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Badische Zeitung vom 11. Dezember 2008

Maultauschen ohne Füllung

 

Genauso könnte es gewesen sein – und man wundert sich, dass die Begegnung zwischen Fjodor Dostojewski und Iwan Turgenjew in Baden-Baden im August 1867 nicht schon längst die literarische Phantasie beflügelt hat. Dass sie ein gefundenes Fressen ist, beweist das Hörspiel, das Tom Peuckert dem Treffen der beiden Titanen der russischen Literatur gewidmet hat. "Comédie russe" wendet – wie der Titel verrät – die verbürgte Todfeindschaft zwischen dem vom Nihilismus zur Slawophilie bekehrten Autor von "Verbrechen und Sühne" und dem ganz zum Westen hin orientierten Verfasser von "Väter und Söhne" ins grotesk Skurrile und ins Maliziöse: Der von der Spielleidenschaft haltlos getriebene, notorisch abgebrannte Dostojewski versucht pausenlos, seinen Kollegen um Geld anzupumpen. Er verscherbelt ihm sogar eine kostbare Ikone – auf die der religiöser Inbrunst wenig verdächtige Turgenjew aber erst anspringt, als er bemerkt, dass sie von einem berühmten Künstler stammt. Vermutlich wittert er die Geldanlage . . .

Denn in Peuckerts intelligentem Doppelcharakterporträt, das Iris Drögekamp für den SWR inszeniert hat – Leitmotiv ist die rollende Roulettkugel –, stehen sich in den Schriftstellern Antipoden nicht nur in ästhetischer und weltanschaulicher Hinsicht, sondern auch in der Lebensökonomie gegenüber. Sie sind wie Feuer und Eis: Während es in Dostojewski in jeder Beziehung lodert, stellt Turgenjew mit kühlem Kopf und kühlem Herzen fest: "Ich brenne nicht." Während Dostojewski sich in Empathie mit Turgenjews Gärtner übt, weist ihn dieser darauf hin, dass er seinen Bediensteten überdurchschnittlich bezahlt. Während Dostojewski von der Seele und dem demütigen Stolz des russischen Volks schwärmt, höhnt Turgenjew, sein Volk sei nichts als "geistiger Krampf". Der eine verausgabt sich, der andere wirft ihm Maßlosigkeit vor.

Dieses geistige Pingpongspiel verschafft intellektuellen Genuss. Dass Turgenjew Dostojewskis Hunger – "zum letzten Mal vor zwei Tagen gegessen: Maultauschen ohne Füllung" – zunächst rein metaphorisch auffasst: welch entlarvendes Missverständnis! Und wie bezeichnend, dass der Wahldeutsche den Spielbankgewinn seines Kontrahenten in Aktiengeschäfte investieren will, während Dostojewski von einem verschwenderischen Fest träumt. Mit André Jung als Turgenjew und Matthias Brandt als Dostojewski stehen der Regie zwei fabelhafte Sprecher zur Verfügung. Es ist spannend, ihnen zuzuhören – bis zur geschichtsklitternden großen russischen Verbrüderung. Nastrowje!

 

Heute um 20 Uhr ist "Comédie russe" in der Hörbar im Kommunalen Kino Freiburg, Urachstraße 40, zu hören.


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