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Das Goethe-Institut über Orte der Literatur


© Leipziger Buchmesse

Orte der Literatur: Mitten im Leben

 

Autoren treffen auch in Deutschland ihr Publikum immer häufiger an ungewöhnlichen Orten – etwa im privaten Wohnzimmer oder während einer Fahrradtour.

 

Literatur auf dem Friedhof? Eine Lesung im Rettungswagen? Eine Buchvorstellung in der U-Bahn? Was zunächst abwegig erscheint, ist längst zum festen Bestandteil der literarischen Szene in Deutschland geworden: Die Literatur hat den öffentlichen und privaten Raum erobert.

 

Bei der Leipziger Buchmesse etwa ist es inzwischen Tradition, dass Lesungen zum Teil an Orten stattfinden, die per se mit Literatur wenig bis gar nichts zu tun haben. So hat beispielsweise der Verlag Bastei Lübbe schon einmal die Trauerhalle des Leipziger Südfriedhofs gemietet. Diese ist wohlgemerkt noch in Betrieb, wie die vielen Kerzenständer beweisen, das Lesepult, die Kirchenbänke. Marc Sieper, Chef von Lübbe Audio, hat diesen von Abschied und Verlust geprägten Ort nicht einfach nur so erkundet und schließlich für eine Veranstaltung angemietet. Es geht an diesem Abend ja auch um einen „Abschied“. Lübbe Audio, die Hörbuchabteilung des Kölner Verlags, feiert Das Ende. So heißt die 100. Hörspielfolge aus der Romanheft-Reihe John Sinclair. Und Marc Sieper und sein Team wollten die geplante Pointe so authentisch wie möglich inszenieren. „Wir wollten unsere Fan-Gemeinde glauben lassen, dass wir die Serie wirklich einstellen. Und so suchten wir nach einem Ort mit entsprechend morbidem Charakter“, erzählt Marc Sieper. Die Rechnung ging auf, es kamen rund 300 Gäste, die Bänke waren alle belegt, am Kopfende der Trauerhalle stand sogar ein Sarg. Vor diesem agierten nun die Schauspieler und Sprecher, die das Publikum aus den Hörspielen kennt, und lasen einen extra für die Veranstaltung geschriebenen John Sinclair-Text vor. Dass das Ganze nur eine Finte ist, wird selbstverständlich während der Lesung aufgeklärt.

 

Frisches Programm an ungewöhnlichen Orten

 

Eine solch aufwendig betriebene Live-Inszenierung beschreibt sicherlich schon die Hochstufe eines Phänomens, das, streng betrachtet, seit gut zwei Jahrzehnten greifbar ist. Es geht darum, die Literaturpräsentation aus dem Korsett der „Wasserglas-Lesung“ zu befreien, in das sie eine ganze Epoche lang eingezwängt war. Als Lesung an gediegenen Orten mit karger Ausstattung, am besten vor weißen Wänden, wo sich dann oft die immer gleiche Gesellschaft versammelt. Seit einigen Jahren wird ein wesentlich frischeres Programm angeboten. Mittlerweile gehört es fast schon zum guten Ton, mit den Lesungen an Orte auszuwandern, die betont wenig mit Literatur zu tun haben. Die Stadt Wiesbaden etwa veranstaltete einen Vorlesetag, an dem in einer Pizzeria aus einem Roman vorgetragen wurde – aus dem Fenster, durch das normalerweise fertige Pizzen gereicht werden. Auch in einem Rettungswagen wurde in Wiesbaden vorgelesen. Und die fahrende U-Bahn wird überall in Deutschland gerne als Lesungsort genutzt.

 

Literatur und Event in einem

 

Das Konzept mit den literaturfremden Orten funktioniert prächtig in Deutschland. „Wichtig ist aber, dass die Inhalte passen“, merkt der Autor und Literaturkritiker Christoph Schröder an. „Wenn es nur darum geht, einen noch verrückteren Ort zu kreieren, und der Roman oder die Erzählung inhaltlich damit gar nichts zu tun haben, dann ist das nicht schlüssig.“ Wird mit solchen Aktionen nicht mehr für die Eventkultur als für die Literatur geleistet? Christoph Schröder sieht darin kein Problem. „Diese Veranstaltungen nehmen niemandem etwas weg. Und außerdem kommt ja wirklich ein anderes Publikum, einfach, weil nicht gleich das Etikett ‚Literatur‘ darauf klebt.“

 

Radtour mit dem Autor

 

Das durfte auch der Krimi-Autor Daniel Holbe erleben. Auf Initiative des Frankfurter Radiosenders HR-Info gestaltete er eine Velo-Taxi-Tour zu den Original-Schauplätzen seines jüngsten Krimis Die Hyäne. In einer Rundfahrt durch den Frankfurter Stadtteil Fechenheim führte er sein Publikum zu Hochhaussiedlungen, auf Felder und Wiesen, kurz: zu jenen Orten, die ihn für seine Krimihandlung inspiriert hatten. An den jeweiligen Schauplätzen hielt er an und las aus seinem Werk vor.

 

Und auch der private Raum wird immer häufiger genutzt. In Stuttgart, Freiburg und Frankfurt am Main etwa finden regelmäßig Wohnzimmerlesungen statt. Oft sind hier die städtischen Literaturhäuser oder private Literaturbüros die Partner. Sie verhelfen gerne auch unbekannteren Autoren zu Auftritten. „Im Allgemeinen gibt es einen Gastgeber, der sich für Literatur interessiert und einen Autor zu sich nach Hause einlädt“, erklärt die Schriftstellerin Ivonne Keller das Format. Dafür bezahlt der Gastgeber und lädt gleichzeitig Freunde und Bekannte ein. Wie der Abend dann genau abläuft, ist Verhandlungssache.

 

Literatur an ungewöhnlichen Orten – das ist keine Modeerscheinung. Da sind sich viele Akteure des Buchmarktes einig. Literatur beansprucht, vom wirklichen Leben zu handeln, und will auch mitten im Leben erfahren werden.

Autor

 

Martin Maria Schwarz arbeitet als Redakteur und Moderator in der Kulturredaktion des Hessischen Rundfunks.

 

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Juli 2015


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