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Vorhang zu?


Der Theatersaal wird Literaturhaus. Aber was ist das eigentlich, und wo sollen die Theatergruppen hin?

 

Wenn Martin Bruch, der Leiter des Literaturbüros Freiburg vom Areal der Alten Uni spricht, gerät er ins Schwärmen: „Das ist einer der schönsten Innenhöfe Freiburgs, und die alte Universität wird mit dem Einzug des Literaturhauses noch lebendiger werden.“ Im Frühjahr 2016 soll mit dem Literaturhaus in der Alten Universität ein zentraler Ort für Literatur in Freiburg geschaffen werden. Für das Literaturbüro, das sich bisher mit dem Kommunalen Kino den Alten Bahnhof in der Wiehre teilt, ist der Umzug ein Glücksfall. Bisher müssen viele Veranstaltungen aus Platzmangel in der Stadt verteilt stattfinden. Vom neuen, zentralen Standort erhofft sich Martin Bruch, bei einem studentischen Publikum präsenter zu werden. „In der Wiehre ist das Publikum nicht so gemischt, viele Studierende wissen gar nicht, was wir machen. Dabei haben wir viele Veranstaltungen im Programm, die sich auch an eine studentische Zielgruppe richten, etwa Buchpremieren, Schreibwerkstätten oder die „Zwischenmiete“, für die wir junge Autoren nach Freiburg holen, die dann in WGs Lesungen machen.“

 

Ein Gewinn für die studentische Kultur also – wenn die neuen Räume nicht bereits belegt wären. Der Theatersaal ist schon seit Jahrzehnten das Zuhause der studentischen Theatergruppen Freiburgs. Wenn der Theatersaal im Herbst für die Bedürfnisse des Literaturhauses umgebaut wird, steht er ein ganzes Semester nicht zur Verfügung.

Und auch danach können die Theatergruppen ihn nur noch in bestimmten Korridoren nutzen. „So’n bisschen Schwermut ist schon dabei“, sagt Christopher Seiberlich von der Theatergruppe „Schall und Rauch“, wenn er an den Abschied vom Theatersaal als reines Refugium der Theatergruppen denkt. Charlotte Großmann, die bei der englischsprachigen Theatergruppe „ManiActs“ spielt und Seiberlich sprechen als Vertreter des Freiburger Interessenverbands für Studentisches Theater (FIST) für die Theatergruppen. Im Moment sind es acht Theatergruppen, die den Saal nutzen, neben alten Hasen wie den portugiesischsprachigen „Os Quasilusos“, gründen sich auch jedes Semester Neue. „Das studentische Theater in Freiburg hat eine riesige Dimension“, beschreibt Christopher. „Wir haben 6000 Zuschauer im Jahr, nicht nur Studierende, auch Schulklassen oder ältere Menschen. Durch den Theatersaal als zentralen Ort haben wir auch eine besondere Struktur, die verschiedenen Gruppen können sich austauschen und gegenseitig unterstützen. Es ist schön zu sehen, wie sich aus einer kleinen Idee eine Inszenierung entwickelt.“ Nach dem Einzug des Literaturhauses ändert sich das: Nur noch maximal drei Gruppen könnten den Theatersaal nutzen. Universitätsrektor Schiewer hat den Theatergruppen zwar einen durch den Umbau qualitativ hochwertigen Raum versprochen. Doch Christopher winkt ab: „Wir brauchen keinen qualitativ hochwertigen Raum, wir brauchen genug Platz für die Bühne und das Publikum.“ Für die Theatergruppen, die sich selbst finanzieren, geht es dabei um die Existenz. Und nicht nur das: „Es ist möglich, dass wir ein bis zwei Semester nicht spielen können“, sagt Charlotte. „In dieser Zeit wird sich die ganze Theaterszene verändern. Es geht dann unheimlich viel Know-How verloren, gerade was Bühnenbild oder Beleuchtung angeht.“ Die Situation ist auch für das Literaturbüro ungünstig: „Wir sind jetzt für manche Studierende mit Herzblut fürs Theater eine Art Schreckgespenst geworden“, bedauert Martin Bruch. Für die Theatergruppen zeigt er Verständnis. „Bisher konnten sie den Saal zu 100 Prozent nutzen. Da ist es natürlich ein Einschnitt, wenn sie nur noch bestimmte Korridore zur Verfügung haben. Es braucht also auch weitere Räume für die sehr vielfältige studentische Theaterszene.“

