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Badische Zeitung vom 18. Februar 2012


Uwe Pörksen Foto: bz

Gott mit uns

 

"Riß durchs Festland": Uwe Pörksens norddeutsche Generationenchronik

 

Das wunderbare Buch beginnt mit einem Foto. Im Jahr 1930 stehen da auf der Treppe eines Hauseingangs drei Hochzeitspaare. Das Paar auf der unteren Stufe hat goldene Hochzeit, das Paar darüber, in der nächsten Generation, begeht am selben Tag Silberhochzeit, und das Paar ganz hinten und oben, die Enkelgeneration, die "grünen", die heiraten an diesem Tag. Auf mehr als 500 Seiten erzählt die Generationenchronik des Uwe Pörksen nicht nur diese dreifache Hochzeit in Eckernförde an der Ostsee, sondern in Rückblenden die Lebensläufe der sechs Hochzeiter.

 

Da geht es um denkwürdige Erfahrungen und Zeitläufe, geht in 46 Kapiteln und sieben "Hauptstücken" vor allem um die Familie des goldenen Hochzeiters, des Pastors Hans Schlaikier Prahl, geht’s um studierte Leute auf dem Lande, in einer Region, die mal zu Dänemark gehörte, mal zu Deutschland, mal als Südjütland, mal als Nordschleswig, und wo, wenn einer so lang lebte wie der 85-jährige Patriarch Hans Schlaikier, unter fünf blutigen Kriegen sieben mal die Staatszugehörigkeit zu wechseln war. Mal hatte Prahl dänisch zu predigen, mal deutsch, mal als armer Verwandter im deutschen Norden, mal als leidender Vetter im dänischen Süden. Pörksens Geschichten aus einem deutschen Grenzland erinnern ans Elsass, für den Autor sind sie exemplarisch für Europas fatalen Nationalismus.

Der dokumentarische Roman öffnet ein Zeitfenster ab 1848, einen Blick auf entscheidende deutsche Anfänge. "Nazi" entstand bekanntlich aus "Nationalsozialist", und in Pörksens Buch ist nun immer neu und spannend zu verfolgen, wie auch kluge und gelehrte Leute in "vaterländische Begeisterung" geraten, in "nationalen Wahn", Leute, die als liberal galten, durchweg evangelische Theologen. Die "verspätete Nation" und ihr Nachholbedarf beflügelt und befeuert bis zur Explosion, zunächst auf den "Düppeler Schanzen", einer ersten Schlachtbank der modernen Kriegsführung. Dann in Sadova, dann in Sedan und so blutig weiter, und zum Glück meidet der Autor, was er selber als "Plastikwörter" gebrandmarkt hat, ihm geht’s um Genauigkeit, bei Gesichtern wie Dingen und Ritualen. Er beschreibt einen Hitler-Auftritt ohne das Wort "Hitler", dem geht es 1930 in Kiel nicht nur um Arbeitslosigkeit, sondern auch ums Bauernsterben: "täglich 17 Höfe" – man liest es mit Interesse in Zeiten von Brüssels Agrarfabriken.

 

Auch hierzulande dominierten bis vor kurzem Stammesgesellschaften und Großfamilien, ungefragt herrschte Patriarchat, die Herren politisierten (etwa die Frage, welche Macht "uns am schonsamsten verschluckt"), den Frauen gehört "das Universum des Haushalts" samt Kindersorgen. Pörksen inszeniert das liebevoll, mit Lust zum Detail, Liebe zum Wort, zum treffenden Zitat, er nutzt Archive, Zeitungen, Briefe, Tagebücher, baut aus authentischem Material lebhafte Dialoge. Zum Beispiel kommt Aufregung unter die frommen Leute, wenn sie lesen, dass ein kirchlicher Kollege um 1870 sich offen zur Sozialdemokratie bekannt hat. Man bleibt archaisch, liebt Luther und Paul Gerhard und diskutiert, wer vaterländischer war, Storm oder Fontane, und nur für Momente scheint irritierend, was auf den Koppelschlössern steht: "Gott mit uns".

