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Badische Zeitung, 30. September 2014


Foto: BZ


"Ein Fest der Vermittlung"

BZ-INTERVIEW: Tobias Scheffel zum Übersetzertag.

 

Übersetzen von Weltliteratur ist etwas ganz anderes, als lediglich das Wort in der Ausgangssprache durch ein Wort der Zielsprache zu ersetzen. Fremde Kulturen lassen sich nicht einfach deckungsgleich in die eigene übertragen. Daran soll der heutige Internationale Übersetzertag erinnern. BZ-Mitarbeiter Jürgen Reuß sprach darüber mit dem Freiburger Übersetzer Tobias Scheffel.

BZ: Die Übersetzer haben den Hieronymus-Tag als ihren Feiertag erkoren. Was hat ein vor 1594 Jahren verstorbener Heiliger mit Ihrem Berufsstand zu tun?

Tobias Scheffel: Als Verfasser der Vulgata, der jahrhundertelang maßgeblichen Übersetzung der Bibel ins Lateinische, ist er einer der ersten prominenten Vertreter unserer Zunft. Und er ist ein schönes Beispiel dafür, dass auch an der Wiege unserer christlich-abendländischen Kultur eine Übersetzungsleistung steht.

BZ: Wie feiern Übersetzer sich denn selbst?

Scheffel: Wir feiern uns nicht selbst, sondern ein Fest der Vermittlung zwischen Lesern und Literaturschaffenden aus aller Welt. In 13 deutschsprachigen Städten und 18 Goethe-Instituten weltweit, darunter Peking, Minsk, Wellington und São Paulo, laden wir als "Gläserne Übersetzer" dazu ein, uns bei unserer konkreten Vermittlungsarbeit über die Schulter zu schauen.

BZ: Warum so viel Gedöns ums Übersetzen? Ist nicht das schönste Kompliment für die Arbeit einer Übersetzerin, dass ihr Vorhandensein zwischen Originalautor und Leserschaft gar nicht wahrgenommen wird?

Scheffel: Wir wollen Übersetzer nicht um jeden Preis ins Licht zerren, aber es trifft bei uns schon einen Nerv, wenn so getan wird, als würde ein fremdsprachiger Autor sich selbstverständlich auch ganz trefflich auf Deutsch ausdrücken können. Dass dafür eine Übersetzerin verantwortlich ist, sollte sichtbar sein.

BZ: Warum?

Scheffel: Bei allen kulturellen Erzeugnissen ist es üblich, darauf zu schauen, wer was mit welcher Qualität und Fähigkeit macht. Warum sollte das beim Übersetzen anders sein? Solange nicht grundsätzliche Übereinstimmung darin besteht, dass jedes übersetzte Buch zwei Autoren hat, werden wir notgedrungen darauf pochen müssen, zur Kenntnis genommen zu werden.

BZ: Welche Not drängt da?

Scheffel: Wahrgenommen zu werden ist die Grundvoraussetzung dafür, Bedingungen schaffen zu können, die ein professionelles Übersetzerdasein überhaupt erst ermöglichen. Es handelt sich schließlich um eine anspruchsvolle und auch vertrauensvolle Tätigkeit. Der Leser vertraut dem Übersetzer, dass er nach bestem Wissen und Gewissen überträgt und darauf, dass wo Dostojewski oder Isabelle Allende drauf steht auch im Deutschen Dostojewski oder Isabelle Allende drinsteht.

BZ: Steht es denn so schlecht ums Ansehen der Übersetzer?

Scheffel: Auf Seiten von Institutionen und Förderern aus dem Bereich des internationalen Kulturaustausches hat sich aus der Erkenntnis heraus, dass das Übersetzen nicht nur ein künstlerischer sondern auch ein ganz wichtiger Beitrag zur Verständigung ist, einiges zum Positiven verändert. Aber solche positiven Veränderungen haben noch nicht den ökonomischen Alltag des Literaturübersetzens erreicht. In der Zusammenarbeit mit den großen Verlagen liegt in Bezug auf Verträge, Honorare und Beteiligung noch Einiges im Argen.

BZ: Und was ist mit den Lesern?

Scheffel: Das sind Verbündete, die nicht wollen, dass Kultur an der eigenen (Sprach-)Grenze endet.

 

– Tobias Scheffel, Jahrgang 1964, studierte Romanistik, Geschichte und Geografie in Tübingen und Freiburg. Er hat seit 1992 unter anderem Werke von Fred Vargas, Gustave Flaubert, Jacques Le Goff, Viviane Forrester und Catherine Clément übersetzt.

– Termine: "Der Gläserne Übersetzer": Tobias Scheffel und Maja Ueberle-Pfaff machen ihre Arbeit transparent: 30. September, 15 bis 18 Uhr. "Immer nach Hause": Freiburger Übersetzer stellen von ihnen übersetzte Bücher vor. 15. Oktober, 20 Uhr, jeweils Stadtbibliothek Freiburg.


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