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Badische Zeitung vom 16. November 2011

25. Freiburger Literaturgespräch: Triumph des Textes

 

Intensiver Austausch der Autoren, konzentrierte Atmosphäre im Publikum: Das Freiburger Literaturgespräch hat sich in den 25 Jahren seit seiner Premiere zur Erfolgsgeschichte entwickelt.

 

Von Bettina Schulte

 

Wenn man schon nicht von einem Geniestreich sprechen will: Eine mutige und folgenschwere Idee war es schon, in der Musikstadt Freiburg ein Literaturgespräch zu etablieren. Ludwig Krapf, Kulturamtsleiter von 1985 bis 2002, ein bekennender Liebhaber der Kunst des geschriebenen Wortes, nahm unter Zustimmung der damals von SPD-Oberbürgermeister Rolf Böhme regierten Kommune und in Zusammenarbeit mit dem damaligen Südwestfunk – in Gestalt des ebenso literaturaffinen Freiburger Studioleiters Wolfgang Heidenreich: ein glückliches Zusammenspiel – 1986 zum ersten Mal das "Bürgerrecht der Literatur" (Böhme) in Anspruch. Im Ratssaal der Stadt haben seitdem für zweieinhalb Tage im November die Autoren das Wort.

 

25 Jahre währt in diesem Jahr also das Freiburger Literaturgespräch – was für eine Spanne in immer schnelllebigeren Zeiten. Und wer in den Archiven blättert und die vielen kritischen Stimmen zur Kenntnis nimmt, die das Autorentreffen besonders in den Anfangsjahren begleitet haben, der mag ins Staunen oder auch Grübeln kommen über die Robustheit dieses – wie es heute neudeutsch heißt – "Formats", das sich gegen die Einsprüche der Kritiker wie gegen die Verführungen der Eventkultur mit ihren inzwischen fast zahllosen Festivals behauptet hat. Vielleicht weil es immer schon altmodisch gewesen ist, anderthalb Dutzend Schriftsteller in einer nicht unbedingt schicken Umgebung im Stundentakt nacheinander lesen zu lassen, unterstützt und begleitet von fünf kundigen, in der Regel exzellent vorbereiteten Moderatoren, die mit (meistens) mehr oder (selten) weniger Erfolg versuchen, mit den Lesenden ins Gespräch zu kommen. So unspektakulär dieser kleine Lesemarathon – der im Lauf der Jahre von zwanzig auf zwölf Autoren eingedampft wurde – von statten geht, so sehr hat er einen gewissen Kultstatus erlangt; gerade weil hier in einer Atmosphäre gelassener, unaufgeregter, betriebsferner Aufmerksamkeit nur der Text zählt. Und Sternstunden des Literaturgesprächs ereignen sich gerade dann, wenn Autor und Moderator in ein Werkstattgespräch geraten – in jenen um die Sache ringenden Dialog, der weiter nicht entfernt sein könnte von der Beliebigkeit des Meinungsschlagabtauschs, wie ihn die Talkshows im Fernsehen Tag für Tag so ermüdend vorführen.

 

Die Autoren mögen diese Art der Auseinandersetzung. Sie kommen gern nach Freiburg – selbst der extrem publikumsscheue Schweizer Markus Werner hat sich hier für ein Mal in die Öffentlichkeit locken lassen – , auch wenn die aufopferungsvolle Rundumbetreuung, die ihnen der leidenschaftliche Ludwig Krapf angedeihen ließ, inzwischen Legende ist. Sie schätzen nicht nur die. Viele von ihnen – die Liste prominenter Namen ist notabene nach 25 Jahren beeindruckend lang – kommen gern ein zweites (oder drittes) Mal. Wie etwa Wilhelm Genazino, der nach 2001 und 2004, dem Jahr seiner Büchnerpreisverleihung, im Jubiläumsjahr gemeinsam mit Kathrin Röggla – die natürlich auch schon da war – den Eröffnungsabend bestreitet.

