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Badische Zeitung, 22.07.2014



 

Für Zeitschriften zu lang, für Bücher zu kurz

 

Die Gründerin eines digitalen Verlags und ihr Autor stellten in Freiburg das Publizieren jenseits der Gutenberggalaxis vor

 

Viel wird über die Zukunft des Buchs spekuliert, Vieles befürchtet. Liegt das Heil im Digitalen? In Freiburg hatten Carl-Schurz-Haus und Literaturbüro die gute Idee, diese Frage an eine Verlegerin weiterzureichen, die das gedruckte Buch bereits hinter sich gelassen hat. Im Café POW!, dem Freiburger Hipstertreff für Gründungskultur, stellten sich Nikola Richter, Gründerin von mikrotext, einem Berliner Verlag, der ausschließlich digital publiziert, und ihr Autor Sebastian Christ, im Brotberuf Redakteur der Huffington Post Deutschland, den Fragen von Literaturbüroleiter Martin Bruch.

 

Gleich von Beginn an fällt angenehm auf, dass Richter ihre Verlagsidee weniger als Bruch mit der alten Gutenberggalaxis inszeniert, sondern zunächst einmal eher als Konsequenz aus der persönlichen Erfahrung des Hinübergleitens ins Digitale. Schon einige Jahre vor der Verlagsgründung, die 2013 stattfand, bewältigte sie einen Großteil ihrer täglichen Lektüre vor dem Computerbildschirm. Zeitschriften, Blogs, Recherche – all das wird heute von immer mehr Menschen online erledigt. Der Sprung zum digitalen Lesen ist also von vielen zumindest in bestimmten Bereichen bereits gemacht.

 

Für die Verlagsgründung war aber noch etwas anderes ausschlaggebend: das Erkennen und Besetzen eines brach liegenden Zwischenraums. Der eröffnet sich durch zwei Grundbedingungen des herkömmlichen Buchmarkts. Zum einen ist der Zeitraum von der Einsendung eines Manuskripts bis zur Veröffentlichung lang, mindestens ein bis zwei Jahre, häufig länger. Zum anderen haben die meisten gedruckten Bücher mehr als 200 Seiten, ganz selten weniger als 100. Den entdeckten Zwischenraum besetzt mikrotext folgerichtig mit Texten, die für Zeitschriften zu lang und für ein Buch zu kurz sind, also etwa 50 Seiten umfassen, und bietet gleichzeitig den Service der schnellen Publikation.

 

In der Praxis sieht das so aus, dass jedes Vierteljahr zwei sogenannte "E-Booksingles", die thematisch zusammenhängen, veröffentlicht werden. Auch da positioniert sich mikrotext geschickt zwischen einem thematischen Minimagazin und klassischem Verlagsprogramm. Was idealerweise dabei herauskommt, zeigten die Eröffungssingles. Dafür wurde den zum E-Book "Der klügste Mensch im Facebook" gebündelten täglichen Statusmeldungen aus dem syrischen Bürgerkrieg von Aboud Saeed ein Essay von Alexander Kluge zur kreativen Nutzung des Internets gegenübergestellt. Ein großer Name und ein hochaktuelles Thema – kein schlechter Einstieg für einen Verlag.

 

Leben kann Nikola Richter von ihrem Verlegerinnenjob trotzdem nicht. Die Gewinnmargen bei einem E-Bookpreis von anfänglich 2,99, inzwischen 1,99 Euro sind noch zu klein. Da E-Books aber nicht, wie ihre gedruckten Kollegen, nach wenigen Jahren aus dem Handel verschwinden, könnte sich bei steigender Buchproduktion mit den Jahren vielleicht doch ein Leben daraus finanzieren lassen.

 

Sebastian Christ ist nicht aufs Buchhonorar angewiesen. Für mikrotext schreibt er reportageartige Skizzen über seine Erfahrung mit der NSA, aber auch über seine Nachbarschaft im für Berliner Standardwahrnehmung uncoolen Moabit. Man muss diese auf eine charmante Art bieder-humorigen Beobachtungen nicht mit den vom Verlag in der Selbstdarstellung gestellten Anforderungen, "dass das E-Book neue literarische Formate hervorbringen und verbreiten wird, dass es Formen sprengen kann, obwohl es aus Formeln besteht" überfrachten, um seine Lesung zu genießen.

 

Überhaupt ist das Verhältnis zum gedruckten Wort an diesem Abend durchgehend eher partnerschaftlich als sprengend. Denn während Nikola Richter auch privat gern auf dem Smartphone liest, druckt sich Christ für eine Lesung die Texte seiner E-Books lieber aus. Und selbst Richter beugt sich im gewissen Maße dem Wunsch des Lesepublikums, indem sie den erfolgreichen Aboud Saeed, zwar nur exklusiv, aber dennoch auch als gedrucktes Büchlein anbietet.

 

Das versöhnliche Fazit des Abends könnte lauten, dass es sicher eine Zukunft des Buches im Digitalen gibt, diese aber auf absehbare Zeit noch eher parallel in Nischen zum herkömmlichen Buchmarkt verlaufen wird. Ein Bruch in der literarischen Form wird das vermutlich nur dann mit sich bringen, wenn die Leser der Zukunft ihrer Leidenschaft vor allem auf dem Smartphone nachgehen. Auf E-Books mit ihrer augenfreundlichen elektronischen Tintentechnik und ihren rund 200 Gramm Gewicht lassen sich genauso gut auch dicke Wälzer lesen, in gewisser, nämlich wörtlicher Hinsicht sogar leichter.


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