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Badische Zeitung vom 4. Juli 2011

Ich liebe dich oder: Was mich betrifft, bist du begehrenswürdig

 

Ein Sommernachtstraum: Die Lange Nacht der Poesie am Freiburger Alten Wiehrebahnhof mit Marica Bodrozic, Yoko Tawada und Uljana Wolf.

 

Drei Stunden Lyrik: Für die Spezies des so genannten mitgekommenen Ehemanns mag eine solche Ansage einer kulturkalendarischen Höchststrafe gleichkommen. Lyriklesungen heftet man gern etwas weihevoll Parfümiertes an, eine aus der Zeit gefallene Irrelevanz. Mit einer nicht weniger denn triumphalen Langen Nacht der Poesie hat das Freiburger Literaturbüro solche Vorstellungen ins Reich der Legende verwiesen: Mit den drei Dichterinnen Yoko Tawada, Marica Bodrožicć und Uljana Wolf nahm eine lyrische Troika unter den herrlichen Kastanien am Alten Wiehrebahnhof Platz, die unterschiedliche nationale Wurzeln und eigene Zugänge zur Poesie in eine stimmige und kluge Gesamterzählung verwob.

 

Damit ging h das Konzept von Literaturbüroleiterin Stefanie Stegmann und der Freiburger Germanistin Weertje Willms auf, die in den produktiven Sprachraum der interkulturellen Lyrik entführen wollten. Die Biographien ihrer Autorinnen schillerten denn auch dementsprechend vielfarbig: Marica Bodrožic ist kroatischer Abstammung, ihre Kindheitssprache war das Dalmatinische; als Gastarbeiterkind studierte sie in Deutschland unter anderem Psychoanalyse – und schreibt auf Deutsch. Uljana Wolf besitzt polnische und ostdeutsche Wurzeln, lebt neben Berlin auch in Brooklyn und erkundet das Grenzverhältnis von deutscher Sprache und amerikanischem Englisch. Yoko Tawada schließlich darf als klügste Schelmin der deutschen Gegenwartslyrik gelten: Die Trägerin der Goethe-Medaille hat sich ihre doppelbödig-kindliche Spielfreude an der deutschen Sprache bewahrt und verblüfft mit dem Irrwitz ihrer lautmalerischen Balanceakte. Am liebsten, so Tawada hintersinnig, würde sie auf Russisch dichten können – ein Satz, der die unbekümmerte Offenheit der Virtuosin deutscher wie japanischer Sprachkunst gegenüber vermeintlich fremden Sprachsystemen demonstriert.

 

Das "Fremde" überhaupt – um diese brisant unbestimmte Größe kreist das Gespräch der drei Autorinnen. Bodrožic ist der "unerträgliche Herkunftsexotismus" zuwider, der sich bereits an den aparten slawischen "Häkchen" im Nachnamen einer Schriftstellerin entzünden kann: Man unterstelle damit, das nicht der Mensch als eigentümliches Ganzes, sondern bloß das sogenannte Fremde in ihm schreibe. Yoko Tawada findet eine positive Wendung des Problems: Fremdsein brauche jeder Autor – auch gegenüber dem "eigenen" Land; das schütze vor Blindheit. Uljana Wolf schließlich möchte "nicht auf dieses Polenthema gebucht werden" – eine kreative Maßnahme dagegen ist ihr poetisches Wörterbuch "falsche freunde": Da wird temporeich in engen lyrischen Kurven mit dem lautlichen Gleichklang deutscher und amerikanischer Vokabeln gespielt, die doch ganz anderes meinen. Sprachliche Transaktionen faszinieren auch Yoko Tawada: Sie übersetzt japanische Entsprechungen deutscher Begriffe zurück – da wird aus dem Kino ein "Institut für elektrische Schatten", und das pathetische "Ich liebe dich" klingt dezent zurückgenommen: "Was mich betrifft, bist du begehrenswürdig". Weniger zum Wortwitz neigt Marica Bodrožic. Sie lotet in traumsicheren Metaphernketten das "narkosefreie Unglück" von Sprachverlust und traumatischer Elternbindung aus; poetisch seziert sie die sehr physische Folterqual einer zerstochenen Zunge im Titelgedicht des neuen Bandes "Quittenstunden": dringliche Eleganz, die den Hörer sprachlos zurücklässt.

 

Am späten Abend demonstriert das Trio unprätentiös, wie politisch engagiert die junge interkulturelle Lyrik sein kann: Die unbestreitbare Realität hybrider Lebensläufe in einem offenen Europa stellen die Dichterinnen den "künstlichen Regressen" jüngster Zeit, etwa den dänischen Grenzkontrollen, entgegen. Es könne, so der Tenor, Aufgabe der Poesie sein, das Klammern an der nationalen Einsprachigkeit zu lockern. Wenn das dann so schön klingt wie bei diesen Lyrikerinnen – gern!

 

Von René Freudenthal

 

 


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