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DIE BZ ÜBER DIE SZENISCHE LESUNG VON TELLURIA

Auf der Reise nach #Telluria

 

Eine perfekt unperfekte szenische Lesung aus Vladimir Sorokins neuem Roman am Theater Freiburg.

von Thomas Steiner

 

Zwei Hundewesen kochen den Kopf eines menschlichen Kriegers, den sie auf einem Schlachtfeld gefunden haben. Das eine redet ab und zu in philsophischen Sentenzen, das andere in poetischen Reimen. Aus dem Kopf haben sie einen Nagel aus Tellur herausgezogen, auf die Kugel aus Blei, die noch drinsteckt, beißt eines drauf. So geht es zu in Vladimir Sorokins jüngstem Roman "Telluria", der im August auf Deutsch erscheint. Es ist ein retrofuturistischer Roman, er spielt in einer Zukunft, die wie ein Früher aussieht. Lesen kann man ihn aber auch als einen Roman über die Gegenwart Russlands, wie alle jüngeren Bücher von Sorokin, dem Enfant terrible der russischen Literatur.

 

Auf der Bühne des Kleinen Hauses im Theater Freiburg waren die Hundewesen jetzt zu sehen. Intendantin Barbara Mundel hatte ihr Haus für eine Mitgliederversammlung des Verbands der Literaturübersetzer zur Verfügung gestellt. So tagten nicht nur im Winterer-Foyer Übersetzer aus ganz Deutschland, sondern es taten sich auch Schauspieler und Dramaturgen mit einigen von ihnen zusammen, für eine szenische Lesung von "Telluria".

 

Stefanie Mrachacz, Lisa Marie Stoiber und Jürgen Herold spielten einige der 50 Kapitel des Romans. Unter anderem traten noch auf: ein Penis aus dem Harem einer Königin, der von ihr durch den Palast gejagt wird, und ein Kentaur, der – brillant gesprochen von Jürgen Herold – in einem eigenen Idiom aus seinem Leben erzählt. In nur drei Tagen hatten die Schauspielerinnen mit den Dramaturgen Jonas Lindner, Veit Merkle und Inga Wagner die Umsetzung erarbeitet. Das Bühnenbild von "Frühlings Erwachen" im Kleinen Haus wurde fein genutzt: eine Bodenklappe als Kochtopf, die Verfolgungsjagd im Palast, mit viel Körperbeherrschung in Zeitlupe von Mrachacz und Stoiber auf Stühlen dargestellt. Wobei die Schauspieler mit Textausdrucken agierten. Wie in einer noch unfertigen Inszenierung.

 

Was bestens zu der noch unfertigen Übersetzung passte. "Der Text ist noch nicht trocken, es gibt noch einige Stellen", sagte Andreas Tretner beim Podiumsgespräch nach der szenischen Lesung. Der Berliner ist einer von gleich acht Übersetzerinnen und Übersetzern, die an dem vielstimmigen Buch gearbeit haben. Zusammen mit der Kollegin Olga Radetzkaja berichtete er davon.

 

Und dabei klärte sich auch die Sache mit den Hashtags auf. Immer wieder waren im Text einzelnen Worten #-Zeichen vorangestellt, wie auf Twitter. Die Freiburger hatten sich gedacht, der Autor Sorokin wolle damit dem Leser etwas sagen, und entschieden, dass die Schauspieler sie mitsprachen, etwa beim Land "Hashtag Tellurien". "Wir Übersetzer nennen das Originalitätsunterstellung", sagte jemand aus dem Publikum. Doch wie Tretner und Radetzkaja aufklärten, waren die Doppelkreuze von den Übersetzern eingefügt: vor den Worten, über deren Übersetzung noch beraten werden muss. Das hatte den Freiburgern nur keiner gesagt. Es sorgte im Kleinen Haus für großes Amüsement und veranlasste einen der Dramaturgen, kopfschüttelnd eine Runde um die Bühne zu drehen. So bekam auch das Werkstattgespräch ein szenisches Moment – und der Abend wurde ein perfekter unperfekter Abend. Wenn die Lesung am 26. April im Winterer-Foyer wiederholt wird, sollte man die Hashtags drinlassen.


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