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Badische Zeitung vom 06. September 2011

Aufstieg und Fall der Atomstadt Prypjat: Ausstellung in Freiburg

 

Der Untergang der 1970 gegründeten Atomstadt Prypjat – Thema einer Ausstellung im Freiburger Morat Institut, verbunden mit einem ein Symposion des Literaturbüros zu 25 Jahren Tschernobyl.

 

Von Bettina Schulte

 

Keine Stadt auf der Welt dürfte eine kürzere Lebenszeit gehabt haben als Prypjat. Am 4. Februar 1970 wurde sie als neunte und modernste Atomstadt der UdSSR für die Bauarbeiter und die Belegschaft des Atomkraftwerks Tschernobyl gegründet. Am 27. April 1986, 36 Stunden nach der Katastrophe, dem GAU, wurde sie für immer evakuiert. Fast 50 000 Einwohner hatte sie gehabt, überwiegend junge Menschen mit Zukunftshoffnung. Die "Straße der Enthusiasten" führte vom östlichen Stadtrand Prypjats direkt zum AKW. Was für ein Hohn.

 

Den haben sich die Macher der Ausstellung "Die Straße der Enthusiasten" natürlich nicht entgehen lassen. Nach Stationen in Kiew, Warschau, Brüssel, Berlin und Gartow ist sie nun endlich auch in Freiburg zu sehen. Endlich, weil ihr Spiritus Rector einer von hier ist: Walter Mossmann, der sich vor vielen Jahren dank Rolf Böhme in Freiburgs ukrainische Partnerstadt Lemberg verliebte und seitdem viel für den interkulturellen Austausch getan hat, hat das Zustandekommen des Projektverbunds "Tschernobyl25-expeditionen" – zu dem auch das Ethnographische Museum Lemberg gehört – maßgeblich befördert. Selbstredend lag dem alten Anti-AKW-Aktivisten das Thema Tschernobyl am Herzen.

 

Das macht sich bemerkbar. Die Ausstellung stellt vielfältige Stimmen zum katastrophischen Ende der Moderne – wenn man darunter den grenzenlosen technologischen Fortschrittsglauben in Ost wie West versteht – im Aufstieg und Fall der Stadt zusammen.

 

Ikonografisch sind längst die großformatigen Fotografien von Robert Polidori: Gespenstische Traumbilder von Verfall und aufgegebenen Leben. Sie werden im Morat-Institut zusammengespannt mit den Arbeiten des 1973 in Gorky geborenen Restaurators und Fotografen Andrej Krementschouk, der den unerschütterlichen Behauptungswillen der Menschen in der geisterhaften Sperrzone aufspürt: Kinder, die in einem Bunker spielen, eine zarte Birke, die sich durch die zerborstenen Platten einer verlassenen Veranda kämpft.

 

Die zweite Abteilung der Schau versammelt Dokumente aus der – wie es in der Ankündigung so treffend formuliert ist – "sowjetischen Illusionsperiode des Atomzeitalters", die identisch ist mit der Existenzdauer von Prypjat. Sie hat einen Vorläufer in den Anfängen des sowjetischen Industrie-Enthusiasmus in den späten zwanziger und den frühen dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

 

Und es gibt noch einen dritten Teil: Dieser wird nicht bei Morat, sondern in der Galerie im Alten Wiehrebahnhof gezeigt. An dieser Stelle ist Gelegenheit, mit Mossmann die große Vernetzungsbereitschaft der Freiburger Kulturinstitutionen zu rühmen: Nicht nur das Literaturbüro, auch das Augustinermuseum (das ab 17. Dezember mit einer zweiten Ausstellung "Tschernobyl. Expeditionen in ein verlorenes Land" das Projekt zu Ende bringt) hat sich stark für das durch Fukushima mit unerwarteter Aktualität aufgeladene Memento engagiert. In "Charkiv – Block 4" kommen die Ukrainer selbst zum Zug: Der Grafiker Oleg Veklenko, als Reservist damals zur Evakuierung nach Tschernobyl eingezogen, veranstaltet in der ostukrainischen Stadt Charkiv seit 1991, dem fünften Jahrestag der Katastrophe, eine nach dem havarierten AKW "Block 4" benannte "Internationale Triennale für ökologische Plakate". Das dortige Plakatmuseum archiviert mittlerweile über 3000 Plakate.

 

Zur Eröffnung der Ausstellung liest der bekannteste ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch seinen Essay "Der Stern Absinth. Notizen zu einem verbitterten Jubiläum" – was schon überleitet zur literarisch-wissenschaftlichen Aufarbeitung des GAU, die sich unmittelbar anschließt. Auch "Störfall Text", organisiert von der Leiterin des Literaturbüros Stefanie Stegmann, gliedert sich in drei Blöcke: In "Expedition Katastrophe" lesen und sprechen miteinander der ukrainische Autor Serhij Zhadan und seine deutschen Kolleginnen Katrhin Röggla ("die alarmbereiten") und Inka Parei ("Die Kältezentrale"). In "Magie der Zone" werden – ungewöhnlich für ein Literatursymposion – die in den Kulissen der Sperrzone angesiedelten Egoshooter-Spiele der Serie "Stalker" (nach Tarkowskijs berühmtem Film) vorgeführt und analysiert. Das abschließende Gespräch mit Juri Anruchowytsch, dem Erinnerungstheoretiker Harald Welzer und der Journalistin Swetlana Alexijewitsch trägt den Titel ihres 2006 auf Deutsch erschienenen grundlegenden Tschernobyl-Buchs "Eine Chronik der Zukunft". Eine Filmreihe im Kommunalen Kino ("Prybjat – Das Unbehagen an der Moderne") vervollständigt das mehr als bemerkenswerte Programm.

 

– Eröffnung der Ausstellung im Morat-Institut: 18. September, 11 Uhr, mit der Grünen Europa-Abgeordneten Rebecca Harms. 14 Uhr: Shuttlebus zum Wiehrebahnhof. 14.30 Uhr : Eröffnung der Ausstellung "Block 4". 15 – 21.30 Uhr: Symposion "Störfall Text".

 


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