unterstützt von
Walthari - Die Buchhandlung in der Universität
     
Veranstaltungen
Junges Literaturbüro
Writer in Residence
Verein
Service
Presse
Kontakt

Badische Zeitung vom 20. Oktober

Schaben und Schleifen

 

Freiburg: Die Träger des Karl-Sczuka-Preises in der Hörbar.

 

von Hans-Dieter Fronz

 

Neologismen wie "Netzkürzelgesang", "Sprachsträhnen" oder "Vanitasmaschinchen": Wer verwendet derlei Wortneuschöpfungen oder kreiert sie gar? Der Dichter Thomas Kling. In seinem lyrischen Zyklus "Vogelherd. mikrobucolica" thematisiert der 2005 verstorbene Lyriker in der seit alters bekannten Fangvorrichtung für Vögel und ihrem Gesang immer auch das Gedicht (besagtes "Vanitasmaschinchen") und die Situation des Dichters selbst. Die Kölner Literaturwissenschaftlerin und Hörfunkautorin Ulrike Janssen hat den Zyklus in Zusammenarbeit mit Norbert Wehr zum Ausgangspunkt einer Radio-Recherche über den Dichter gewählt – einer Expedition in die poetische (Klang-)Welt Klings, für die sie bei den diesjährigen Donaueschinger Musiktagen mit dem Karl-Sczuka-Förderpreis für Hörspiel als Radiokunst ausgezeichnet wurde. In der Hörbar im Alten Wiehrebahnhof in Freiburg wurde ihr Feature jetzt zu Gehör gebracht – mit der Klangkomposition "Die 50 Skulpturen des Instituts für Feinmotorik". Das fünfköpfige Ensemble aus Bad Säckingen ist Träger des Sczuka-Hauptpreises.

 

Janssens Collage aus Archivaufnahmen und Gesprächspassagen, Rezitationen, Vogelstimmen und Musik spannt – weit davon entfernt, eine literaturwissenschaftliche Auslotung des Kling’schen Textes zu sein, wie sie im sich anschließenden Gespräch mit Hans Burkhard Schlichting, Sekretär des Sczuka-Preises und bis 2010 Chefdramaturg des Hörspiels im SWR, bekannte – einen Klangraum aus, der mit seinem bunten Wechsel von Menschenstimmen, musikalischen Elementen und Vogelgesang beständig zwischen den Polen diskursiven Sprechens und vorsprachlicher Tonsignale wechselt. Ihr Arbeitsprinzip sei es gewesen, vom Pfad einer rein literarischen Annäherung an den Text abzuweichen. In der Montage unterschiedlicher Rezitationen einzelner Gedichtpartien durch einen älteren Sprecher (Otto Sander), ein Kind (Janssens Tochter) und den Dichter selbst, der den Zyklus einst beim Tonkünstlerfest Baden-Württemberg vortrug – das Ganze untermischt mit Statements und Kommentaren von Klings Witwe sowie Ornithologen und Teilnehmern einer Kling-Tagung in dessen letztem Domizil, auf der Museumsinsel Hombroich –, gelingt es Janssen, den Bedeutungsgehalt des Gedichts diesseits exakt benennbaren Sinns in der Schwebe zu halten und gerade dadurch seinen elegischen und sprachlichen Reiz fühlbar zu machen.

 

Im Unterschied dazu favorisiert die Klangkomposition des Instituts für Feinmechanik das reine, vorsprachliche Tonsignal. "Klangskulpturen" nennen die Fünf ihre gut vier Dutzend akustischen Stücke, wobei der skulpturale Charakter, der sich bei Live-Auftritten durch im Raum verteilte Lautsprecher einstellen mag, jetzt beim Abspielen einer CD verloren ging. Die "Abwendung von musikalischen Kompositionsstrukturen" ist Programm. Tonerzeuger sind nicht Instrumente, sondern Plattenspieler, deren Tonarme anstelle von Schallplatten Objekte wie ein Stück Karton, eine CD oder Einkochringe der Marke Weck abtasten.

 

Das Ergebnis sind nie gehörte Klanggebilde aus Geräuschen zwischen Knistern, Schrillen, Schleifen und Leiern, Schaben, Scharren, Rauschen und Wummern – oder Kombinationen. Nicht selten wähnt man sich in einem Maschinenraum mit penetrant sich durchhaltendem Lärm. Eine mit der Musik des Ensembles vertraute Besucherin, die eine "radikale Wende" von der früheren strengen Rhythmik zu Klang und, ja, Melodie konstatierte, machte erst bewusst, auf welche Feinheiten es bei der Tonkunst des Ensembles ankommt.


© 2005 beebox