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chilli-freiburg.de, Mittwoch, 15. Juni 2016


© avant-Verlag

Birgit Weyhe liest heute im alten Wiehrebahnhof aus ihrer Graphic Novel Madgermanes

 

von Erika Weisser

 

Was geschieht mit Menschen, die, im festen Glauben an eine – versprochene – bessere Zukunft, ihre Heimat und ihre Familie verlassen, das quälende Heimweh aushalten – und im neuen Land enttäuscht werden? Die sich, in der Hoffnung auf eine Rückkehr als gut ausgebildete Spezialisten, auf den Weg ins Ungewisse begeben – und ihr Leben als Hilfsarbeiter am Fließband fristen müssen? Die aufbrachen, um vielleicht Medizin zu studieren – und nicht über die Wärmeflaschenproduktion hinauskommen? Die in ein Land kommen, das sich Solidarität und Brüderlichkeit der Völker auf Fahnen und Briefmarken geschrieben hat, in dem sie aber nur auf Ablehnung und Feindschaft stoßen? Die, wenn man sie nicht mehr brauchen kann, einfach abgeschoben werden – um festzustellen, dass das der Großteil ihres Lohns, der von einem zum anderen Land transferiert wurde, irgendwo versickert ist?

 

Birgit Weyhes soeben erschienene Graphic Novel Madgermanes hat diese Erfahrungen zum Thema. Erfahrungen, die in den 1980er Jahren etwa 20.000 Menschen aus dem ostafrikanischen Moçambique machten. Nach der Befreiung von der portugiesischen Kolonialherrschaft kamen sie in das „sozialistische Bruderland“ DDR, wo ihre Hoffnungen und Träume bald zerplatzten: Über die zentrale Vermittlungsstelle waren sie, ohne es zu ahnen, lediglich als schlecht bezahlte Vertragsarbeiter angeworben worden – und mussten vier Jahre lang Jobs verrichten, die mit der versprochenen Ausbildung nichts zu tun hatten. In den meisten Fällen blieben sie Außenseiter, fanden nach dem Verlust der alten Heimat keine neue. Und als ihnen nach der Wende keine andere Wahl als die Rückkehr blieb, fassten sie auch zu Hause keinen Fuß mehr, waren auch hier nicht mehr wirklich willkommen, blieben heimatlos, entwurzelt. „Madgermanes“ werden die heimgekehrten Habnichtse dort immer noch genannt; ein Bergriff, der aus einem Wortspiel von „Mad Germans“ und „Made in Germany“ entstanden ist: Verrückt gemacht in Germany.

 

Birgit Weyhe, stellt die Schicksale dieser „Madgermanes“ anhand fiktiver, aber dennoch exemplarischer Geschichten von drei ganz unterschiedlichen Menschen dar: José, Basílio und Anabella. Geschichten, die miteinander verwoben sind – und unter die Haut gehen. Und Augen öffnen für Migrationsgründe, die zwar andere Ursprünge haben als die Flucht vor Krieg, die aber nicht weniger drastisch sind. Und die uns hiesigen Lesern bewusst machen, welche Sichtweise wir auf andere Menschen haben. Verstärkt wird der das ohnehin starke Leserlebnis der persönlichen Geschichten aus der gut recherchierten Zeitgeschichte natürlich durch die eindrücklichen Illustrationen. Denn die beschränken sich nicht auf die figürliche Darstellung der Protagonisten, sondern auf eine ganz besondere Weise die Gefühle zeichnen, die sie hegen: Die Zeichnerin, die selbst in verschiedenen Ländern Ostafrikas aufgewachsen ist, verbindet dabei immer wieder – traditionelle und moderne – afrikanische Muster und Motive mit den Bildern, die uns vertraut sind. Dabei ist ihr eine Stilanalyse gelungen, die die Zerrissenheit der Gefühlswelt zwischen zwei Welten greifbar macht.

 

Das ist Birgit Weyhe so gut gelungen, dass ihr neues Buch gleich nach Erscheinen, den Max-und-Moritz-Preis, als bester deutscher Comic 2016, gewonnen hat – der höchsten Auszeichnung dieses Genres.

 

Auf Einladung des Literaturbüros und des Kommunalen Kinos stellt sie Madgermanes heute in Freiburg vor. Es handelt sich dabei um eine Veranstaltung der Reihe MIGRANT MUTANT ELEFANT, die sich in Lesungen, Filmvorführungen und Filmwerkstätten mit Comics, Graphic Novels und Trickfilmen beschäftigt – unter anderem zum Thema Herkunft, Heimat und dem Leben zwischen den Welten.

 

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MADGERMANES von Birgit Weyhe | avant-Verlag

238 Seiten, Paperback | Preis: 24,95 Euro

 

 

 

Lesung: Mittwoch, 15. Juni, 20 Uhr, Kinosaal im Alten Wiehrebahnhof, Urachstr. 40

 


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