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Badische Zeitung, 02. Oktober 2014


Foto: ingo schneider


Der Französisch-Übersetzer Tobias Scheffel erläutert in der Stadtbibliothek seine Arbeit.

 

Offenkundig wären viele gern an seiner Stelle: Als der Freiburger Französisch-Übersetzer Tobias Scheffel (50) am Dienstag, dem Internationalen Übersetzertag, in der Stadtbibliothek öffentlich mit seiner Arbeit losgelegt hat, bekam er unzählige Anregungen von seinem rund 40-köpfigen Publikum. Unter dem Titel "Der gläserne Übersetzer" haben er und seine auf Englisch spezialisierte Kollegin Maja Ueberle-Pfaff Einblicke in ihre Arbeit geboten.

Die Vorschläge nehmen kaum ein Ende: Etagennachbar, Flurnachbar, direkter Nachbar, Stockwerksnachbar. Oder einfach "der von nebenan"? Auf klar ablehnendes Murren stößt "Nachbar von nebendran." Aber wie lässt sich "le voisin de pelier" am besten ins Deutsche übermitteln? Es gibt keinen passenden deutschen Begriff für einen Nachbarn, der in einem Haus mit mehreren Wohnungen auf demselben Stockwerk wohnt, erläutert Tobias Scheffel das Problem. Am meisten überzeugt ihn schließlich ein weiterer Tipp: "Der Mann von nebenan". Tobias Scheffel sitzt mit einem Laptop an einem kleinen Tisch und tippt, das Publikum schaut zu, wie der deutsche Text auf der rechten Seite der Leinwandprojektion immer länger wird, links steht das französische Original.

 

Es ist ein Ausschnitt aus einer Kurzgeschichte des Bands "Les Sangliers" von Véronique Bizot, die deutsche Übersetzung erscheint im März 2015 im Steidl- Verlag.

 

Langer Kampf bis zur endgültigen Fassung

 

In der Erzählung trifft der Ich-Erzähler einen Mörder, dem niemand seinen Mord glaubt. Stattdessen engagiert ihn ein Theaterdirektor, der ihn für einen Schauspieler hält, der Abend für Abend eine inszenierte Geschichte vorträgt.

 

Im französischen Originaltext sind viele Sätze, die sich über etliche Zeilen hinziehen. "Ganz schön verschachtelt", murmelt ein Mann. Das bestätigt Tobias Scheffel, der sich bemüht, verständlich zu sein, aber "den Spaß am Verschachtelten" zu bewahren. Das ist für ihn oft ein langer Kampf: Als erstes bremst ihn bisweilen seine Co-Übersetzerin, spätestens aber die Lektorin, die am liebsten alles in sehr einfaches Deutsch bringt.

 

"Dann setzen wir uns zusammen und finden eine Lösung, doch die ist nicht meine." Wenn Tobias Scheffel immer wie jetzt als "gläserner Übersetzer" arbeiten würde, hätte er es noch viel schwerer. Irgendwann unterbricht er seine übereifrigen Helfer lachend: "Wissen Sie, dass Sie mir in zehn Sekunden an fünf Baustellen 20 Vorschläge machen?" Und doch: Fast eine halbe Textseite ist nach eineinhalb Stunden geschafft. Bis zur Endfassung sitzt Tobias Scheffel an 100 Seiten ungefähr einen Monat.

 

Wenn’s gut läuft, bekommen freiberufliche literarische Übersetzer wie er dafür ein Honorar von 2000 Euro. Davon müssen Steuern und Sozialversicherungen abgezogen werden, Urlaub und Krankheit sind ohnehin privater Luxus. Dennoch ging es ein bisschen voran, weil seit Frühjahr eine Vergütungsregel gilt, nach der Übersetzer an Gewinnen beteiligt werden sollen. Bisher halten sich aber nur manche Verlage dran. Doch Tobias Scheffel liebt seinen Job wegen der Vielfalt der Texte, seiner Freude an Sprache. Er stieg vor 25 Jahren am Ende des Romanistik-Studiums ein, damals war er hilfswissenschaftlicher Mitarbeiter. Der Anfang war für ihn etwas einfacher als üblich, weil seine Eltern beide ebenfalls Übersetzer waren. Dadurch fand er leichter Aufträge. Inzwischen hat er sich etabliert, Preise bekommen und unter anderem Gustave Flaubert übersetzt.

 

Ausstellung: "In Freiburg übersetzt". Eröffnung mit Übersetzerinnen und Übersetzern, Mittwoch, 15. Oktober, 20 Uhr, Stadtbibliothek, Münsterplatz 17. Eintritt frei.


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