unterstützt von
Jos Fritz Bücher, Freiburg
     
Veranstaltungen
Junges Literaturbüro
Writer in Residence
Verein
Service
Presse
Kontakt

Badische Zeitung vom 25. Juni 2011

Ein Sandkorn auf Zehen

 

Widerborstig: Rosemarie Bronikowskis wunderbarer Band "Geistertreiben" / Lesung in Freiburg

 

Es gibt sie vermutlich, diese Momente grundlosen oder vielleicht auch sehr wohl begründeten Glücks, das Gefühl des Einklangs mit Gott, der Welt und sich selbst. "Schokolade im Mund / auf dem Bauch eine Katze / im Himmel den lieben Gott". So lesen wir in Rosemarie Bronikowskis "Schöner Tag" in "Geistertreiben", dem neuen Gedichtband der Lyrikerin aus Ebringen, die nächstes Jahr ihren 90. Geburtstag feiert. Aber wer diese Autorin kennt, weiß, dass solcher Einklang, solches Glück nicht von langer Dauer sein kann. Wo schon die Kapitelüberschrift mit lakonischem Spott notiert: "Ich kann laufen freute sich der Fuß sogleich drückte der Schuh".

 

Tatsächlich ist es in dem Band mit der Gemütlichkeit sehr bald wieder vorbei. Zwei Seiten weiter, in "Geistertreiben (1)", dem ersten von insgesamt drei Titelgedichten, geben sich allerlei Spukgestalten ein Stelldichein – darunter solche harmloserer und rein privater Art wie das "Gespenst atemloser Verspätung" oder der Kobold "des Verwechselns / von Endspurt und Rückwärtsgang"; aber auch bedrohlichere, die Allgemeinheit tangierende, ins Leben aller eingreifende wie der Mummenschanz einer politisch nicht gebändigten entfesselten Ökonomie. "Absolut geisterhaft: das Eigenleben / ungebremster Spekulation".

Nicht nur in diesem Gedicht überschreitet Bronikowski die engen Grenzen eines schöngeistigen Begriffs des Lyrischen, der das gern so genannte lyrische Ich in der engen Zelle weltferner Subjektivität einschließen möchte. Demgegenüber sind Bronikowskis Gedichte bei aller sorgsamen Pflege einer schön eigensinnigen Individualität weltoffen bis hin zur tagesaktuellen Sorge um den Zustand der Schöpfung. "Dauerhaft schien uns die Erde", heißt es an einer Stelle, doch "Gletscher veranstalten Wettfahrt, / Eisschollen werden prämiert / für die flüssigste Ausdrucksweise", "der Fisch schwimmt im eigenen Öl".

 

Überhaupt ist an dem Band die Weite der Perspektive bemerkenswert, ein Gestus des Grundsätzlichen, der "Blick aufs Ganze", wie ihn eine weitere Kapitelüberschrift lyrisch umschreibt ("Ein Sandkorn / stellte sich auf Zehen / für einen Blick / aufs Ganze"). "Als erstes / schuf Gott den Fisch" – die einleitenden Verse des Bands sind der Beginn einer eigenwillig-sinnbildlichen Schöpfungsgeschichte. Andere Gedichte richten den Blick zurück auf die biologischen Anfänge der Menschwerdung oder voraus auf den möglichen "Abgang mit Salto Mortale / vom Laufsteg der Evolution".

 

Im Rundblick auf Leben und Welt klingen – darin ist dieses Buch vielleicht ein typisches Alterswerk – die großen Themen der lyrischen Tradition an: Liebe, Natur, Religion, Sprache, das Verhältnis von Ich und Gesellschaft – auch, in Versen von erschütternder Expressivität, das Alter: "Habe mich / leer gesprochen / befinde mich / im Einsturz / meiner ziellos / schlagenden Glieder / bin ein versprengtes Geräusch / im Verstummtsein".

 

So wie Rosemarie Bronikowskis bevorzugte Sprach- und Denkfigur das Paradox ist, verwendet sie gern das Mittel des Perspektivwechsels, der den Gegenstand der Betrachtung in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt wie in "Ansichtssache": "Von draußen / ein warmes Zimmer / mit Lampe und Holzpferd / zum Spielen / Von drinnen / ein zornig tobendes Seestück / mit untergehendem Schiff". Bildhaft und von sprachlicher Virtuosität wie dieses sind nicht wenige Gedichte dieses Bandes, die sich bisweilen literarischen Kernformen wie Parabel und Sinnspruch nähern und deren widerborstiger Phantasie Eugeniusz Józefowskis Illustrationen kongenial entsprechen.

 

– Rosemarie Bronikowski: Geistertreiben. Gedichte und Kurztexte. Trescher Verlag, Berlin 2011. 80 Seiten, 12 Euro. Lesung: Die Autorin liest in der Freiburger Reihe "Andruck" am 29. Juni um 20 Uhr im BZ-Haus. Es moderiert SWR-Redakteurin Wibke Gerking.

 

von Hans-Dieter Fronz


© 2005 beebox