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Badische Zeitung vom 27. Oktober

Vier mögliche Standorte für das Literaturhaus Freiburg

 

Da staunt der Fachmann und der Laie wundert sich: Es gibt gleich vier Bewerber um den Standort eines Freiburger Literaturhauses.

 

von Bettina Schulte

 

Manchmal bewegt sich etwas in Freiburg – sogar auf dem Feld der Kultur. Nachdem der Gemeinderat vor gut einem Jahr signalisiert hatte, einem Literaturhaus in der Stadt gegenüber nicht abgeneigt zu sein, fing es in mehreren Köpfen an zu arbeiten. Zuerst trat das Theater auf den Plan: einen Anbau in einer Baulücke an der Rückseite des Gebäudes der Städtischen Bühnen konnte man sich gut vorstellen. Erste architektonische Planungen ergaben ein Kostenvolumen von um die 1,5 Millionen Euro für den schmalen Neubau, der auf dem engen Grundstück in die Höhe wachsen muss: derzeit offenbar zu teuer für die Stadt, die die vom Theater nicht zu stemmenden Baukosten übernehmen müsste. Wenn auch die Idee, ein Literaturhaus buchstäblich anzubinden an das Drei-Sparten-Haus, etwas Bestechendes hat: Das Theater könnte mit seinem Großen Haus ein Forum für populäre Autoren mit breitem Publikumsinteresse bieten; im Literaturhaus ließen sich umgekehrt Lesungen im Umfeld von Premieren organisieren. Nicht umsonst ist der Stoff von Bühne und Literatur derselbe: die Sprache. Außerdem wäre mit diesem Ort, der für ein Literaturhaus kein besserer sein könnte, auch eine Verbindung zur Universität gegeben.

 

Diese hat inzwischen ihren eigenen Hut in den Ring geworfen. Wie Vizerektor Heiner Schanz der BZ gegenüber unterstreicht, ist man sehr interessiert daran, das künftige Literaturhaus zu beherbergen. In Frage kommt das universitätseigene Gebäude an der Werthmannstraße 4 gegenüber der Universitätsbibliothek. Noch residieren dort die Kulturgeographen. Doch die Alma Mater plant in dem Gebäude längerfristig die Einrichtung eines geistes- und sozialwissenschaftlichen Zentrums. Dorthin, schwärmt Schanz, passe das Literaturhaus ganz hervorragend. In einer separaten Etage ließen sich die nötigen Büroräume etablieren. Und für Veranstaltungen könne das Literaturhaus an den Räumlichkeiten des Zentrums partizipieren.

 

Synergieeffekte könnten ja gar nicht ausbleiben: Studierende hätten einen Praxisbezug ihrer Ausbildung greifbar vor Augen; auf der anderem Seite könnten Autoren mit Workshops oder Poetikvorlesungen den Universitätsbetrieb beleben. Die Uni, so sieht es der Vizerektor, hätte mit dem Literaturhaus unter ihrem Dach die Chance, unmittelbar in die Stadt hinein zu wirken – fragt sich nur, ob das Literaturhaus vor lauter Umarmung durch die Institution überhaupt noch die Luft zum selber Atmen bliebe. Wobei sich ja schon die ganz einfache Frage stellt, wie sich die Autonomie des Literaturhauses nach außen dokumentieren ließe: mit einem Schild am Universitätsgebäude?

 

Da wären die Verhältnisse bei Ernst Ludwig Ganter klarer. Der Familienunternehmer, der bei dem Freiburger Bierbrauer auf eigenen Wunsch aus dem operativen Geschäft ausgestiegen ist, um sich um die längerfristigen Belange der Firma zu kümmern, hegt große Pläne für das weitläufige Firmenareal an der Schwarzwaldstraße, das einer neuen Gestaltung harrt, seitdem Ganter sein Bier nicht mehr selbst abfüllt, sondern zu diesem Zweck nach Karlsruhe fährt. Eine Art Campus, ein neues Wohngelände schwebt dem wissenschafts- und kulturaffinen Ganter-Sprössling rund um die Brauerei vor. Ein Gästehaus für Gastdozenten an der Freiburger Uni würde Ganter gern in dem neueren Gebäude an der Schwarzwaldstraße über dem ehemaligen Flaschenkeller ansiedeln, die alte Mälzerei von 1890 für ein Institut zur Verfügung stellen – und aus der ehemaligen Betriebskantine aus den 1930er Jahren das Freiburger Literaturhaus machen.

 

Man muss schon eine Portion Phantasie mitbringen, wenn man sich das spitzgiebelige Haus mitten auf dem Brauereigelände von außen und vor allem von innen auf seine mögliche künftige Nutzung hin anschaut. Platz genug wäre da für das, was ein Literaturhaus braucht: einen in der Größe flexiblen Saal für Lesungen und, unterm Dach, Büros für das Leitungsteam. Auch gastronomisch ließe sich einiges machen. Das ist für Veranstaltungen dieser Art nicht unwichtig: Literatur und ein gutes Getränk gehören atmosphärisch zusammen. Schlechterdings nicht vorstellbar ist es, Lesungen in einer Umgebung vom Charme einer Volkshochschule stattfinden zu lassen. Ernst Ludwig Ganter ist, wie er versichert, bereit, sofort das für den Umbau nötige Geld in die Hand zu nehmen und loszulegen – sofern der Verein Literaturforum Südwest, der Träger des von der Stadt finanzierten Literaturbüros ist, sich für diese Variante entscheidet und der Gemeinderat ihr ebenfalls zustimmt. Denn ohne die Übernahme der laufenden Kosten durch die Stadt zerstiebt jeder Blütentraum von einem Literaturhaus für Freiburg.

 

Gastronomisch kann das Vorderhaus im Konzert der Bewerber mehr als mitspielen. Auch Martin Wiedemann verspürt die heftige Neigung, ein Literaturhaus mit seinem Kleinkunstlabel zu verknüpfen. Die Voraussetzungen sind nicht schlecht: Die Infrastruktur für den Betrieb ist mit der Gaststätte und ihrem Umfeld vorhanden, ein Saal für größere Veranstaltungen ebenfalls. Wiedemann möchte für den Sitz des Literaturhauses das Vorderhausgebäude aufstocken – selbstredend auf eigene Kosten. Dafür liegen auch bereits konkrete architektonische Pläne vor. Wiedemann hält ein Lesungsprogramm für die ideale Ergänzung zum Angebot seines Hauses.

 

Kaum zu glauben: Da bewerben sich gleich vier Kandidaten um die Ansiedlung des Freiburger Literaturhauses. Ein bemerkenswerter Vorgang. Stephanie Stegmann, als Leiterin des Literaturbüros präsumtive Chefin des neuen Ortes für Autoren, zeigt sich selbst überrascht von Gedränge der Bewerber. Festlegen will sie sich vorerst nicht. Ein sibyllinischer Entschluss. Heute Abend wird in der Kunststiftung Morat an der Lörracher Straße ein Förderverein für das Literaturhaus Freiburg gegründet. Interessenten sind willkommen.

 

 



Bild: Jutta Schloon


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