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Badische Zeitung, 14. April 2014

DER VERSCHWUNDENE GROßVATER

"Die Zeremonie" in der Freiburger HörBar.

 

Beaune-La Rolande. Immer wieder Beaune-La Rolande. Zwanzig, dreißig Jahre lang einmal im Jahr Beaune-La Rolande. Der Zuhörer hat keine Chance. Er muss ihn sich merken, den Namen eines französischen Konzentrationslagers, von dem aus ab 1942 Juden nach Auschwitz deportiert wurden. Zu ihnen gehörte der aus Polen stammende Großvater der französischen Schriftstellerin Cécile Wajsbrot.

Mit ihrem Hörspiel "Die Zeremonie" erinnert sie an ihn, den sie nie gekannt hat. Der ihr nur in den Erzählungen der Großmutter lebendig wurde. Nach nur zwei Monaten Lagerhaft ist er in Auschwitz gestorben, da er die Hoffnung aufgegeben hatte, Frau und Kinder wiederzusehen.

 

In Christiane Ohaus’ akustischer Umsetzung (mit der sehr guten deutschen Übersetzung von Hans Thill) ist Imogen Kogge die Ich-Erzählerin, die in Tagebucheinträgen das alljährliche Gedenkritual in Beaune-La Rolande registriert. Wie immer dieselben Hinterbliebenen die immer gleichen Botschaften und Appelle in die Welt schicken, wie das Totenlied gesungen wird, wie die Großmutter irgendwann nicht mehr dabei ist, und wie ihre 1954 geborene Enkelin die Ausflüge nach Beaune-La Rolande gehasst hat, weil sie etwas hinter sich herschleppen musste, das nicht ihr eigenes Leben war.

 

Es ist eine ruhige, unsentimentale Erzählung, unterlegt mit einer Kulisse aus Tönen und Geräuschen, die gerade genug Lokalkolorit transportieren, ohne plakativ zu werden. Das ist gut so, denn die Erzählung braucht keine akustischen Geschmacksverstärker. Sie entfaltet eine stille Wucht aus der immer wieder neuen Fassungslosigkeit ob des ungeheuren Verbrechens der Shoa.

 

An einem schönen Frühlingstag im Jahr 1941 muss sich der Großvater, der trotz seiner fremden Herkunft für Frankreich in den Krieg ziehen wollte, in seinem Heimatort registrieren lassen. Der korrekte Mann will den bürokratischen Akt schnell hinter sich bringen – und verschwindet für immer. Einmal noch wird ihn seine Frau sehen, da sie ihm nach Anweisung der Behörden einen Koffer mit Sachen bringt.

 

In freundlich munterem, fast alltäglichem Plauderton umkreist Imogen Kooges Ich-Erzählerin das Schicksal des unbekannten Großvaters. Einmal gelang ihm die Flucht aus Beaune-La Rolande, beinahe, bevor er von Gendarmen aufgegriffen und zurückgeschickt wurde. Die Großmutter pflegte zu sagen, alles wäre anders gekommen in ihrem und dem Leben ihrer Nachkommen, wäre ihr Mann zurückgekehrt. Da ist keine Klage und keine Anklage, nur ein lakonisches, manchmal ungläubig staunendes Registrieren: Das trifft stärker als jedes Pathos. Was bleibt – als nicht zu verstummen, die Stimme der Literatur zu erheben, die dieses bemerkenswerte Produktion von Deutschlandradio und Radio Bremen so eindringlich zu Gehör bringt.

 

– Aufführung im Rahmen der HörBar, Montag, 14. April, 20 Uhr, Galerie des Alten Wiehrebahnhofs. Die Autorin Cécile Wajsbrot ist anwesend.


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