unterstützt von
Buchhandlung Rombach, Freiburg
     
Veranstaltungen
Junges Literaturbüro
Writer in Residence
Verein
Service
Presse
Kontakt

Badische Zeitung vom 18. Oktober

"Fenster auf, Fenster zu" – Roman einer Freiburgerin

 

von Heidi Ossenberg

 

Es dauert seine Zeit, bis man warm wird mit diesem Buch. Manuela Fuelles Roman "Fenster auf, Fenster zu" sei eine Familiengeschichte, heißt es, und das klingt erstmal gut.

 

Denn Familiengeschichten verbinden: Jeder hat eine Familie und jede Familie ihre Geschichte. Diese, die die in Freiburg lebende Autorin in ihrem Debüt auf unkonventionelle Weise erzählt, ist allerdings auf den ersten Blick sperrig, handlungsarm, rätselhaft.

 

Fuelle berichtet aus der Perspektive eines Scheidungskindes. Mit einer Schwester wächst das Mädchen, es mögen die Siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts im Osten Deutschlands sein, beim Vater auf, eine weitere Schwester bei der Mutter. "Es gibt noch schlagende Verbindungen. In gewisser Weise ist auch unsere Familie eine schlagende Verbindung mit dem dazugehörigen Haus. Keine Villa, nur eine Reichsbahnnotunterkunft, wie unser Vater betont. Ein Zweifamilienhaus im Osten Berlins, bestimmt für zwei Familien, wovon unsere Familie eine Hälfte bewohnt, genauer eine Hälfte unserer Familie eine Hälfte bewohnt hat."

 

Im Roman tastet sich die Erzählerin, mittlerweile erwachsen und im Süden der Republik zu Hause, langsam in die eigene Kindheit zurück. Anlass für diesen Rückblick: Der Vater, 84 Jahre alt, ist verschwunden, und die beiden Schwestern der Erzählerin fordern diese auf, nach ihm zu suchen. Was schon für das besondere Verhältnis der Frau zu ihrem Vater spricht. Und in der Tat: Im Gegensatz zu ihren beiden Schwestern hält die Erzählerin ihren Vater nicht für krank, verwirrt oder verrückt.

 

Zumindest sei er jetzt nicht verrückter, als er es sein ganzes Leben über war, teilt sie dem Leser mit. Anders als andere Väter freilich sei er immer gewesen – und habe es trotzdem geschafft, seine Töchter allein großzuziehen. Nun ist er alt – ohne darüber konventionell geworden zu sein. So sammelt er Dinge: Kleider, Bretter, altes Brot, Autos. Um alle seine Sachen unterbringen zu können, mietet oder kauft er Keller, einen ganzen Hof gar. Seine Zeit verbringt er damit, zwischen diesen Orten hin- und her zu pendeln.

 

Mehr assoziativ als chronologisch beginnt die Erzählerin, über die Charakterisierung ihres Vaters auch von ihrer Kindheit zu berichten – und diese lakonisch, komisch und oft auch nachdenklich klingenden Erinnerungsfetzen fesseln. Anders als die Form des Erzählens es nahelegt – in kurzen, oft genug unvollständigen Sätzen, wenig dialoghaft, dafür überwiegend monologisierend, reflektierend – dringt die Autorin im Lauf ihrer Geschichte sehr tief in das Familiensystem ein und legt die Gefühle ihrer Protagonisten offen. Dabei tritt ein sehr klug konzipierter Roman zutage – und einer, der berührt. Manuela Fuelle bewertet ihre Figuren nicht moralisch, sie lässt sie durch ihre Erzählerin einfach lebendig werden. Dabei scheinen Widersprüche auf, Eigenheiten und Fehler, wie sie jeder kennt. Familie, das ist ein System, das verbindet, das trennt. Vor allem aber ist es ein System, dem man nicht entkommen kann.

– Manuel Fuelle: Fenster auf, Fenster zu. Roman. Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen 2011. 250 Seiten, 19,50 Euro.


© 2005 beebox