unterstützt von
Jos Fritz Bücher, Freiburg
     
Veranstaltungen
Junges Literaturbüro
Writer in Residence
Verein
Service
Presse
Kontakt

Badische Zeitung vom 24. Mai 2011

BZ-Interview mit Chalid al-Chamissi

 

Die Weisheit des ägyptischen Volkes

 

„Im Taxi. Unterwegs in Kairo“ ist Ägyptens Buch der Stunde. Der Politikwissenschaftler Chalid al-Chamissi hat über die 250000 Taxifahrer in Kairo geschrieben – ein Berufsstand, der überall auf der Welt nah am Puls des Volkes ist.

 

BZ: Herr Al-Chamissi, Sie sagen, die Taxifahrer aus Kairo verstünden die Politik oft besser als die studierten Experten, wie Sie einer sind. Kommen deshalb in Ihrem Buch fast ausschließlich die Fahrer zu Wort?

 

Chalid al-Chamissi: Nun, ich habe über die Taxifahrer geschrieben, weil sie zu den Ärmsten in Ägypten gehören und weil sie einen ganz wesentlichen Teil des ägyptischen Volkes repräsentieren. Unser Volk hat eine große Kultur und eine Geschichte von tausenden von Jahren. Das gilt auch für unsere Auseinandersetzungen mit der Gesellschaft und dem politischen System. Die haben ihre Spuren hinterlassen und das Volk versteht daher sehr gut, was sich jetzt auf der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bühne abspielt. Mein Buch handelt von dieser Weisheit des ägyptischen Volkes, es handelt von den Armen, die dieses Volk repräsentieren, ihren Wünsche und Träumen und wie sie die Welt wahrnehmen, in der sie leben.

 

BZ: Ihr Buch war nicht nur in Ägypten ein Bestseller, sondern auch in der arabischen Welt. Ist es ein arabisches oder ein ägyptisches Buch?

 

Al-Chamissi: Jedes arabische Land hat zwar seine eigene Kultur, aber natürlich sind sich viele der Länder sehr ähnlich und ihre Kulturen miteinander verflochten. Auch in der Sprache gibt es viele Gemeinsamkeiten. Aber ein argentinischer Romancier sagte mir einmal: "Ich hab mir beim Lesen vorgestellt, Ihr Roman wäre von einem Argentinier verfasst und würde in den Taxis von Buenos Aires spielen. Das hat hundertprozentig gepasst!" Und das gleiche sagte man mir auch in Napoli... Es geht also nicht nur um die Verflechtungen innerhalb einer Sprachgemeinschaft, es geht auch um das, was uns als Menschen verbindet.

 

BZ: Sie sind nun auf Lesereise in Deutschland. Was werden Ihnen die deutschen Taxifahrer erzählen?

 

Al-Chamissi: Da hab ich keine Ahnung. Aber in Frankreich – das ich weit besser kenne – ist der überwiegende Teil der Taxifahrer Ausländer, und das einzige, über das man sprechen kann, sind die Schwierigkeiten der Immigration ... Aber das Thema, das mich beschäftigt sind ja nicht eigentlich die Taxifahrer, sondern die ägyptische Gesellschaft.

 

BZ: In Ihrem Buch werden genau die Probleme besprochen, für die die Ägypter auf den Tahrir-Platz gegangen sind. Welche Rolle hat Ihr Buch für die Revolution gespielt?

 

Al-Chamissi: Es ist unmöglich zu sagen, dass ein, zwei oder auch 20 Bücher die Revolution ausgelöst hätten. Das was passiert ist, war eine kulturelle Revolution. Die Literatur, die Musik, die Kunst, die Bibliotheken, die Verlagshäuser – dutzende Sachen haben da zusammengewirkt. Hunderte Menschen haben an einer Bewegung teilgenommen. Und diese kulturelle Bewegung hat eine Rolle gespielt.

 

BZ: Waren denn auch die Taxifahrer ein Teil davon? Haben sie Ihr Buch gelesen?

 

Al-Chamissi: Die Taxifahrer arbeiten den ganzen Tag und wenn sie Geld hätten, würden sie es für Essen ausgeben und nicht für ein Buch. Sie wären verrückt, wenn sie das täten. Auch während der Revolution sind sie Taxi gefahren. Das konnte man auch sehen, wenn man bei den Demonstrationen war: Der größte Teil der Menschen dort gehörte zur Mittelklasse und oberen Mittelklasse.

 

BZ: Ägyptische Literatur war bisher in Deutschland nur ein Erfolg, wenn sie die Probleme der Gesellschaft thematisierte. Werden Sie Ihre Berühmtheit nutzen, auch andere Facetten aufzuzeigen?

 

Al-Chamissi: Nun, ich schreibe nicht für ein bestimmtes Publikum und ich glaube auch nicht, dass es Schriftsteller gibt, die das tun. Ich schreibe über das, was mir weh tut, was mich beschäftigt, was mich nicht schlafen lässt. Wenn es jemand lesen möchte, freue ich mich, aber ein Schriftsteller schreibt im Allgemeinen für sich selbst.

 

– Chalid al-Chamissi: Im Taxi. Unterwegs in Kairo. Aus dem Arabischen von Kristina Bergmann. Lenos Verlag, Basel 2011. 187 Seiten, 19,90 Euro. Lesung: Der Autor liest heute um 20 Uhr im Kinosaal des Alten Wiehrebahnhof, Freiburg, Urachstraße 40 auf Einladung des Literaturbüros und des Kommunalen Kinos. Die Lesung ist Auftakt des am 31. Mai beginnenden Filmforums:"Kifaya! Es ist genug! – Revolten in der arabischen Welt".

 

von xfwo


© 2005 beebox