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Badische Zeitung vom Dienstag, 19. Dezember 2006

Verratene Blumenblüten

ZU GAST IN FREIBURG: Der Berliner Rap-Poet Bas Böttcher trat in der Mensa-Bar auf

 

Von unserem Redakteur Frank Zimmermann



Rap-Poet Bas Böttcher war zu Gast in der Mensa-Bar. (FOTO: SARAH NAGEL)

Unter dem schwarzen Anzug trägt er eine blaue Trainingsjacke und auf dem Kopf eine Wollmütze, von der man nicht so genau weiß, ob sie in seiner Wahlheimat Berlin-Kreuzberg, wo ihm kürzlich vier "Hobbygangster" das Handy klauen wollten ("das ist schade, das ist mein Kiez, da möchte ich mich wohlfühlen" ), nun cool oder uncool ist. Bas Böttcher, von Harald Schmidt zu "Deutschlands Rap-Poeten Nummer eins" gekürt, sitzt auf einem sonderbaren Flickensofa im engen Backstage-Raum der Mensa-Bar, auf dem Schoß hat er ein silbernes Notebook.

 

Das klappt er auf, um ein paar Zeilen — vorzulesen — Rohmaterial, das es noch "einzuschleifen" gilt und das er auf der siebenstündigen Zugfahrt nach Freiburg verfasst hat. Ein Universum explodiert zu glitzernden Glücksfetzen, zerrissenen Luftschlosskulissen / Und schießt, zerplatzt, mit sexy Ex-Schätzchen ins Leere. Das sind Zeilen, denen "ein sehr trauriges Gefühl" zu Grunde liegt, sagt Bas Böttcher, über dessen Verse die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schrieb, dass sie sich zwar schön reimten, aber nicht immer einen Sinn ergäben.

 

"Mich kann man, was Auftrittsorte betrifft, mit nichts mehr schocken" , antwortet der 32-Jährige auf die Frage, was für ihn die ideale Location ist. Böttcher tritt in Clubs auf und auch auf Partys, wo im Nebenraum der Bass so laut hämmert, dass ein Poesie-Vortrag kaum möglich ist, oder wo er morgens um drei vor übrig gebliebenen Gästen bei Glühbirnenbeleuchtung steht. Einmal, auf der Frankfurter Buchmesse, hat aber wirklich alles gepasst, da haben sie ihm eine Art schalldichte Box gebaut, in der 25 Zuschauer über Kopfhörer ausschließlich ihm gelauscht haben. "Das waren ideale Bedingungen — wie in einem Tonstudio."

 

Für Böttcher ist jedes Publikum ein Publikum, egal ob es 450 sind wie neulich im hippen Zürcher Schiffbau oder 50 wie an diesem Abend in der Freiburger Mensa. Hauptsache, es gibt keine Blumendekoration am Bühnenrand. Obwohl — Blumen liegen ihm eigentlich am Herzen: Man druckt euch auf geschmacklose Tapeten und kleistert euch zu / Man besprüht euch mit Goldlack, wenn ihr nicht hübsch genug seid / Man häkelt euch als Topflappen und lässt euch dann anbrennen / man druckt euch auf Klopapier und wischt damit Popos ab / Blumenblüten, man hat euch verarscht / Blumenblüten, man hat euch verraten und verkauft.

 

Wortfetischist Böttcher rezitiert in der Mensa-Bar gestenreich, mit und ohne Hintergrundmusik, mal schneller und mal langsamer, mal lauter und mal leiser. Nein, er ist kein Rapper und auch kein Hip-Hopper. Gerade der Rap, findet er, könne in seiner aggressiven amerikanischen Form in der europäischen Kultur missverstanden werden; zudem seien beide zu Markenartikeln verkommen. Böttcher ist aber auch kein Poet, sondern ein Rap-Poet. Als solcher legt er Wert auf den mündlichen Vortrag, das "Spoken Word" . Auf Rhythmik und Klang und Silbenzahlen, Atmung und Herzschlag — auf dass der Kopf mit dem Körper verschmelze. Nicht umsonst steht am Ende seines Gedichtbands "Dies ist kein Konzert" der Hinweis, dass es sich bei den Gedichten um Bühnentexte handelt, die primär für den Vortrag verfasst wurden. Wobei diese Texte oft musikalische Qualität haben.

 

Einen Roman ("Megaherz" ) hat Böttcher auch schon geschrieben, zwei Jahre hat er daran gearbeitet, aber die Kritiken waren nicht so berauschend. Gerne würde er das Buch als Hörbuch herausbringen — "das wäre perfekt für meinen Roman, weil er komplett durchrhythmisiert ist" . Rap, Slam Poetry, Lyrik — sie alle sind für Böttcher genauso Äste desselben Baums wie Werbeslogans und Songtexte. Das klingt nach einem sehr modernen Textverständnis. Dabei stammt der gebürtige Bremer aus einer bürgerlichen Welt "mit Eigenheim und Lateinunterricht" und einer klassischen Bildung: Gründgens´ "Faust" -Version und Shakespeare waren und sind ihm lieb und teuer, seinen Lieblings-Beat-Poeten Lawrence Ferlinghetti hat er in den 90ern in San Francisco getroffen. Allerdings ist Böttcher, anders als die Drogen liebenden Beat Poets, "ein Fan des klaren Kopfes" und des "Rauschs der Realität" : "Ich halte nicht viel davon, sich mit Hilfe chemischer oder natürlicher Substanzen in andere Zustände zu versetzen und für ein Publikum zu schreiben, das mit Hilfe der gleichen Substanz in gleichen Zustand ist."

 

 


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