Eine Zusammenarbeit mit den Theatergruppen, wie von Uni-Rektor Schiewer vorgeschlagen, kann er sich gut vorstellen. Martin Bruch ist optimistisch, dass sich eine Lösung findet. Er macht aber auch klar, dass Literaturveranstaltungen die erste Priorität haben sollen: Zum Beispiel sollen die großen Theatervorhänge entfernt werden. Die Verhandlungen zehren an den Nerven. „Wir müssen darum kämpfen, Tage für unsere Generalproben zu bekommen“, erzählt Charlotte. „Die Frage ist auch, wie viele Kompromisse man eingehen kann, bis es an der Substanz zehrt.“ Vor allem stört die Theatergruppen die mangelhafte Kommunikation. Vom Einzug des Literaturhauses in den Theatersaal haben sie aus der Zeitung erfahren. Neue Vorschläge der Stadt oder des Literaturbüros kommen oft erst in der Nacht vor einer Verhandlungssitzung. „Das sind dann 20, 30 Seiten Text, und wir müssen uns ja auch noch mit den Theatergruppen rückkoppeln. Dabei machen wir das alles ehrenamtlich neben dem Studium“, stellt Charlotte klar.

 

Räumchen-Wechsel-Dich

 

Bei der Suche nach Alternativen fühlen sich die Theatergruppen nicht in ihren Bedürfnissen ernstgenommen. „Uns wurden viele Räume vorgeschlagen, etwa Kirchen oder Räume außerhalb der Uni, die nicht einmal Strom haben oder den Brandschutzvorschriften genügen“, sagt Charlotte. Zwei Räume stehen momentan in der engeren Auswahl: Der Peterhofkeller und der alte Kinosaal am Fahnenbergplatz. Aber beide sind im Vergleich zum Theatersaal lange nicht ideal. „Im Peterhofkeller ist die Bühne nur vier mal zwei Meter groß, es gibt keinen echten Backstagebereich, keine Infrastruktur, er ist nicht barrierefrei. Er ist nur extrem problematisch bis nicht bespielbar“, stellt Christopher fest. Der Kinosaal eignet sich schon besser, nur ist er nicht gerade zentral gelegen, auch nicht barrierefrei und besitzt keinen Starkstromanschluss. Die Universität hat daher einen Umbau versprochen. Das Problem dabei: Eigentlich ist der Kinosaal auch schon anderweitig versprochen. Hier soll während der Renovierung des KG II der aka-Filmclub sein Domizil finden. Wenn sich aka und Theatergruppen den Saal teilen müssen, wären wohl auch keine wöchentlichen Proben möglich; der Filmclub könnte nicht mehr so viele Vorstellungen zeigen. Es wirft kein gutes Licht auf die Informationspolitik der Universität, dass auch der aka erst von den Theatergruppen über die neuen Pläne informiert wurde. Charlotte Großmann findet dieses Saalchaos befremdlich: „Es gibt einen massiven Raummangel an der Uni, der sich durch die Schließung des KG II noch verschlimmert. Wie man in dieser Situation einen großen Raum an eine Institution außerhalb der Uni abgibt, das verstehe ich nicht. Wir haben einen wunderbaren Theatersaal, wir haben einen Kinosaal, wir haben viele Säle, die sich sehr gut für Lesungen eignen. Also warum sollte man etwas daran ändern?“

Und die Zeit drängt, der Umbau des Theatersaals müsste möglichst schnell erfolgen, doch bisher gibt es weder eine Ausschreibung noch eine Prüfung durch einen Veranstaltungstechniker. Man wähnt sich in einem absurden Theaterstück: Das Literaturbüro möchte endlich eigene Räume, die es sich nicht mehr mit dem Kommunalen Kino teilen muss, soll dafür aber ausgerechnet die Theatergruppen aus ihrer Heimstätte verdrängen. Denen wird dann wiederum das versprochene Ausweichdomizil des aka-Filmclubs angeboten. Es wäre Zeit, endlich Nägel mit Köpfen zu machen: Sollte der aka-Filmclub nicht ins Kommunale Kino einziehen? Dort werden bald Räume frei.

 

Jaakko Kacsóh


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