen, gut dosierten Portionen, leisen Andeutungen, lockeren Fäden, die sich peu à peu zu einem dichten und durchaus tragischen Beziehungsgeflecht verdichten.

 

Schon in ihren ersten zwei Büchern, besonders im psychologisch fein gesponnenen, preisgekrönten Roman "Die Halbruhigen" von 2011, hat die in Freiburg lebende Autorin Simone Regina Adams bewiesen, wie gut sie sich auf die allmähliche Auffächerung subtiler, vor allem weiblicher Psychogramme versteht. Kein Wunder, denn sie ist vom Fach: Seit zwei Jahrzehnten arbeitet die Saarländerin auch als Psychotherapeutin.

 

"Glück", heißt ihr neues Buch – Kurzroman oder längere Erzählung, das tut nichts zur Sache – und schon der Umschlagentwurf deutet an, was Dieter Wellershoffs Eingangszitat auf den Punkt bringt: "Glück ist ein Ausdruck von Identität". Diese aber entsteht aus andauernder (Beziehungs-)Arbeit. Die Erzieherin Lea tut sich nicht leicht damit, fühlt sich in ihrer Identität wie eingesperrt. Nach fünf Jahren trifft sie ihren Halbbruder Bruno wieder, der, was er lange nicht wusste, nicht denselben Vater hat.

 

Erinnerungen an kindliche Gewalterfahrung mischen sich in die von Bruno ausgehenden Versuche, die verlorene Nähe wiederherzustellen. Was alles andere als einfach ist, denn die beiden leben nicht nur auf sehr unterschiedlichen Planeten. Da nützt es wenig, dass der nun zwölfjährige Neffe Leon nach ihr benannt wurde: Auch ihre berufliche Beziehung zu Kindern hat längst einen Knacks – und für Hunde, wie den von Bruno und seiner jovialen Frau Annette, hat sie schon gar nichts übrig.

 

Das größte Hemmnis aber heißt David – Leas große Liebe. Von ihm erfuhr Bruno dereinst von den Gerüchten um seinen wahren Vater. Er war es auch, der ein gemeinsames Treffen in Zürich anregte. Drei Tage später fand man ihn in seiner Wohnung – erhängt. Der schmerzhafte Glutkern der Geschichte enthüllt sich erst in der Mitte des Büchleins.

 

Adams erzählt nicht chronologisch, in der Beschreibung Leas wechselt sie zunächst zwischen der ersten und der zweiten Person, zwischen Nähe und Distanz. Durchgehend beherrscht sie die Kunst der Andeutung, ihre Sprache ist betont unaufgeregt, Doch zwischen den Zeilen pulsiert es. In sprechenden, exakt registrierten Details, wie der Eingangsszene enthüllt sich weit mehr an Psychologie als in den eher vordergründigen Dialogen. Die präzise Ökonomie ihres Erzählens, die einfühlsame Genauigkeit ihres Blicks, nicht zuletzt auch der Verzicht auf jede wohlfeile Stimmungsmalerei macht Simone Regina Adams zweifellos zu einer Bereicherung für die deutsche Gegenwartsliteratur.

 

Simone Regina Adams: Glück. Roman. Klöpfer & Meyer, Tübingen 2015. 166 Seiten, 20 Euro.

 

Lesung: Freiburg, Alter Wiehrebahnhof, Sonntag, 13. Dezember, 11 Uhr.


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