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Badische Zeitung vom 01. Oktober 2011

Peter Licht: „Ich bin ein Lückendompteur“

 

Peter Licht heißt anders. Wie, verrät er nicht. Wie man ihn auch auf Fotos nicht von vorn sehen kann. Der Autor und Sänger tritt am Sonntag im Großen Haus des Freiburger Theaters auf. Bettina Schulte sprach mit ihm.

 

BZ: Herr Licht, mit wem spreche ich, wenn ich mit Ihnen rede?

Licht: Peter Licht.

BZ: Das ist der Name, den Sie selbst gewählt haben.

Licht: Die Namen wählen sich nicht aus, die sind da. Wie die Blumen auf dem Feld. So biblisch.

BZ: Licht sagt etwas aus: das Helle, Leichte. Ist das so gedacht?

Licht: Es ist besser, wenn man nichts denkt. Das Denken führt in dunkle Ecken.

BZ: Sie gehen mit Ihren Liedern gern ins Theater. Warum?

Licht: Ich finde, das Theater ist ein wunderbarer utopischer Raum.

BZ: Was meinen Sie mit utopisch?

Licht: Es ist in gewisser Weise ein ökonomiefreier Raum. Es können Sachen stattfinden, die sich nicht finanzieren müssen – im Unterschied zum Popbusiness, da geht es um Produkte, das ist ein stark konsumistischer Ansatz. Aber ich möchte das gar nicht an erster Stelle nennen. Für mich ist das Theater ein sehr emotionaler Ort. Es entstehen Dinge, die einen sehr überraschen. Das ist das Schöne.

BZ: Sie sind Musiker, Schriftsteller, Bühnenautor, Liedermacher. Was sind Sie am liebsten?

Licht: Ich bin nichts am liebsten, sondern ich bin genau das.

BZ: Wenn Sie Lieder machen: Ist zuerst der Text da oder die Musik?

Lichter: Da ist eine Halde von Dingen, die sich kreuzen und miteinander verbinden. Das wuchert vor sich hin. Wenn ich eine Platte mache, muss ich Wörter und Musik zueinander zu bringen.

BZ: Sie singen Wörter, von denen man nicht glaubt, dass man sie singen könnte. Licht: Auf dem aktuellen Album ist es mir gelungen, da muss ich mich selber loben, das Wort Altersvorsorgeaufwendung zu singen: ein spucklangweiliger Begriff, aber wenn man genauer nachfühlt, kann er eine größere Emotion erzeugen als der Irakkrieg. Solche Wörter stammen aus der soziologischen Welt, aber da sind sie nicht zu Hause. Wenn man sie singt, bringt man sie dahin zurück, wo sie stattfinden.

BZ: Und wo finden sie statt?

Licht: Die Altersvorsorgeaufwendung findet in meinem Herzen statt, in meiner Depression, Generationsdepression. In der Erkenntnis, dass der Mensch nicht anders als im Neandertal Zyklen ausgesetzt ist, die ihn irgendwohin reißen.

BZ: Ihre neue CD heißt "Das Ende der Beschwerde" . Was ist damit gemeint?

Licht: Ein Popsong hat im Idealfall für drei Minuten 30 eine Welt aufzumachen, die plump gesagt so schön ist, dass man in sie reingehen möchte. Das Ende der Beschwerde ist eine Utopie. Für einer Stunde möchte ich, dass die Beschwerde endet. Es ist ein Sehnsuchts-, aber auch ein Depressionslied: wenn ich vom Ende der Beschwerde singe, endet die Beschwerde natürlich nicht.

BZ: Sie lieben paradoxe Formulierungen. In einem Lied geht es um das Aufsteigen im freien Fall. Wie funktioniert das?

Licht: Wenn ich das wüsste, würde ich das Lied nicht machen. Ich bin ein Lückendompteur. Mein Beruf ist es, Lücken aufzumachen. Dann ergibt sich dieses Gefühl: im freien Fall steigen.

BZ: Steigen ist etwas Schönes, Fallen eher nicht. Oder?

Licht: Wenn man die Wörter aneinander hängt, ergibt sich ein Kreiseleffekt. Ich beschreibe dieses Kreiseln. Aufstieg und Abstieg: Man kann das eine nie ohne das andere denken. Aus dieser Schleife komme ich nicht raus. Ich komme nur dadurch raus, dass ich die Schleife besinge.

BZ: Schleifen gibt es bei Ihnen häufiger.

Licht: Ablehnen, Bejahen, ja sagen, nein sagen: So geht das immer hin und her.

BZ: Gesellschaftskritik wird Ihnen unterstellt. Ist dem so?

Licht: Ich betrachte meine Lieder als politische Lieder. Der Begriff Gesellschaftskritik ist ein bisschen doof: Alles ist Gesellschaftskritik, am Ende sind die Kastelruther Spatzen auch Gesellschaftskritik. Aber natürlich bin ich in der Kritik unterwegs. Kritik hat mit Abtrennen zu tun. Wenn ich mir über Dinge Gedanken mache, muss ich sie betrachten, dann ist Trennung da.

BZ: Aber man strebt auch danach, die Trennung aufzuheben.

Licht: Beim Song "Begrab mein iPhone an der Biegung des Flusses" gibt es beide Bewegungen. Da entsteht ein schönes Bild. Was es bedeutet: ob das Internet ein Liebesabschaffungsphänomen ist, das sagt der Refrain: "Ich wüsst ’ niemanden, der sich selbst gehörte".

BZ: Ist das schrecklich oder gut?

Licht: Darum geht’s. Im Idealsystem der Liebe gehört sich der Mensch auch nicht mehr selber. Wenn das Netz ein Zusammenschluss freier Menschen ist, bricht das Zeitalter der Liebe an. Es ist natürlich die Frage, ob sich die einen nicht ein bisschen mehr nehmen als die anderen.

BZ: Der Sound auf der neuen CD ist zum Teil sehr rockig, fast aggressiv. Sie schreien sogar einmal. Das ist man von Ihnen nicht gewöhnt.

Licht: Das ist eine zwangsläufige Entwicklung. Wir sind sehr viel live unterwegs und mittlerweile eine große Band.

BZ: Was machen Sie, wenn Sie nicht Musik machen?

Licht: Theatertexte. Daraus speisen sich auch die Lieder vom aktuellen Album. Von einer Molière-Bearbeitung für das Maxim-Gorki-Theater in Berlin findet sich die Figur der Marianne wieder.

BZ: Es gelingt Ihnen, abstrakte Formulierungen konkret zu machen. Sind Sie soziologisch gebildet?

Licht: Meine Art, mit Themen umzugehen, sehe ich als emotionale Soziologie. Die Systeme, die man überall betrachten kann: Das ist schon eng mit der Soziologie verknüpft.

BZ: Systeme, aus denen wir nicht herauskommen, mit denen wir uns befassen, aber die wir nicht verlassen können...

Licht: Ja.

BZ: Entschuldigen Sie, Herr Licht, ich rede zu viel, das ist gar nicht gut.

Licht: Doch, das ist gut. Ich finde interessant, was anderen einfällt. Da höre ich lieber zu, als es selbst versuchen zu erklären. Meine Lieder sollen das Ganze klarmachen. Durch jedes Wort, das ich über sie verliere, werden sie weniger wahr.

 

– Die CD "Das Ende der Beschwerde" kommt am 28. Oktober heraus.


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