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Badische Zeitung vom 21. November 2011


Foto: Thomas Kunz

Glänzend besetztes Literaturgespräch

 

Arrivierte Autoren treffen aufstrebende Talente: Das Freiburger Literaturgespräch hatte auch in seiner 25. Auflage eine spannende Mischung vorzuweisen.

 

Von Hans-Dieter Fronz

 

Während im Innenhof des Neuen Rathauses in Freiburg eine Hochzeitsgesellschaft nach der Trauung noch mit Sektgläsern zusammenstand, handelte im Ratssaal der Lyriker Durs Grünbein von einem anderen Hochzeitspaar, das im 2010 erschienenen lyrisch-essayistischen Rom-Buch des Dichters seinen Auftritt hat.

 

Es war die erste Nachmittagslesung am zweiten Tag des Freiburger Literaturgesprächs, das ein besonderes in der Geschichte des mittlerweile traditionsreichen Literaturfestes heißen darf schon wegen dieses Jubiläums: Zum 25. Mal kamen Literaturjunkies und Lesebegeisterte an einem Ort zusammen, der normaler Weise der Politik vorbehalten bleibt.

 

Dem Anlass gemäß glänzend besetzt – mit einer bewährten Mischung aus arrivierten Autoren und jungen, aufstrebenden Talenten – war das vom Kulturamt der Stadt in Zusammenarbeit mit dem Literaturbüro und dem SWR veranstaltete Jubiläumslesen. Ein Büchner-Preisträger, Wilhelm Genazino, eröffnete den Lesemarathon zusammen mit der Österreicherin Kathrin Röggla (die BZ berichtete); ein weiterer, der diesjährige Preisträger Friedrich Christian Delius, beschloss ihn am späten Samstagnachmittag. Dazwischen lasen neben Senkrechtstartern wie Wolfram Lotz oder der Debütantin Peggy Mädler (und eben Grünbein, auch er ja Büchner-Preisträger) im Dreiviertelstundentakt acht weitere Schriftsteller – abwechselnd vorgestellt und, darum heißt es ja Literaturgespräch, im Anschluss an die Lesungen befragt von dem Berlin-Baden-Baden-Freiburger Expertenquintett Helmut Böttiger, Thomas Geiger, Wibke Gerking, Annette Pehnt und Stefanie Stegmann.

 

 

Ein breites Spektrum an Themen, literarischen Verfahrensweisen und schriftstellerischen Temperamenten bildete sich im Lauf des dreitägigen Lesereigens ab – wobei die wechselnde Temperiertheit der Autoren sich nicht zuletzt in stark differierenden Stimmlagen und Vortragsweisen bemerkbar machte. So las Wolfram Lotz, mit Jahrgang 1981 Jüngster im Teilnehmerfeld, seine die Gattung Anekdote leichthin fingierenden Geschichten nebst einem seiner Mutter in den Mund gelegten Theatermonolog, in dem er als frühreifes Dramatikerfrüchtchen sich selbst einen pantomimischen Auftritt gestattet, mit geradezu atemloser Hast, fast wie ein Getriebener – was zum Knalleffekt seiner kurzen Texte, die er wie kleine Feuerwerkskörper in die Luft steigen und effektvoll pointenlos (genau das ist die Pointe) verpuffen ließ, vorzüglich passte.

 

Dagegen bot die mit leichtem Fieber angereiste Peggy Mädler mit betont langsamer und ruhiger Stimme Auszüge aus ihrem Roman "Die Legende vom Glück des Menschen", in dem es um den Riss zwischen kollektiv(istisch) "genormten" und individuellen Glückskonzeptionen geht. Und Judith Schalansky, die Passagen aus ihrem ebenfalls in Ostdeutschland spielenden "Bildungsroman" "Der Hals der Giraffe" vortrug, traf den Geist oder Ungeist der Heldin – einer ihre pubertierenden Zöglinge herzlos-zynisch unterm darwinistischen Blickwinkel des survival of the fittest taxierenden Biologielehrerin - mit ihrer spöttisch und verächtlich gedämpften Tonlage genau. Während Friedrich Christian Delius seinen behäbig monologisierenden Helden – den greisen Computerpionier Konrad Zuse – im bräsigen Vortragsduktus, der die seelische Aufgeräumtheit dieser ins Fiktive gewendeten realen Figur spiegelt, lebendig werden ließ.

 

"Ja, ich bin es…", hebt bei Delius der einem Journalisten ins Aufnahmegerät gesprochene Monolog an – Formel der nicht näher problematisierten Identität des Romanhelden. Andere Texte akzentuierten demgegenüber in der inneren Brüchigkeit und Vielschichtigkeit der Figuren gerade die Widersprüchlichkeiten und Inkohärenzen menschlicher Identität. Die Figuren von Antje Rávic Strubels Roman "Sturz der Tage in die Nacht" etwa sind sich in wesentlichen Punkten über sich selbst im Irrtum. So weiß der junge Erik nicht, dass die Frau, in die er sich verliebt hat, seine eigene Mutter ist. Und in Thomas Meineckes Roman "Lookalikes" dient den Helden der Umstand, dass sie anderen – Stars wie Josephine Baker, Serge Gainsbourg oder Justin Timberlake – ähnlich sehen, als veritable berufliche Existenzgrundlage. Dem fröhlichen Bekenntnis des Autors zu frei flottierenden Identitäten zum Trotz aber wollten sie darin auch als willfährige Agenten gegenwärtiger Tendenzen erscheinen: Werbeträger der ökonomisch motivierten Forderung nach der vielfältig instrumentalisierbaren, proteusartigen Existenz, in welcher sich Identität am Ende verliert. Wibke Gerkings Unbehagen gegenüber den Figuren, die sie schütteln und aufwecken wollte, dürfte sich aus derlei Innervationen gespeist haben.

 

Eindrücklich, ja in Bann schlagend die Lesung der Polin Olga Tokarcuk, deren Buch "Der Gesang der Fledermäuse" dem Genre Krimi zuzurechnen eine arge Untertreibung wäre; ist es doch große Literatur. Eindrucksvoll auch die Auftritte der beiden Lyriker des Literaturgesprächs: Grünbein, dessen in die klassische Form gegossenen Rom-Gedichte vor Welthaltigkeit und Gedankenreichtum vibrieren; und die diesjährige Huchelpreisträgerin Marion Poschmann, deren Lyrik gegen die erbarmungslose Eindeutigkeit modernen Lebens eine Ästhetik der Unschärfe konzipiert. Sherko Fatahs durch das krankheitsbedingte Fernbleiben von Alois Hotschnigg zeitlich ausgedehnte Lesung aus seinem (Zeit-)Geschichtsroman "Das weiße Land" ließ die Abwesenheit des Kollegen verschmerzen. Und Aris Fioretos’ Roman "Der letzte Grieche", der das Thema Migration in der Biografie des in Schweden lebenden "3,5-prozentigen" oder "Halbwegsgriechen" (so Fioretos selbst) vorgeprägt findet, muss erst gar nicht angepriesen werden. Es ist zurzeit in aller Munde.


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