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BADISCHE ZEITUNG VOM 08. APRIL 2011

Für vogelfrei erklärt

 

Der amerikanische Poet Ben Lerner hat Meistersonette vorgelegt / Lesung in Freiburg.

 

Man kann diesen jungen amerikanischen Dichter nur beneiden: um seine geistige Beweglichkeit, seinen ironischen Übermut, seine stilistische Eleganz. Der 1979 in Topeka/Kansas geborene und heute in New York lebende Lyriker Ben Lerner hat mit seinem furiosen Gedichtband "Die Lichtenbergfiguren" ein Meisterstück moderner Sonettdichtung vorgelegt, in dem der Zusammenprall der ehrwürdigen Gedichtform Sonett mit den profanen Redeweisen und Fachsprachen des 21. Jahrhunderts kunstvoll inszeniert wird. "Ich hatte jede Dogmatik des Denkens, jede Sklerose der Abläufe abschütteln wollen", heißt es in dem zweiten von insgesamt 52 Sonetten, in denen Lerner die alte Erhabenheitsrhetorik des Sonetts in lässiger Beiläufigkeit profaniert.

 

"Das Allerstarrste freudig aufzuschmelzen", hatte dereinst Goethe zur Aufgabe des Sonetts erklärt. In Ben Lerner hat er einen radikalen Exegeten dieser Maxime gefunden. Denn Lerner treibt ein ebenso frivoles wie einfallsreiches Spiel mit allen denkbaren Themen und Sprachregistern, die in einem modernen Gedicht Platz finden können: seine Sonette kreisen nicht nur – wie gehabt – um Liebe, Eros und Enttäuschung und um Poesie und Politik, sondern auch um Alltagsmythen und die Slapsticks unseres Daseins.

 

In Deutschland war der junge New Yorker Dichter bis vor kurzem unbekannt, bis ihn die findigen Scouts des Wiesbadener Luxbooks Verlags entdeckten und ihn mit dem Dichter Steffen Popp in Verbindung brachten, der seinerseits zu den begabtesten Köpfen der jungen deutschen Lyrikergeneration gehört. Aus einem umfangreichen Mailwechsel der beiden Autoren und aus zahllosen Videotelefonaten entstand schließlich dieser geistreichste zweisprachige Lyrikband der letzten Jahre, der soeben mit dem renommierten Preis für internationale Poesie der Stadt Münster ausgezeichnet wurde. Im physikalischen Sinn benennen die "Lichtenbergfiguren" jene farnartigen Verästelungen, wie sie elektrische Hochspannungsentladungen auf isolierten Flächen hinterlassen. Dieses physikalische Phänomen der vielfachen Verzweigung eines Impulses manifestiert sich bei Lerner in den vieldeutig funkelnden Denkbildern, poetischen Assoziations-Blitzen und rasanten Dialogen seiner Sonette. Die offene Form der Sonette, die sich mit einer Metaphorik der Überraschung verbindet, ist auch – wie es an einer Stelle der Sonette heißt – als "Kritik der Lahmarschigkeit" des herkömmlichen Gedichts zu verstehen. In zuweilen fast surrealistischer Leichtigkeit hat Ben Lerner die Stereotypien unserer Kultur ausgehebelt: "Meine Damen und Herren, / das Wetter heute Abend wurde abgesagt. Die Akademie hat die Blaumeise / für vogelfrei erklärt. Die Armen klauen die Lecksteine. Granaten vergnügen sich / im Park der stillgelegten Adjektive. Es ist Sabbat. Ich muss dich darum bitten, / deine Erkenntnisansprüche abzulegen, / sie langsam abzulegen und in großer Trauer."

 

– Ben Lerner: Die Lichtenbergfiguren. Gedichte, zweisprachig. Übersetzt von Steffen Popp. Luxbooks Verlag Wiesbaden. 120 Seiten, 18,50 Euro.

– Zweisprachige Lesung mit Ben Lerner und Steffen Popp, heute, Freitag, 20 Uhr, Galerie im Alten Wiehrebahnhof, Urachstraße 40, Freiburg.

 

von Michael Braun


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