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Badische Zeitung vom 19. November 2011


Foto: Pohnert


Foto: Kunz

Eltern im Vauban mit Teilzeitpanik

 

Röggla und Genazino eröffnen das 25. Literaturgespräch.

 

Von Bettina Schulte

 

Besondere Ereignisse erfordern besondere Maßnahmen. Das 25. Freiburger Literaturgespräch eröffnete mit einer Doppellesung: Das hat es in der Geschichte der ruhmreichen Veranstaltung noch nicht gegeben. Wer im vollgepackten Ratssaal indes vielleicht von der Frage umgetrieben wurde, was diese beiden Autoren auf dem Podium, was Wilhelm Genazino, Jahrgang 1943, und Kathrin Röggla, Jahrgang 1971, miteinander verbinde, sah die Antwort einstweilen ausgesetzt. Verschiedene Schreibweisen, erklärte Moderator Helmut Böttiger aus Berlin, inzwischen selbst so etwas wie der Elder States-man des Autorentreffens, habe man dokumentieren wollen.

 

Das kann, wenn man so will, ein intelligenter Hinweis auf die Literaturgeschichtlichkeit der Veranstaltung sein – die sich im übrigen, wenn man den der Sache sehr angemessenen Jubiläumsworten des Oberbürgermeisters Dieter Salomon Glauben schenkt, auf unabsehbare Zeit fortsetzen wird. Schön, dass in diesen Krisenzeiten nicht alles in Frage gestellt wird. Sein anhaltender Erfolg, das sieht man inzwischen auch im Rathaus so, gibt dem Literaturgespräch recht.

 

Dem in Mannheim geborenen Wilhelm Genazino, der sich seit vielen Büchern den Weg zwischen "Komik und Verzweiflung" (Böttiger) bahnt und dabei womöglich immer radikaler wird – der Held seines jüngsten Romans "Wenn wir Tiere wären" landet im Gefängnis –, hört man immer wieder gern zu. Auch wenn man den "infantilen" (Genazino) Sound seiner Welt- und Lebensverweigerer womöglich allzu gut zu kennen glaubt, entfaltet diese Prosa doch stets aufs Neue eine rattenfängerische Wirkung – vielleicht listigerweise gerade deshalb, weil Genazinos Erzähler nur für sich selbst sprechen, wie ihr Autor erklärte, nachdem ihn Röggla gefragt hatte, wem sein Held das eigentlich alles erzähle.

 

Katrin Rögglas Schreiben dagegen kennt den einsamen Blues des Flaneurs nicht. Ihr jüngstes Buch "Die Alarmbereiten" führt auch an eine Grundschule im Freiburger Ökoquartier Vauban. Mit gerade erschütternder Präzision fängt diese Stimmensammlerin den allzeit katastrophenbereiten Diskurs zwischen einer Lehrerin und einer Mutter ein: Und es wird einem schlagartig bewusst, mit welchem Krankheitsalarmismus heutige Kinder von Eltern mit "Teilzeitpanik" heranwachsen müssen. Da wundert man sich, dass denn überhaupt noch jemand die Neurodermitis-Lebensmittelallergie-Seuchen- und andere Gefahren übersteht.

 

Diese beiden literarischen Schreibweisen sind in der Tat so konträr, dass Genazino und Röggla in einem wunderbar absurden Gesprächsversuch aneinander vorbei reden mussten. Man kann so etwas ein produktives Missverständnis nennen. Man kann aber auch mit Röggla fragen: "Worüber reden wir eigentlich wirklich?" Da das aber im Grunde für jedes Gespräch gilt, blitzte auch hier jäh eine Erkenntnis auf.

 

Während Röggla auf dem Mehrwert ästhetischer "Irritation" beharrte, ("ich muss nicht alles verstehen"), weigern sich Genazinos Helden gerade, an der "Komplexität des modernen Lebens teilzunehmen". Am Ende allerdings schienen die Rhetorikerin und der Experte "innerer Zersetztheit" (Böttiger) dann doch gar nicht so weit auseinander zu liegen. Nicht von ungefähr hat Genazino in seinem Buch "Die Liebesblödigkeit" einen reisenden Apokalyptiker erfunden, der die Angst der Leute vor der Katastrophe ausbeutet. Röggla bringt genau diese Angst in der Mimesis an die Sicherheitswahndiskurse unserer Zeit zum Sprechen. Literarisch allerdings führt kein Weg vom inneren Widerstand des Subjekts zur ichlosen Arbeit am kollektiven Sprachmaterial.

 


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