unterstützt von
Walthari - Die Buchhandlung in der Universität
     
Veranstaltungen
Junges Literaturbüro
Writer in Residence
Verein
Service
Presse
Kontakt

Badische Zeitung vom 11. Juni 2011

Der Papiergestalter

 

Literaturbüro und Kommunales Kino Freiburg zeigen eine Dokumentation über den Verleger Steidl.

 

Einen Verleger stellt man sich so nicht vor: der Kittel weiß, das Gesicht in lauernd akribischer Daueranspannung, der sprachliche Ausdruck sachlich, pragmatisch, nüchtern – und meistens auf Englisch. Gerhard Steidl reist von der kleinen Universitätsstadt Göttingen, die zu seinem Metier und seiner Passion perfekt zu passen scheint, sehr oft in die Vereinigten Staaten von Amerika, weil seine Kunden dort hauptsächlich leben und arbeiten. Steidl ist seit 1968 Inhaber des gleichnamigen Verlags, der sich in den vergangenen Jahren vor allem als editorische Kaderschmiede für die gesammelten Werke des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass profiliert hat.

 

Der Schriftsteller und Künstler, als gelernter Steinmetz eine Doppelbegabung, spielt in Gereon Wetzels und Jörg Adolphs 80 Minuten langem, aber keinen Augenblick langweiligem Dokumentarfilm "How to Make a Book with Steidl" allerdings wider Erwarten nur eine marginale Rolle. Das Büchermachen, wie Steidl es versteht, lässt sich an anderen Figuren deutlicher machen. Gerhard Steidl, daran lässt der Film keinen Zweifel, ist in erster Linie der Verleger zeitgenössischer Fotografie. Und in diesem Metier sind völlig andere Fähigkeiten gefragt als die Lektüre von zahllosen Manuskripten und die Pflege sensibler Schriftstellerbeziehungen unter Berücksichtigung des eigenen Ego – so wie es Verlegerpersönlichkeiten wie Siegfried Unseld, Klaus Wagenbach oder Michael Krüger beispielhaft vorgelebt haben und leben. Nein: Steidl scheint hauptsächlich nur an einem interessiert zu sein – an der möglichst brillanten und formal adäquaten Präsentation der Arbeiten "seiner" Künstler. Dabei geht es vor allem um präzises Handwerk: die Wahl des passenden Formats und des passenden Papiers – eine faszinierende Welt für sich, die dem Laien ohne Filme wie diesen vollends verschlossen bleiben müsste.

 

Man sieht dem kleinen, gänzlich unprätentiösen Mann mit dem stets gesammelten Gesamtausdruck, den die Filmautoren über ein Jahr lang vor allem auf seinen zahlreichen Reisen begleitet haben, gern zu: Wie er unter Ausnutzung jedes Quadratzentimeters und dem überlegten Zerschneiden störender Gurte seinen Rollkoffer mit Musterbänden packt; wie er im Flieger sitzt auf dem Weg nach New York und Los Angeles zu Ed Ruscha, Robert Frank oder Jeff Wall; wie er die Künstler in ihren Ateliers besucht und ihnen zeigt, wie er ihre Fotobände zu gestalten denkt; wie er sorgsam Einwänden Raum gibt, aber zugleich jederzeit die ästhetische Sicherheit des überlegenen Papiergestalters ausstrahlt – im Wissen, dass es keinen zweiten Verlag auf der Welt gibt, der seine Bücher so kompromisslos handwerklich perfekt herstellt.

 

Seine Künstler vertrauen dem Verleger entsprechend blind. Sie dürfen sich glücklich schätzen, in ihm den Partner gefunden zu haben, der ihrer Kunst das bestmögliche Gehäuse schenkt. An Steidls Arbeit bewahrheitet sich einmal mehr die Erkenntnis, dass Kunst entsteht, wenn Form und Inhalt sich innig entsprechen. In diesem Sinn sind Gerhard Steidls Bücher weit mehr als Gebrauchsgegenstände. Leidenschaft und Besessenheit können sich auch hinter einem Pokerface verbergen.

 

–  "How to Make a Book with Steidl" läuft am 14. Juni um 19.30 im Kommunalen Kino Freiburg, Alter Wiehrebahnhof. Anschließend: Gespräch mit den Publizisten Martin Kölbel und Cgdas Karakurt.

 

 

Von Bettina Schulte


© 2005 beebox