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Badische Zeitung vom 09. Dezember 2011


Die politische Kultur der ersten Migrantengeneration

 

Ausstellungen, Lesungen, Filme: Die Freiburger Reihe "Dein Land ist mein Land" im Alten Wiehrebahnhof.

 

Von Ina Richter

 

Der deutsch-türkische Regisseur und Drehbuchautor Fatih Akin und der ebenfalls deutsch-türkische Komiker Bülent Ceylan feiern große Erfolge in Deutschland: Sie werden geehrt für ihre Multikulturalität und die Bereicherung der Kulturlandschaft – Indizien für eine mittlerweile fortgeschrittene Akzeptanz von Kulturerzeugnissen aus der Einwandererszene.

 

Doch Multikulturalität und Mehrsprachigkeit begriff man nicht immer als kulturelle Bereicherung. Als vor 50 Jahren die ersten Anwerbe-Abkommen unterzeichnet wurden und Arbeiter aus der Türkei und Italien nach Deutschland kamen, wollten die meisten von der "Gastarbeiterliteratur" nichts wissen, die ausländischen Kulturschaffenden wurden politisch und kulturell diskriminiert, man nahm sie nicht ernst oder schenkte ihren Werken kaum Aufmerksamkeit.

 

Diese künstlerische Bewegung war zu Beginn innerhalb der "ersten Generation" sehr politisch und organisierte sich in Vereinigungen wie der sogenannten PoLiKunst-Bewegung, die 1984 auch in Freiburg tagte. Innerhalb dieser Vereinigung versuchten die Künstler und Autoren, auf sich aufmerksam zu machen, sich Gehör zu verschaffen.

 

Gehör und Aufmerksamkeit bekommen diese Künstler und Autoren der ersten Stunde nun wieder in Freiburg. Im Rahmen der Programmreihe "Dein Land ist mein Land" im Alten Wiehre-Bahnhof stellen Literatur, Filme und eine Ausstellung die vergessene, erste Generation, deren kulturelles Erbe lange genug nicht beachtet wurde, in den Fokus. Die verschiedenen Veranstaltungen rücken den Alltag und die vielfältigen kulturellen und politischen Aktivitäten der "Generation Gastarbeiter" ins Licht.

 

Am heutigen Freitag wird die Ausstellung eröffnet, die begleitend zu den anderen Angeboten, in Texten, Fotografien, Zeichnungen und Gegenständen die allgemeine Atmosphäre und den Alltag der ersten Generation veranschaulicht. Am Samstag folgt ein Gesprächsabend mit vier Schriftstellern nicht-deutscher Herkunft: Franco Biondi, Gino Chiellino, Adel Karasholi und Dragutin Trumbetas, alle Protagonisten und Zeitzeugen der ersten Generation, lesen aus ihren Romanen und berichten von den Besonderheiten und Bedingungen des migrantischen Schreibens in dieser Zeit. Bis Ende Januar werden außerdem in insgesamt sieben deutschen wie internationalen Filmen, die zum Teil hier noch nie zu sehen waren, Geschichten von und über Migranten jener ersten Stunde erzählt. Unter anderem laufen die Filme "Inventur Metzstraße 11" von Želimir Žilnik und "Aprilkinder" von Yüksel Yavuz – der Regisseur ist zur Eröffnung der Filmreihe anwesend.

 

Das Programm, zusammengestellt vom Kommunalen Kino, dem "Freiburger Wahlkreis 100%", der sich für das Wahlrecht von Migranten einsetzt, und dem Literaturbüro Freiburg, ist vielfältig, stimmig und bietet viele neue Einblicke in die Welt der fast vergessenen ersten Generation der Zuwanderer.

– "Mein Land ist dein Land" im Alten Wiehrebahnof, Urachstr. 40, Freiburg: Die Ausstellung wird heute um 19.30 Uhr eröffnet und läuft bis zum 8. Januar. Gespräch und Lesung sind morgen, Samstag, 10. Dezember, um 19 Uhr. Die Filmreihe beginnt heute um 20.30 Uhr mit "Inventur Metzstrasse 11" und "Aprilkinder" und läuft bis Ende Januar.


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