unterstützt von
Buchhandlung Rombach, Freiburg
     
Veranstaltungen
Junges Literaturbüro
Writer in Residence
Verein
Service
Presse
Kontakt

Badische Zeitung, 30. November 2016


© fotowerk-aichner.at

Zwiespältig: Evelyn Grills Roman "Immer denk ich deinen Namen"

Die in Freiburg lebende Autorin Evelyn Grill beschwört in "Immer denk ich deinen Namen" die Verführungskraft der Sprache.

 

In ihrem neuen Buch hat Evelyn Grill den kalt beobachtenden, schonungs- und manchmal gnadenlosen Blick, für den die in Freiburg lebende, 74 Jahre alte Österreicherin oft gerühmt wurde, gegen einen romantischen, sehnsuchtsvollen, liebenden vertauscht. Das nimmt nicht wunder: Es geht in "Immer denk ich deinen Namen" um die Liebe eines Lebens. Eine Liebe, die sich gegen größte Widrigkeiten behaupten muss: eine tödliche Krankheit, einen autistischen Sohn, eine demente Mutter, einen lieblosen Ehemann, dazu die Bedürfnisse zweier halbwüchsiger Kinder. Eine unmögliche Liebe, eigentlich. Und doch entwickelt sie – allein über den Austausch von Briefen – einen so starken Sog, dass nichts sie wird aufhalten können.

 

Der liebende Mann trägt den schönen Namen Adrian; er ist Literaturwissenschaftler und Professor in einer südwestdeutschen Stadt; er ist überaus gebildet und vor allem ein Liebhaber von Gedichten. Jung ist er nicht mehr, fast 60, als er bei einer Reise nach Prag die um viele Jahre jüngere Vera trifft, eine Frau mit literarischen Ambitionen, die hinter dem Rücken ihres Mannes ein Jurastudium absolviert und ihrer Bekanntschaft die lapidare Botschaft serviert: Ehe sei eine Kurzform für Errare humanum est – Irren ist menschlich. Damit öffnet sie einen Echoraum, sperrangelweit. Adrian und seine Frau Nadine sind schon seit vielen Jahren kein Liebespaar mehr: Sie wirft ihm seine dauernde Abwesenheit von der Familie vor, er fühlt sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit von ihr komplett ignoriert. Und jetzt hat Nadine Krebs, im fortgeschrittenen Stadium. Sein jüngerer Sohn verachtet ihn, sein älterer ist wegen seines Autismus nicht ansprechbar.

 

Die Flucht in eine andere Welt ist bei derart bedrückenden Verhältnissen nur zu verständlich. Der zum Schwärmen, Träumen und vor allem auch Werben sprachmächtig Begabte schreibt sich in seine Liebe zu der fernen Vera buchstäblich hinein – und trifft bei ihr auf die allergrößte Resonanz: Wer bekommt schon solche Briefe, jubiliert sie an einer Stelle. Es ist eine Liebe auf Papier, die die Autorin hier heraufbeschwört: eine rein aus Sprache geschaffene imaginäre Gegenwelt zur Alltagstristesse ihrer Figuren. Adrian und Vera leben immer stärker nur noch in ihren Briefen. Ihre konkrete familiäre Umgebung sinkt zunehmend zur gleichgültigen Kulisse hinab. Vera entzieht sich den sexuellen Wünschen ihres Mannes, fühlt sich von Adrian auf einem anderen Gebiet erkannt: der Sphäre des Geistes und der Kunst. Bei Adrian, dem feingeistigen Intellektuellen hingegen öffnet die junge Briefpartnerin eine Schleuse für längst schon ad acta gelegte Gefühle. Neudeutsch gesprochen: eine Win-win-Situation. Altmodischer und poetischer: Hier haben sich zwei gefunden, die geradezu schicksalhaft füreinander bestimmt sind.

 

Noch aber lässt sie der Roman nicht zusammenkommen. Er sucht seine Protagonisten in ihrem jeweiligen Lebensumfeld auf und schneidet die szenarischen Einblicke in freudlose Eheverhältnisse hart und kommentarlos gegeneinander. Interessant ist dabei, dass sich die Autorin deutlich stärker in die Existenz des Mannes vertieft. Sie schildert detailliert seine universitären Tätigkeiten und lotet die Beziehung zu seiner Frau und seinen drei Kindern wesentlich intensiver aus als die Familienaufstellung seiner Briefpartnerin. Obwohl die Annahme naheliegt, dass Vera Evelyn Grills Alter Ego ist, bleibt sie im Verhältnis zu Adrian eigentümlich blass und unkonturiert.

 

Dafür könnte es eine Erklärung geben: Es geht in "Immer denk ich deinen Namen" auch im Schreibakt selbst weniger um die Analyse der eigenen weiblichen Befindlichkeit als um die Hinwendung zum Du, zum Geliebten. Hinzu kommt, dass es um seine privaten Verhältnisse vor allem wegen der letalen Krankheit seiner Frau wesentlich dramatischer bestellt ist – und der Roman wirft am Ende dann doch noch die Frage nach seiner moralischen Schuld auf: Veras eifersüchtiger Ehemann hat die Briefe offenbar per Zufall beim Suchen seiner Wanderschuhe entdeckt und an die todkranke Nadine geschickt. Dem Familientribunal entzieht sich der auf diese Weise ziemlich erbärmlich Ertappte durch zielloses Herumfahren mit dem Auto – bevor er zu dem über alles ersehnten Treffen mit der Geliebten aufbricht.

 

Warum nimmt "Immer denk ich deinen Namen" einen an nur wenigen Stellen so gefangen wie in diesem tragischen Moment der Entdeckung? "Immer denk ich deinen Namen" mag als nachgetragene Liebeserklärung sehr berührend sein. Doch literarisch scheint die Emotion den Blick der Autorin ein wenig getrübt zu haben. Ihre Waffen sind stumpf in diesem Text. In die Anteilnahme mischt sich daher die Enttäuschung darüber, dass Evelyn Grill hier nicht auf der Höhe ihrer Fähigkeiten ist.

 

Evelyn Grill: Immer denk ich deinen Namen. Roman. Haymon Verlag, Innsbruck Wien 2016. 139 Seiten, 17,90 Euro.

 

Lesung: Die Autorin liest am 1. Dezember um 20 Uhr im SWR Studio Freiburg, Kartäuserstraße 45, auf Einladung von SWR und Literaturbüro Freiburg.

 

 


© 2005 beebox