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Die Badische Zeitung über "Takeshis Haut":


© Dagmar Morath

Die Erde bebt, das Leben ist ver-rückt

von Katharina Brenner

 

Im Roman "Takeshis Haut" verknüpft Lucy Fricke die Tsunami-Naturkatastrophe und das persönliche Unglück ihrer Protagonistin.

 

Messerstiche in den Brustkorb machen Frida besonders viel Spaß: "Lasagneplatten in ein feuchtes Handtuch gewickelt, die Platten leicht eingeweicht, diese Mischung von Knacken und Saftigkeit." Frida ist Geräuschemacherin, sie vertont Filme. Sie kann kreischen wie eine Möwe und kennt mindestens 20 Arten, eine Zigarette zu rauchen. Abgesehen von ihrem außergewöhnlichen Beruf führt Frida ein gewöhnliches, kein besonders glückliches Leben mit Robert. Die beiden wohnen in ihrem gemeinsamen Haus, laden ihre Freunde zu flambiertem Huhn ein.

 

Lucy Fricke, 1974 in Hamburg geboren, schafft mit Frida, der Protagonistin ihres dritten Romans "Takeshis Haut", eine Identifikationsfigur der Generation Y. Eine Generation, die auf der Suche ist nach dem Glück und nach sich selbst. Berufsbild: irgendwas mit Medien, Hauptsache prekär. Auch Lucy braucht dringend Geld und da kommt einer genau richtig: Jonas. Ein junger Regisseur mit einem stinkreichen Vater. Jonas hat in Japan einen apokalyptischen Kriegsfilm gedreht. Das Problem: Tonmann und Tonspur sind spurlos verschwunden. Frida soll die Geräusche einfangen, sie fliegt nach Kyoto.

 

Das Bild, das Fricke von Japan zeichnet, ist ikonographisch. Überall stehen sprechende Automaten und natürlich besucht Frida gleich zu Beginn ihres Aufenthalts einen Tempel, aus dem "die kleinen Fußsohlen einer Frau hinausschweben". Es hätte das Potential, abgedroschen und kitschig zu sein. Fricke baut die Beschreibungen aber so nonchalant in den Text ein, dass sie ihn nie dominieren.

 

Zunächst ist Frida alles fremd in Japan und ihre Frustration groß: Die ersten Aufnahmen sind unbrauchbar. "Sie hörte ein Flattern, wiederkehrend, kaum wahrzunehmen, doch es war da." Der Concierge ihres Apartmenthauses versteht die Störung poetisch: "Sie hören Land." Als Frida seinen Sohn Takeshi kennenlernt, wird aus dem Geräusch ein inneres Beben. In der Berührung von Takeshis Haut glaubt Frida, "das Flattern wieder zu spüren, ein Krachen zu hören". Sie bricht innerlich auf, nimmt sich neu wahr. Doch dann bebt die Erde – Tsunami, Fukushima. Takeshis Vater sollte Recht behalten, als er sagte: "Sie hören Land." Alles gerät ins Wanken, innen wie außen.

 

Lucy Fricke legte die Grundlagen für ihr Buch im Rahmen eines Stipendiatenprogramms des Goethe-Instituts Kyoto im April 2011, wenige Wochen nach dem Tsunami. Raffiniert verknüpft sie Naturkatastrophe und persönliches Unglück. "Takeshis Haut" ist ein temporeicher Roman, der mit vielen komischen Momenten und einer überraschenden Leichtigkeit von einem buchstäblich ver-rückten Leben erzählt.

– Lucy Fricke: Takeshis Haut. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2014. 18,95 Euro. Lesung: Donnerstag, 22. Januar, 20 Uhr im Alten Wiehrebahnhof, Freiburg.

 

 

 


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