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Badische Zeitung vom 20. September 2011

Wie soll man Vögel evakuieren?

 

"EXPEDITIONEN. 25 JAHRE TSCHERNOBYL" II: Störfall Text, ein internationales Symposium des Literaturbüros Freiburg .

 

von Jürgen Reuß

 

Wenn man wie das Literaturbüro Freiburg ein Internationales Literarisches Symposium "Störfall Text" organisiert, ist es nicht unklug, gleich in der ersten Podiumsrunde im Alten Wiehrebahnhof nach dem internationalen, sprich globalen Aspekt so eines Ereignisses zu fragen. Das tat die Moderatorin Claudia Dathe und traf damit gleich den Nerv einer globalisierungsempfindlichen Kathrin Röggla. Seit Satelliten diese Erdbilder in die Wohnzimmer funken, müsse man jedes Problem immer gleich gesamtplanetar mit Globuslogo durchdenken. Wie der wandelnde Beweis für die alte McLuhan-These, dass unser von innen nach außen gestülptes Nervenkostüm in die elektronischen Weltnetze gewandert sei, trifft jeder dort verzeichnete Störfall immer irgendeinen neuralgischen Punkt so eines zwangsweise überspannten Weltbürger-Ichs. Vorfälle an Hochhäusern oder Reaktoren werden nur als Störfälle der eigenen psychischen Befindlichkeit wahrgenommen. Die literarische Verarbeitung ist demnach ein tendenziell referenzwillkürlicher innerer Monolog.

 

Auch für den ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan ist die Reaktorkatastrophe kein globales Ereignis, nur aus anderen Gründen. Tschernobyl ist in der Ukraine ein Unereignis, zu dem alle relevanten Fakten bis heute vertuscht werden. Es gibt die Liquidatoren, aber deren Heldentum ist zum einen noch alte Sowjetunion, zum anderen gehen sie im Gründungsmythos der freien Ukraine auf. Der Super-GAU war nur ein Mosaikstein im Zusammenbruch der UdSSR. Für die jungen Literaten von heute spielt Tschernobyl keine Rolle, am ehesten noch als Folie für das weltweit erfolgreiche Computerspiel S.t.a.l.k.e.r.

 

39 000 Tschernobyl-Opfer sind noch immer ohne Wohnraum

 

Taugt so ein Spiel zur Aufarbeitung einer derartigen Katastrophe? Experte Fabian Grossekemper verneinte diese Frage in seinem Fazit zum zweiten Podium. Solche Spiele werden mit einem Etat von 50 Millionen Euro entwickelt und müssen diese Summe wieder einspielen. Ihre Logik ist nicht die der Aufarbeitung sondern die der Hollywoodfilme: Kassenerfolg oder Pleite.

 

Das letzte Podium eröffnete Moderatorin Insa Wilke vom Literaturhaus Köln mit der zum versammelten Expertentum erfrischend gegenläufigen Frage, was denn bis heute unverständlich geblieben sei. Rebecca Harms, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europäischen Parlament, die zwei Jahre nach der Katastrophe die Zone besucht hatte, antwortete mit einem Zitat des Philosophen Günther Anders: "Die atomare Katastrophe vernichtet die Vergangenheit, zerstört die Gegenwart und greift nach der Zukunft." Atomare Auslöschung übersteigt den Zeithorizont des Menschen. Schon auf dem ersten Podium hatte Zhadan die ungeheuerliche Zeitdimension mal anklingen lassen: Noch heute, 25 Jahre nach der Katastrophe, sind 39 000 Tschernobyl-Opfer ohne Wohnraum.

 

Die eindringlichste Annäherung an die Katastrophe gelang der belorussischen Autorin Swetlana Alexijewitsch, die mit den Menschen vor Ort geführte Gespräche literarisch orchestriert hat. Sie sah Soldaten mit gezückter Waffe in der Todeszone stehen. "Aber kann man Physik erschießen? Wie soll man Vögel evakuieren?" Das Wasser sieht aus wie zuvor, aber es ist tödlich. Haben wir diese Dimension begriffen?

 

Der Kulturwissenschaftler Harald Welzer glaubt das nicht und sieht den Traum von der Emanzipation von Natur ungebrochen am Werk. Für den Autor Juri Andruchowytsch haben sowieso nur gläubige Menschen Tschernobyl verstehen können. Für sie war es Strafe für gottloses Leben. Harms verwies t auf die praktische Konsequenz, dass seitdem keine neuen Kernkraftwerke gebaut worden seien. Und auch Welzer wollte nicht ausschließen, dass die Zeit der Totalverblödung vorbei ist.

 

Tschernobyl wird auch zu seinem 50. und zu seinem 100. Jahrestag noch strahlen. Viel Zeit, zumindest an der letzten These weiterzuarbeiten.


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