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Badische Zeitung vom 27. Dezember 2011


Die Geschichte der „Gastarbeiter“ in Freiburg erzählt eine Ausstellung im Alten Wiehrebahnhof, auch mit diesem Moped. Foto: Ingo Schneider

Vergessene Geschichte(n)

Ausstellung "Dein Land ist mein Land" im Alten Wiehrebahnhof erinnert an "Gastarbeiter".

 

Von Anja Bochtler

 

Wer weiß noch, was am 1. Mai 1973 in Freiburg los war? Wer erinnert sich daran, dass es hier zwölf Jahre lang Internationale Kunstausstellungen gegeben hat? Oder dass 1984 die "Po-Li-Kunst"-Bewegung in Freiburg tagte, in der sich nicht-deutschstämmige Schriftsteller zusammengetan hatten? Clemens Hauser vom "Wahlkreis 100 Prozent" hat vergessene Aspekte aus der Geschichte der Freiburger "Gastarbeiter" ausgegraben, die in der Ausstellung "Dein Land ist mein Land" im Alten Wiehrebahnhof zu sehen sind – ergänzt um Filme und Literatur.

Es sind immer dieselben Klischees: Die ersten "Gastarbeiter" lebten in Baracken, schufteten für wenig Geld und träumten von ihrer alten Heimat. Falsch ist das nicht – aber längst nicht die ganze Wahrheit. Viele der Menschen, die als Folge der Anwerbeverträge nach Deutschland gekommen waren, engagierten sich politisch, andere waren Künstler, malten oder schrieben. Wahrgenommen wurden sie in den ersten Jahrzehnten kaum: Erst seit den 1990er Jahren gilt Kunst von Migranten als schick, vorher ignorierten Verlage und Literaturwissenschaft nicht-deutsche Autoren, bilanziert Neriman Bayram vom Kommunalen Kino.

 

Zusammen mit Clemens Hauser und Stefanie Stegmann vom Literaturbüro stellte Neriman Bayram mit Unterstützung des Bundesprogramms "Toleranz fördern – Kompetenz stärken" ein Film- und Literaturprogramm auf die Beine, das noch bis Ende Januar läuft.

 

Unter anderem gibt’s Rainer Werner Fassbinders Klassiker "Angst essen Seele auf" (Mittwoch, 11. Januar, 19 Uhr) zu sehen und anschließend Viola Shafiks Film "Ali im Paradies" über den Fassbinder-Hauptdarsteller El Hedi Ben Salem M’barek Mohammed Mustafa. Der Regisseur Hans Andreas Guttner zeigt seinen Dokumentarfilm "Familie Villano kehrt nicht zurück" (Samstag, 21. Januar, 19.30 Uhr). Und zum Einstieg waren die Autoren Franco Biondi und Gino Carmine Chiellino zu Gast, die Mitgründer der "Po-Li-Kunst"-Initiative, die 1984 in Freiburg getagt hat.

 

Was war damals sonst noch los in Freiburg? Über viele Zufälle und Umwege stieß Clemens Hauser auf einen Eklat am 1. Mai 1973: Damals verweigerte der DGB-Chef dem italienischen Kultur- und Freizeit-Verein "A.R.C.E." eine Rede über die Situation der Italiener in Freiburg. Doch die "A.R.C.E."- Leute schwiegen nicht, sie machten mobil und verteilten Flugblätter. Auch beim Straßentheater der Katholischen Hochschulgemeinde, das die Lebensbedingungen der "Gastarbeiter" 1971 anprangerte, mischte ein junger Italiener mit: Roberto Alborino, damals noch Student, 1986 Vorsitzender des ersten Freiburger Ausländerbeirats.

 

Auch davon sind nur noch wenige Fotos übrig – und das ist typisch, bilanziert Clemens Hauser, der monatelang im Stadtarchiv und im Archiv für soziale Bewegungen nach einzelnen Relikten recherchiert hat. Auch die Internationalen Kunstausstellungen, die zwischen 1988 und 2000 von dem aus Portugal stammenden José Caiheiros abwechselnd im Eugen-Keidel-Bad und im Friedrichsbau organisiert wurden, sind längst vergessen. Und das, obwohl der Friedrichsbau wegen des Ansturms von 900 Gästen sogar einmal geschlossen werden musste. Spuren zum Weiterverfolgen gäbe es viele – mit dem Ziel, dass die gesamte Freiburger Migrationsgeschichte irgendwann ganz selbstverständlich ihren Platz in den Freiburger Museen und Archiven findet.

 

"Dein Land ist mein Land": Ausstellung im Alten Wiehrebahnhof, Urachstraße 40, bis Sonntag, 8. Januar. Geöffnet montags 18 bis 1 Uhr, samstags 9 bis 1 Uhr, sonst jeweils 15 bis 1 Uhr. Eintritt frei. Filmprogramm bis 28. Januar: www.koki-freiburg.de


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