 

Noch bei jedem Blutbad, noch 1914 und immer weiter haben hüben wie drüben Europas Prediger fatalen Glauben befeuert, Pörksens Pastoren zitieren gern Dichter, auch den Lübecker Emanuel Geibel, der vom "gewaltigen Waffentanze" singt. Christliche Gesprächsversuche, grenzübergreifend, scheitern. Nur zaghaft fragt jemand, ob Gott vielleicht doch nicht bloß für "uns" da sei, sondern für alle, und dass es "für den lieben Gott eigentlich kein Ausland gibt". "Woher können wir so sicher sein, zu wissen, was Gott sieht?" Das ergänzt der in Eckernförde geborene, seit vielen Jahren in Freiburg lebende Germanist Pörksen mit einem Kabinettstück über Europa und Dostojewski, dessen Roman "Der Jüngling" wird zur Parabel der Kriegspolitik Bismarcks. "Was muss das für ein Hass sein." Und später (viel zu spät): "Dabei ginge es doch auch anders. Die Schweiz hat es vorgemacht."

 

Dieses Buch bietet Stoff zu hundert Romanen, in wechselnden Textsorten, neben den Blut- und Eisenwörtern zart Lyrisches, Liebesszenen, die Landschaften der Geest- und Marschlande, idyllisch ländliche Pfarreien mit Bewohnern, die gegen Hitler auf Wichern setzen. Mit Inbrunst schwärmt noch 1930 der betagte Hochzeitsredner alttestamentarisch und barock, im hohen Ton der Psalmen und Choräle, und wie dieser Alte sind viele in dieser wundersamen Sozialgeschichte nicht ganz von dieser Welt. Im Diesseits exekutieren Preußen oder Dänemark schon damals totalitären Irrsinn,"wenn da ein Familienvater mit acht Kindern um der Kirche willen beseitigt werden muss", nur weil der in der verbotenen Sprache predigt. Das zeitigt Folgen: "Von Freiburg bis Flensburg Mutlosigkeit und Pessimismus."

 

Gegen die düsteren Passagen stehen Pörksens Erzählfreuden, Lust an Gärten, an Gedichten (vorweg Eichendorff), an Mahlzeiten, an Kinderwitz (die kleine Lilo streut in der Kirche die Blumen seitwärts, damit keiner drauftritt und sammelt sie wieder in ihr Körbchen), unerschöpflich des Erzählers Liebe zu schönen Gegenständen, Sprache und Musik: "während Maybaum die Orgel variierend ausschnörkeln lässt". Denkwürdig, was sein Patriarch in seiner letzter Nacht singt: "Schleswig-Holstein meerumschlungen", was im Original eisenhaltige Töne hat: "wanke nicht, mein Vaterland", "deutsche Tugend, deutsche Treu". Grauenhaft, was "liberale" Europäer im Kopf hatten: Siege als "Fingerzeige Gottes", "es braust ein Ruf wie Donnerhall", "der Gott, der Eisen wachsen ließ". Dagegen setzt der Autor Briefe aus dem Gemetzel 1914/18, als einer der sechs Söhne Prahls nicht Theologe geworden war, sondern Arzt, sein Lazarettzelt wird von Granaten zerfetzt, nun muss er seine frisch operierten "Bauchschüsse" retten, die nackt und schreiend ums Leben kriechen.

 

Uwe Pörksens "Riß durchs Festland" ist eine Europa- und Sozialgeschichte voller Überraschungen, bisweilen erschütternd. Freilich verlangt die Fülle der Fakten und der Namen erhöhte Aufmerksamkeit, belohnt wird man mit Aufklärung ohne belehrenden Ton, sanften Sätzen wie "Die auf ihren Schatten lagernden Wolken staffeln sich abwärts zum fernen Horizont." Oder: "Unsere Kleidung? Die wächst auf dem Rücken der Schafe, dreht sich im Wind zu Wollfäden und schnickelschnackelt sich zur Jacke." Mange Tak! Großen Dank!

 

– Uwe Pörksen: Riß durchs Festland. Roman. Boysens Buchverlag, Heide 2011. 512 Seiten, 24 Euro.

Lesungen: Der Autor liest am 22. Februar, 20 Uhr, im Wintererfoyer des Freiburger Theaters in der Reihe "Andruck" (Moderation: BZ-Redakteurin Bettina Schulte), am 23. Februar, 20 Uhr, in der Rainhofscheune in Kirchzarten, Höllentalstraße 96.

– Der Schriftsteller Jürgen Lodemann veröffentlichte zuletzt den Freiburg-Roman "Salamander".

 

Von Jürgen Lodemann


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