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Badische Zeitung vom 09. November 2011

Ich esse nicht, und ich sterbe nicht

 

Die jüdische Autorin Esther Dischereit präsentiert in Freiburg ein Radiostück und bringt eine Textinstallation auf die Bühne.

 

Von Bettina Schulte

 

"Nothing to Know but Coffee to Go": An diesem Satz gibt es nichts zu verstehen. Es reimt sich witzig – und damit genug. Nichts zu wissen. Aber vielleicht ein Kaffee zum Mitnehmen. Eine Geschichte zu erzählen, eine stringente, ist nicht Esther Dischereits Sache. Wie soll man sich also ihrem Hörstück mit dem sinnfreien Titel nähern, das 2007 vom experimentell unermüdlichen und unermüdbaren Sender Deutschlandradio Kultur unter der dramaturgischen Ägide der Hörspielchefin Stefanie Hoster produziert worden ist, Teil der ZKM-Ausstellung "Sounds. Radio – Kunst – Neue Musik" war und jetzt in Anwesenheit der Autorin in der Freiburger HörBar präsentiert wird? Mit Lust am akustischen Patchwork, an der süffigen musikalischen Collage zwischen Soundscape und Popsongs, die der Komponist Tobias Unterberg alias b.deutung zu verantworten hat?

 

Oder hakt man sich lieber an einzelnen Episoden fest? An der zufälligen Begegnung einer Frau und eines Mannes in einem wenig charmanten, nach Wirsing oder dem Gewerkschaftsmuff der 50er Jahre riechenden Tagungshotel zum Beispiel? An dem Familienfest, das zu Ehren des gestorbenen Patriarchen gefeiert wird und bei dem die berühmten Bande so lange gebetsmühlenhaft beschworen werden, bis sie sich im allgemeinen Gerede, in Klatsch und Tratsch und übler Nachrede wie von selbst verflüchtigen? Horcht man auf bei der drogensüchtigen Alice, die in einer Nacht "verreckt ist" oder bei dem Telefongespräch zwischen Mutter und Sohn, bei dem die Mutter von ihrer neuen blonden Perücke schwärmt: "Wie Marilyn, nur vorne nichts mehr"?

 

"Ich weiß manchmal eine Sache, und dann weiß ich eine andere Sache", sagt eine der zahlreichen Figuren, die in diesem Hörstück kommen und gehen, reden und verstummen, sich über den Weg laufen und sich wieder trennen: Einsam sind sie, postmoderne Gefühlsnomaden, die nicht wissen wohin mit ihrem Coffee to Go. Ein Mädchen singt traumverloren: "Ich esse nicht, und ich sterbe nicht. I do not eat and I do not die. What does I mean?"

 

Wenn man den Klang- und Textzeichen nachhört, die Dischereit auf dem Eichgrünplatz in Dülmen in Zusammenarbeit mit dem Wiener Komponisten Dieter Kaufmann installiert hat, erkennt man in der Zersplitterung von Erfahrung und Wahrnehmung das Produktionsprinzip der 1952 in Heppenheim geborenen vielseitigen Schriftstellerin. "Vor den hohen Feiertagen gab es ein Flüstern und Rascheln im Haus" ist ein akustisches Denkmal für die Juden von Dülmen – und gerade die unvollständige, immer wieder abbrechende Form des Gedenkens entspricht dem Verschwinden des jüdischen Lebens aus den deutschen Städten viel eher als die geschlossene Form. Der Berliner Aviva Verlag hat in einer grafisch äußerst ambitionierten Publikation die Installation zwischen Buchdeckel gebracht; das Wichtigste ist in diesem Fall allerdings auf der letzten Seite zu finden: zwei CDs mit insgesamt 87 Klangzeichen – wobei die zweite CD ausschließlich Rezepte aus der jüdischen Küche enthält. Diesen so imponierenden wie ungewöhnlichen Beitrag zur Erinnerungskultur bringt Esther Dischereit am zweiten Tag ihres Freiburger Aufenthalts auf die Bühne: Im Theaters performt sie gemeinsam mit dem experimentellen Komponisten und Perkussionisten Ray Kaczynski, der anstelle von Kaufmann die Soundkulisse schaffen wird.

 

Esther Dischereit hat ihren sehr eigenen, poetisch-assoziativen, sinnlich-verstörenden Weg gefunden, mit der Geschichte des Judentums in Deutschland umzugehen. Die Ermordeten bleiben mitten unter uns.


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