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BADISCHE ZEITUNG VOM 12. FEBRUAR 2011

Das Radikale und Konservative sind in der Kunst eins

 

Mehr als ein Naturlyriker und im Widerstand gegen die Nazis keineswegs unpolitisch: Der Dichter Oskar Loerke wird in einer zweibändigen Ausgabe wiederentdeckt .

 

Von diesem Dichter kann man die Kunst der Selbstbehauptung lernen. Oskar Loerke (1884 – 1941), der lyrische Solitär aus Westpreußen, hat den ästhetischen wie politischen Ernstfall erlebt, als der nationalsozialistische Machtstaat nach dem Januar 1933 alle Institutionen des freien Denkens zerschlagen wollte. Seine Biografie ist ein respektgebietendes Beispiel für eine Poetik des subtilen Widerstands unter den Bedingungen der Diktatur. Die Literaturgeschichte hat Loerke zum braven Naturlyriker verkleinern wollen, der sich wie viele Autoren der "Inneren Emigration" zu einer Ergebenheitsadresse an die Nazis hat hinreißen lassen.

 

Zwar kann man Loerke eine Unterwerfungsgeste anlasten, als er nach seiner Entlassung als Sekretär der Preußischen Akademie der Künste im April 1933 ein "Gelöbnis treuer Gefolgschaft" an Adolf Hitler unterzeichnete. Aber diese Unterschrift leistete er auf Druck seines Verlegers Samuel Fischer, der seinen Verlag in seiner Existenz bedroht sah und durch das Treugelöbnis an den "Herrn Reichskanzler" sein Lebenswerk vor dem Untergang retten wollte. Das erzwungene Gelöbnis hat Loerke, der als Lektor im S. Fischer Verlag arbeitete, in der Folge schwer belastet, hat aber nie seinen Willen zum Widerstand gebrochen. Sein Gedichtband "Der Silberdistelwald" erschien 1934, ein glänzendes Beispiel für den Versuch, ästhetische Autonomie gegen die Politik der Gleichschaltung zu behaupten. Dieser Versuch Loerkes, die künstlerische Freiheit gegen die Diktatur zu verteidigen, ist bislang kaum gewürdigt worden. Nun hat der nimmermüde Freiburger Literaturentdecker Uwe Pörksen gemeinsam mit dem Karlsruher Literaturwissenschaftler Wolfgang Menzel und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung einen kühnen Versuch zur Wiederaneignung dieses großen dichterischen Werks initiiert. In einer zweibändigen Ausgabe im Wallstein Verlag haben Pörksen und Menzel "Sämtliche Gedichte" Oskar Loerkes gesammelt und mit kundigen Anmerkungen versehen.

 

In einem instruktiven Vorwort zeigt Lutz Seiler, dass Loerke seine Weltordnung absolut nach dem "Einsamkeitsgeräusch" der Bäume und Wälder ausgerichtet hat, die das Zentralmotiv seiner Gedichte bilden. Und dennoch ist Oskar Loerke alles andere als der Dichter der "Naturmagie", als den ihn viele Exegeten etikettieren wollten. Im Gegenteil: Loerke hat nach 1933 vor allem in seinen Tagebüchern, aber auch in seinen Gedichten, die oft in mythische Bilder gefasste Kritik an der Nazi-Diktatur immer weiter verschärft. Der Band "Der Silberdistelwald", das wirkungsmächtigste seiner insgesamt sieben Gedichtbücher, enthält keineswegs nur unpolitische Rühmungen einer ins Kosmisch-Erhabene gerückten Naturherrlichkeit, sondern auch tief fatalistische Beobachtungen in einer vom Schrecken verheerten Gegenwart. Das Gedicht "Genesungsheim" vergegenwärtigt zum Beispiel auf drastische Weise die Tortur von Geschlagenen und Versehrten. Der gedemütigte "Krüppel" wie der zum Schweigen gebrachte Geknebelte – sie alle repräsentieren die Opfer eines grausamen Machtstaats. Ihr Vergehen: Sie haben an einer Position der Aufrichtigkeit und des Gewissens festgehalten: "Warum haben Jauche-Humpen / Dort jenem die Augen verbrannt ? / Sie haben einen Lumpen / Einen Lumpen genannt. // Warum schweigt dieser im Knebel? / Weil sein Gewissen schrie! / Wes Kopf sprang zum Reiche der Nebel? / Dessen Gurgel vor Ekel spie!"

 

Gewiss: Es sind keine agitatorischen Verse, die der seit 1903 in Berlin lebende Loerke der Diktatur entgegenschleuderte, sondern formstrenge Denkbilder, Parabeln, Beschwörungen. In seinem Essay "Vom Reimen" (der leider nicht in der Ausgabe enthalten ist) begründet Loerke den Reim als "etwas Geselliges: er gesellte Laute, Dinge, Leiden, Glückseligkeiten, ganze Seelen und Herzen, oft von weit her". Die Disharmonien der Welt sollen in Formvollkommenheit aufgehoben werden. Loerke war ein Konservativer, der in seinen Gedichten die schöne Ordnung der Dinge bewahren wollte – als Fundament einer humanen Welt. Aber ist nicht jeder Dichter, der seine Aufgabe ernst nimmt und sich auf die sorgsame Arbeit an seinem Material verpflichtet, ein Konservativer? Loerke hat für diesen Zusammenhang eine großartige Formulierung gefunden, die er bereits 1912 in seinem Essay "Das alte Wagnis des Gedichts" niedergeschrieben hat, als sich seine Generationskollegen noch in taubem Expressionisten-Pathos für den "neuen Menschen" verzehrten. "Das Radikalste und Konservativste", so Loerke, "bilden in der Kunst keinen Gegensatz, ja, wenn man Lust hat, ein Paradox gelten zu lassen, so sind sie dasselbe."

 

Die Zumutungen der nationalsozialistischen Literaturpolitik haben den Dichter schließlich doch zermürbt. Sein Herzleiden verschlimmerte sich, als die Nazis die Publikationsmöglichkeiten des S. Fischer Verlags weiter einschränkten. In einer testamentarischen Verfügung hielt er fest, dass die "feindlichen Handlungen" der Machthaber seinen baldigen Tod herbeiführen würden. Bevor er am 24. Februar 1941 im Alter von 56 Jahren in Berlin starb, hat Loerke einen "Leitspruch" verfasst, der seine Poetik des Widerstands in vier gültigen Zeilen zusammenfasst: "Jedwedes blutgefügte Reich / Sinkt ein, dem Maulwurfshügel gleich. / Jedwedes lichtgeborene Wort / Wirkt durch das Dunkel fort und fort."

– Oskar Loerke. Sämtliche Gedichte. Herausgegeben von Uwe Pörksen und Wolfgang Menzel. Mit einem Essay von Lutz Seiler. Zwei Bände. Wallstein Verlag, Göttingen 2010. 1076 Seiten, 45 Euro.

 

von: Michael Braun

 

 


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