 

Und wieder ist ein frisch gekürter Büchnerpreisträger zu Gast beim Literaturgespräch: F. C. Delius, der Chronist der alten Bundesrepublik und ihrer historischen Voraussetzungen, vervollständigt die kaum noch überschaubare Reihe der mit dem Ritterschlag des deutschen Literaturbetriebs bedachten Freiburger Rathausleser: Durs Grünbein – auch er gehört zur Jubiläumsbesetzung –, Arnold Stadler, Reinhard Jirgl, Brigitte Kronauer, Wolfgang Hilbig, Peter Rühmkorf, Friederike Mayröcker, Adolf Muschg. Martin Walser eröffnete das erste Literaturgespräch mit dem Thema "Kindheit und Schreiben". Das Besondere des Freiburger Treffens lag von Anfang an allerdings – und selbstredend – nicht in den großen Namen. Ludwig Krapf erkannte die Chance und sah seine Aufgabe darin, im Schlagschatten der Zugpferde auch und gerade (noch) unbekannte Schriftsteller zu Wort kommen zu lassen: Peter Kurzeck hat, als er noch ein Geheimtipp war, die Zuhörer in Freiburg verzaubert, im vergangenen Jahr hat der nur in Insiderkreisen bekannte Gunther Geltinger mit "Mensch Engel" einen (auch dank der Moderatorin Annette Pehnt) denkwürdigen Auftritt gehabt.

 

Ach, und die zahlreichen Lyriker, die zwischen den Prosaisten bestens aufgehoben waren: Inger Christensen, die dänische Dichterin, bescherte dem elften Literaturgespräch einen einsamen Höhepunkt. Früh hat hier schon Lutz Seiler gelesen. Auf die Huchelpreisträger Ulf Stolterfoht und Gerhard Falkner folgt in diesem Jahr Marion Poschmann. Erinnert man sich noch an den umlagerten Auftritt der großen alten Dame Ilse Aichinger, den 800 Zuhörer im hoffnungslos überfüllten Saal und im dichten Gedränge des Foyers erleben wollten? Und an die Öffnung des Literaturgesprächs zum Osten Europas in den aufregenden Jahren nach der Wende? Mit Andrzej Stasiuk und Jurij Andruchowytsch, Laszlo Krasnahorkai, Peter Nadas und Peter Esterhazy? Und an all die vielen jungen Autoren und Autorinnen, die ihr erstes Buch in Freiburg vorgestellt haben – oder schnell berühmt geworden waren wie Judith Herrmann?

 

Nein: unmöglich, hier den Überblick zu bewahren. Sicher ist: Das Literaturgespräch Freiburg hat auf seine Weise an der deutschsprachigen wie auch grenzüberschreitenden Literaturgeschichte der letzten fünfundzwanzig Jahre mitgeschrieben. Es hat die vielfältigsten Stimmen versammelt. Und wenn es auch den sanft rebellischen oder zumindest aufklärerischen Impetus der frühen Jahre verloren hat, was nicht zuletzt dem veränderten Zeitgeist geschuldet ist, so setzt es doch dem genormten medialen Diskurs immer noch die Widerborstigkeit des individuellen poetischen Sprechens entgegen. Das Freiburger Literaturgespräch huldigt der Polyphonie der Weltaneignung, wie die Badische Zeitung einmal titelte. In diesem Konzert haben in kommenden Jahren noch viele Stimmen Platz.

 

Lesungen und Gespräche

 

Donnerstag, 17. November

 

20.00 Uhr Wilhelm Genazino / Kathrin Röggla

 

Freitag, 18. November

 

10.00 Uhr Thomas Meinecke

10.45 Uhr Wolfram Lotz

11.45 Uhr Olga Tokarczuk

15.00 Uhr Durs Grünbein

15.45 Uhr Judith Schalansky

16.45 Uhr Antje Ravic-Strubel

 

 

Samstag, 19. November

10.00 Uhr Sherko Fatah

10.45 Uhr Alois Hotschnig

11.45 Uhr Marion Poschmann

15.00 Uhr Aris Fioritos

15.45 Uhr Peggy Mädler

16.45 Uhr F. C. Delius

 

Alle Lesungen finden im Ratssaal des neuen Rathauses statt.

 

Sonntag, 20. November

 

11. Uhr "Was wir brauchen". Podiumsgespräch mit Aris Fioritos, Wilhelm Genazino und Peggy Mädler.

Schlossbergsaal im SWR Studio Freiburg, Kartäuserstr. 45


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