unterstützt von
Jos Fritz Bücher, Freiburg
     
Veranstaltungen
Tourneen & Festivals
Verein
Service
Unterstützung
Presse
Kontakt

DIE BADISCHE ZEITUNG ZU ROLF DIETER BRINKMANN


Foto: Christa Donner

Aber was ist denn da tatsächlich?

 

Zum 40. Todestag des Dichters Rolf Dieter Brinkmann.

von Hartmut Cellbrot

 

Sein Prosadebüt "In der Grube" 1962 kommentiert Rolf Dieter Brinkmann so: Die "Hauptperson" werde "aufgesaugt von einem Allgemeinen, das sie zu benennen versucht." Einem unbestimmten, allgegenwärtig Herrschenden schreibend zu widerstehen, es zu durchbrechen, ohne in dessen Bannkreis zu geraten: In dieses Spannungsfeld sieht sich der Dichter von Beginn an versetzt. Das Bedrohliche geht für ihn von der gesamten europäischen Zivilisation aus. Seine vehemente Kritik an ihr führt Brinkmann früh dazu, die Grenzen der Schrift zu überschreiten und zu intermedialen Darstellungsmöglichkeiten zu greifen.

 

Brinkmann strebt eine Befreiung von der etablierten Literatur an, die er als "Angstszene" empfindet. Seine Absicht war es "von Anfang an", wie er in einem der postum publizierten Briefe an Hartmut Schnell, den er während einer Gastprofessur in Austin im Frühjahr 1974 kennenlernt, vermerkt: "gegen den Begriff Gedicht mit meinen Gedichten zu schreiben, gegen Gedichte als elitäre Kunstprodukte".

 

Zur Zeit des Briefwechsels arbeitete Brinkmann am Gedichtband "Westwärts 1 & 2". Dieser begründete seinen Ruf als bedeutender Lyriker und erschien nur wenige Tage nach seinem frühen Unfalltod am 23. April 1975 in London, wo er sich nach seinem Auftritt auf einem internationalen Lyrikertreffen in Cambridge aufhielt. Geboren wurde er 1940 in Vechta im Oldenburgischen, besuchte das Gymnasium und verfasste erste Gedichte.

 

Vermittler der Underground-Szene

 

Aus der literaturfernen Welt ("Wer mag schon die Bauern Südoldenburgs besingen?") zog es ihn in die Stadt. Nach einer Buchhändlerlehre in Essen geht er 1962 nach Köln, heiratet Marleen Kramer. Beide besuchen die Pädagogische Hochschule. 1964 kommt ihr Sohn Robert zur Welt. Von seinen literarischen, filmischen, fotografischen Arbeiten und den Tätigkeiten für den Rundfunk kann Brinkmann den Unterhalt zu keiner Zeit hinreichend bestreiten. Der immer wieder nötige Verkauf seiner Büchersammlung wirft ein Licht auf die schwierige Lage ("Wie soll das alles weitergehen?"). Die prekäre Lebenssituation mindert nicht seinen Willen zu schreiben; er war ein ausgesprochen produktiver Autor.

 

Einen Namen als Lyriker, Autor des Romans "Keiner weiß mehr", Vermittler und Übersetzer der amerikanischen Pop- und Underground-Szene hatte er sich schon in den sechziger Jahren erworben. Davon zeugen die Übertragung der "Lunch Poems" von Frank O’Hara und die großen Anthologien "Acid" und "Silver Screen". Gemeinsam mit dem Underground-Pionier Ralf-Rainer Rygulla gehört er zu den ersten Autoren, die im Umkreis der Studentenbewegung die neue amerikanische Lyrik in Deutschland bekannt machen.

 

In der frühen Lyrik fällt der antipoetische Gestus auf. Das Gedicht "Kulturgüter" aus dem Band "Ihr nennt es Sprache" beruft in einem Atemzug die "roten Morgenröcke" Marylin Monroes, "drei Preise für Böll", "Ohrenschmalz von Enzensberger" und "eine Sonate von Stockhausen". Bemerkenswert ist der ökonomische Umgang mit dem Material. Entgegen programmatischer Äußerungen, für das Schreiben zähle allein der Augenblick, wird einmal Gefundenes bewahrt und findet seine Verwendung in Versuchsreihen. Das zufällig Anmutende seiner Texte, das man Brinkmann vorgeworfen hat, stellt sich paradoxerweise als das Resultat einer Arbeit an der Form dar.

 

Dem Pop widmet Brinkmann in den späten 60ern erhöhte Aufmerksamkeit. Die Oberflächenphänomene des Alltags offenbaren eine bodenlose Vieldeutigkeit, der das Druckbild zu entsprechen sucht: Leerstellen werden gelassen, Wörter getrennt, Verszeilen grafisch versetzt. Ein Polylog entsteht. Der Film wird zum Paradigma erhoben. Die Möglichkeiten zu abrupten Schnitten, Sprüngen und Überblendungen faszinieren den Dichter nachhaltig. Brinkmanns Definition von Literatur als dem "Film in Worten" verleiht dem Ausdruck.

 

Sinnfällig wird dieses Verfahren im Gedichtband "Westwärts 1&2". Das Gedicht bildet ein engmaschiges Gewebe aus autobiografischen Notaten, sinnlichen Wahrnehmungen und Zitatfragmenten aus der Rock- und Popkultur und Reflexionen über Sprache ("Ich möchte Wörter benutzen, die / nicht zu benutzen sind").

 

In ähnliche Richtung weist der Nachlassband "Rom, Blicke", der aus Tagebuchnotizen und Briefen an seine Frau während eines Stipendiaten-Aufenthalts in der Villa Massimo entstanden ist: eine Montage aus Fotos, Zeichnungen, Postkarten, Stadtplänen, Gedanken- und Wahrnehmungssplittern. Versuche, auf das Medium Schrift vollkommen zu verzichten, bilden die 1973 im Auftrag des WDR für ein Selbstporträt unternommenen Streifzüge durch die Stadt Köln. Mit einem Tonbandgerät ausgerüstet trachtet Brinkmann, mit der eigenen Stimme der Wirklichkeit nahezukommen. Die Bedeutung Brinkmanns besteht nicht zuletzt darin, in seinen intermedialen Erkundungen auf die paradoxe Verfasstheit der eigenen Körperlichkeit aufmerksam gemacht zu haben: zugleich Subjekt und Objekt zu sein.

– Am 26. April findet im Kommunalen Kino Freiburg eine Gedenkveranstaltung für Rolf Dieter Brinkmann statt. Um 17 Uhr diskutieren Klaus Theweleit und der Filmemacher Harald Bergmann, um 19.30 Uhr wird der Film "Brinkmanns Zorn" gezeigt.


© 2005 beebox