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Badische Zeitung vom 03. August 2011

Leben, ein Gewässer

 

Aris Fioretos’ Roman "Der letzte Grieche" ist eine schillernde Generationengeschichte.

 

Heimat, Identität, Verlust, Erinnerung, Diaspora, Migration. Wo anfangen? Vielleicht beim Autor selber – denn wer, wenn nicht Aris Fioretos könnte einen Roman über diese Themen schreiben? Fioretos wird 1960 in Göteborg als Sohn eines Griechen und einer Österreicherin geboren. Die Familie unterhält sich auf Deutsch, bis der vierjährige Aris darauf besteht, in Schweden auch Schwedisch zu reden. Er studiert in Stockholm, Paris und Yale und lebt heute auch in Berlin.

 

Als wir dem Helden in Fioretos’ Roman "Der letzte Grieche" begegnen, wissen wir nur, dass dieser Jannis vermutlich als "Gastarbeiter" aus dem makedonischen Bergdorf Ano Potamiá nach Schweden gereist ist. Anders als seine Vorfahren, die unter der Vertreibung aus Smyrna 1922, dem Völkeraustausch zwischen Griechen und Türken 1923 und dem Militärputsch 1967 zu leiden hatten, die Gewalt und Vertreibung also hautnah erlebten, ist Jannis freiwillig aus seiner Heimat weggegangen. Leidlich freiwillig sollte man vielleicht sagen, denn der Bauernbursche hat Stall und Feld beim Pokern verloren – und daher beschlossen, dass er genauso gut seiner Jugendliebe Efi nach Schweden folgen und dort, wo es so phantastische Dinge wie Eisangeln und Eislaufen gibt, ein neues Leben beginnen könne.

 

Es kommt, was nicht weiter überrascht, anders. Diese Liebesgeschichte steht nicht im Mittelpunkt eines Romans, der so kühn komponiert, so phantastisch erzählt, so assoziativ konstruiert ist, dass dem Leser so manches Mal schier schwindelig wird. Er ist versucht, sich am Stammbaum der Georgiadis’, im Buchdeckel abgedruckt, festzuhalten und zu orientieren. Nicht immer gelingt die Orientierung. Fioretos baut seine schillernde, nicht chronologisch erzählte Generationengeschichte auf, indem er einen Erzähler aus dem Leben und Lieben von Jannis anhand von Karteikärtchen berichten lässt – mithin versteht dieser Erzähler das Werk auch als ein Sachbuch und nicht etwa als einen Roman!

 

Das Bedürfnis dieses fiktiven Erzählers, den Lebenslauf von Menschen mit Hilfe von belegbaren Fakten zu schildern und für die Nachwelt festhalten zu wollen, wird permanent kontrastiert: Zum einen schon durch Fioretos ’ unbändige Erzähllust, aber auch ganz konkret durch Sätze wie: "Menschen bestehen aus anderen Menschen", "Das Leben war wie ein Gewässer, das in alle Richtungen expandiert" oder "Gelebtes Leben ist anders als erzähltes Leben."

 

Fioretos’ Figuren, so leichthändig sie auch beschrieben werden, sind komplexe Charaktere, denen die Bedeutung von Heimat, Erinnerung und Verlust eingeschrieben ist ins Herz. Ihre Melancholie, ihr Pathos, ihre Leidenschaft rühren an – und machen sie zu Menschen, lange bevor wir sie als Griechen, Türken oder Schweden erkennen.

 

– Aris Fioretos: Der letzte Grieche. Roman. Aus dem Schwedischen von Paul Berf. Carl Hanser Verlag München 2011, 416 Seiten, 24,90 Euro.

 

–  Freitag, 5. August, 20 Uhr liest Aris Fioretos auf Einladung des Literaturbüros Freiburg, des Skandinavischen Seminars und Deutschen Seminars der Uni Freiburg und der Buchhandlung Jos Fritz im Kinosaal, Alter Wiehrebahnhof, Urachstraße 40, Freiburg aus seinem Roman. Es moderiert Prof. Joachim Grage vom Skandinavischen Seminar der Uni Freiburg.

 

Von Heidi Ossenberg


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