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BADISCHE ZEITUNG VOM 15. APRIL 2011

"Brenntage": Der Roman des Österreichers Michael Stavarics.

 

"Wäldchenstag", "Grenzgang" und nun "Brenntage", Gegenwartsliteratur gibt sich derzeit alles andere als traditionsvergessen. Während Andreas Maier die grotesk-komischen Züge solcher Volksfeste erkundet, Stephan Thome dort die Idylle findet, wird im neuen Roman des Österreichers Michael Stavaric eine solche Tradition überhaupt erst begründet. Man muss sich diese Brenntage als rituell begangenen Sperrmüll vorstellen, bei dem die Bewohner der Siedlung das, was sie nicht mehr brauchen, verbrennen und mit den Dingen die Vergangenheit. Es ist eine Art kollektive Reinigung.

 

Michael Stavaric, 1972 in Brünn geboren, verortet seinen Roman nur vage. Es werden österreichische Mehlspeisen aufgetischt, Mikrowellen werden bei den Brenntagen entsorgt, der Fernseher berichtet von der Verschmutzung der Meere durch Plastikmüll, doch die namenlose, verarmte Siedlung bleibt von der Welt abgeschnitten. Die Eisenbahngleise, die sie einmal mit der nächsten Stadt verbunden haben, wurden verbogen, die Minen sind erschöpft. Kann gut sein, dass jenseits der Berge Krieg herrscht, immer wieder verirren sich Soldaten in die Wälder. Geister werden mit Lebendködern gelockt – jungen Mädchen –, die am Morgen verschwunden sind.

 

Auch der Erzähler, ein Junge, ein Kind, ein Heranwachsender, trägt keinen Namen. Er lebt bei seinem Onkel, von der Mutter erhält er Briefe, die sie schrieb als sie schon ihren Tod ahnte. Als auch noch seine Tante stirbt, füllt der Onkel Merkblätter mit Gerüchen und Geräuschen, die er vermisst.

 

So zeitlos unkonkret die Geschehnisse in der Siedlung bleiben, so wirklichkeitsgesättigt ist der Alltag. Während Stavaricč eine Zeit konstruiert, die vom Zyklischen der jährlich begangenen Brenntage ausgeht, die in der Erinnerung an das Ausbleiben der Zukunft erstarrt und Haken schlägt im "einmal", "lange Zeit" und "später als", eine Zeit also, die sich nie auf einen stringent verlaufenden Erzählfaden reduzieren lässt, stellt er scharf, wie der Junge die Natur erlebt. Er kann die Amseln voneinander unterscheiden, kennt jeden Weg im Wald und die Stollen der Minen.

 

Der Junge gibt neuen Pflanzen Namen: "(wenn man etwas benennt, dann macht man es dadurch doch lebendig!)". Oft beschwört der Roman Sprachmagie. So zitiert der Erzähler die althochdeutschen Merseburger Zaubersprüche und die Kinder entdecken die Begriffe der Bergleute. Eine melancholische Apokalypse liegt über dieser Welt, die nie klar benannt wird und doch erzählt der Junge, um zu erinnern. Was daraus entsteht, ist ein Erzählton von surrealer Genauigkeit, der Kitsch und Spitzfindigkeiten zu vermeiden weiß und der selten ist in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Was aber sagt der Onkel einmal: "Die Welt war eine wilde Mixtur aus Ungeduld und Aberglauben".

 

– Michael Stavaric: Brenntage. Roman. C. H. Beck, München 2011. 232 Seiten, 18,95 Euro.

 

– Der Autor liest am Montag, 18. April um 20 Uhr im Alten Wiehrebahnhof, Freiburg.

 

Von: Annette Hoffmann


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