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Badische Zeitung, 17. September 2016


Foto: fred Filkorn

Vogelbeobachtung? Fehlanzeige

 

Eine Sexsklavin mausert sich zur Umweltaktivistin: Nell Zinks originelles Romandebüt "Der Mauerläufer"

 

Schriftsteller, höhnte Marcel Reich-Ranicki gern, verstehen von Literatur ungefähr so viel wie Vögel von Ornithologie. Das mag so sein, aber es gibt in der neueren Literatur dennoch immer mehr Autoren, die Distelfink und Halsbandschnäpper, Kampf- und Mauerläufer voneinander unterscheiden können; zuletzt beobachtete Juli Zeh in "Unterleuten" einen Vogelschützer im Unterholz der ostdeutschen Provinz.

 

Die in Deutschland lebende Amerikanerin Nell Zink versteht von Ornithologie vielleicht mehr als der vogelkundige Jonathan Franzen, aber von der Idealisierung der Vögel und "Ornis" ist sie weit entfernt. "Vögel sind quantig", schreibt sie in ihrem schmalen Debütroman "Der Mauerläufer". "Bis du überhaupt raushast, wo sie sich verstecken, ist es zu spät, sie so zu sehen, wie sie wirklich sind. Vogelbeobachtung? Fehlanzeige. Das ist nur schöner Schein für Dumme". Warum überhaupt, heißt es einmal, sorgt sich bloß alle Welt um die Vögel? Sie sind tagaktiv, auffällig, gut erforscht und allseits beliebt, während sich um die bedrohten und verkannten "Kleinsäuger" kein Schwein kümmert.

Neill Zink, 52, war eine literarische Kleinsäugerin, die als prekäre Übersetzerin und Journalistin in der brandenburgischen Kleinstadt Bad Belzig lebte, bis Franzen den armen schrägen Vogel aus der ostdeutschen Provinz zum Shooting Star machte. Zink hatte ihren berühmten Kollegen so sachkundig und geistreich auf ornithologische Schnitzer und Versäumnisse hingewiesen, dass Franzen sie zum Schreiben ermunterte und ihren Debütroman "The Wallcreeper" promoten half.

 

"Der Mauerläufer" steht allerdings Walt Whitman, Zinks Vorbild Robert Walser oder auch Charlotte Roches Rotzgörencharme deutlich näher als Franzens epischem Realismus: Sprunghaft, chaotisch und frech, dann wieder ganz zart und leise, manchmal nervig und anstrengend durch überschlaue Aperçus und extravagante Metaphern ("Manchmal klang seine Musik wie ein auf eine Sandbank gelaufenes Containerschiff, das langsam zur Seite kippt. Manchmal klang sie wie ein für die Projizierung auf die Mondscheibe abgemischter Kriegsfilm"), aber fast immer witzig und originell erörtert Zink allerlei Themen zwischen Dubstep und Drogen, Postfeminismus und Eifersucht, Berner Gemütlichkeit und Berliner Clubkultur, deutschem Haselmaus-Monitoring und Vogelmord im Kosovo.

 

In den USA wurde "Der Mauerläufer" als eigenwilliges Meisterwerk gefeiert. Inzwischen bekommt Zink geradezu atemraubende Vorschüsse; zwei weitere Romane sind bereits erschienen, darunter einer über den Zusammenhang von Nikotin und Sex. "Der Mauerläufer" ist ein quecksilbriges Gebräu aus Entwicklungsroman, Autobiografie, Tagebuch und ornithologischen Betrachtungen, gewürzt mit skurrilem Humor und pornografischen Einsprengseln. Schon auf den ersten Seiten erzählt Zinks Heldin Tiffany von Analsex in der Küche, und natürlich ist für das flatterhafte Wesen mit der "singvogelhaften Sexualmoral" auch das alte Wortspiel, Ornis seien "gut zu Vögeln", unverzichtbar. Zinks unkonventioneller Umwelt-, Natur- und Vogelschützer-Roman ist jedenfalls meilenweit entfernt von jener nachhaltigen Trägheit und Biederkeit, die das Genre sonst auszeichnet. Die Natur, so Tiffs Credo, will in Ruhe gelassen, nicht eingehegt, verhätschelt und verbessert werden: "Leben ist das, was passiert, wenn du die Finger davon lässt. Es verläuft zirkulär! Aber niemand will die Finger davon lassen. Alle wollen die Natur lieben. Naturliebe ist ein Widerspruch in sich."

 

Tiffany ist eine junge Frau mit schwach ausgeprägtem Selbstbewusstsein und starkem Liebesbedürfnis. Sie ist geistig unabhängig, sensibel und gesellig, aber Männer machen sie wieder zur "rolligen Katze mit Halluzinationen". Für sie spielt Tiff das Weibchen, das klaglos den Haushalt besorgt, die willige Sexsklavin, selbst den Brutkasten. Aber die Männer meinen es selten gut mit ihr. Stephen, ihr ungeliebter Gatte, ist ein grimmiger Vogel- und Kontrollfreak, der sie demütigt und mit einer "schlunzigen" Praktikantin betrügt. Elvis, ihr Berner Lover, ist ein selbstverliebter Macho aus Montenegro: "Er trug enge Hosen und hatte einen Abschluss in Überholter Theorie aus Ljubljana".

Bei einem Kongress über Gewässerschutz lernt Tiff den wohltuend harmlosen Storchenfreund Olaf kennen; mit Gernot, einem radikalen Öko-Pastor aus Sachsen-Anhalt, untergräbt sie den Elbdamm. Die Flüsse müssen, notfalls durch Terror und Sabotage, aus dem Korsett der Kanäle und Staustufen befreit werden, und so wird auch Tiff endlich flügge. Sie verlässt ihr Nest, studiert Ökologische Forstwirtschaft und Hydrogeologie und schreibt ihren "Mauerläufer".

 

Zinks Mauerläuferin wirkt wie ein gerupftes Vögelchen unter all den Profis, Praktikanten und Pfauen der Umweltbranche, die um Posten und Sponsoren rangeln und nächtelang über Imagekampagnen, Fundraising und Social Investment diskutieren. Tiffany gehört eher zu jenen Vögeln auf dem Feld, die sich im sorglosen Dahinleben eine Art von franziskanischer Armut, Würde und Unschuld bewahren wollen. Sie hackt zwar auch auf Mitgeschöpfen wie dem Berliner Hipster oder dem ostdeutschen Gutmenschen mit "klerikalen Stehkragen" herum, aber eigentlich will sie nur fröhlich schnäbeln, vögeln und schreiben, die Vogelwelt vor Kapitalismus, Katzen und albanischen Singvogelmördern retten und immer neue Erzähl-Eier legen. Bisher schrieb Nell Zink nur für die Schublade oder für Freunde; jetzt scheint der Damm gebrochen zu sein.

Nell Zink: Der Mauerläufer. Roman. Aus dem Englischen von Thomas Überhoff. Rowohlt Verlag, Reinbek 2016. 188 Seiten, 19,95 Euro.

Lesung: Die Autorin liest als Gast des Carl-Schurz-Hauses am 20. September, 20 Uhr, im Kommunalen Kino Freiburg, Urachstr. 40.

 

 


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