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Badische Zeitung vom 2. Februar 2011

Zwei traurige Königskinder

Evelyn Grills neuer Roman "Das Antwerpener Testament" erzählt die Unglücksgeschichte einer Familie.

 

Es beginnt mit dem Tod. Henriette Stanley, gebürtig aus einer Antwerpener Reederfamilie, verheiratet mit einem Engländer, früh verwitwete und verarmte Mutter eines Sohns und einer Tochter, die sich mit Privatfranzösischunterricht über Wasser gehalten hat, wird in ihrem Wohnort Worthing Seafront 1983 nach zehnjähriger Parkinsonkrankheit zu Grabe getragen. Nach der Lektüre von Evelyn Grills neuem Roman "Das Antwerpener Testament" ist man gemeinerweise geneigt zu sagen: zu spät. Mit einer solchen Mutter möchte man nicht geschlagen sein – auch wenn es Henriette Stanley wahrlich nicht leicht gehabt hat in ihrem Leben. Vom Bruder Frans aus vermögenstaktischen Gründen verkuppelt, vom Ehemann verlassen, vom Zweiten Weltkrieg zwischen Belgien und England hin- und hergeworfen, im Testament des früh gestorbenen Bruders nicht bedacht: Es gibt Gründe genug für eine Verbitterung. Aber nicht für die totale Inbesitznahme ihrer Kinder, deren Dimension man erst allmählich begreift.

 

Es ist ein großes, wuchtiges, fürchterliches Familiendrama, das die seit vielen Jahren in Freiburg lebende österreichische Schriftstellerin in ihrem neuen Werk entfaltet. Doch dieses Drama schleicht auf leisen Sohlen heran. Der nüchterne Ton einer sich jeden Urteils enthaltenden Berichterstattung überlässt es allein dem Leser, das Ausmaß des Scheiterns gemeinsamer Lebensentwürfe zu ermessen. Die Erzählinstanz tritt als unbeteiligter, neutraler Chronist ganz hinter die Figuren zurück, deren jeweilige Perspektive vor allem in den zahlreichen Briefen, die sie einander schreiben, zum Tragen kommt. Der Bogen, den dieser Roman spannt, umfasst beinahe ein Jahrhundert – das vergangene schreckliche Jahrhundert der Kriege, des Völkermords und der Vertreibung.

 

Die große historische Orchestrierung ist für diese Autorin, die bisher eher mit böse subtilen Kammerspielen in Erscheinung getreten ist, ungewöhnlich. Da müssen viele Fäden gesponnen, zwischendurch fallen gelassen und später wieder aufgenommen werden. Das wirkt am Beginn noch etwas bemüht und konstruiert: wenn Dialoge die nicht unkomplizierte Vorgeschichte jener Figuren transportieren müssen, um die sich der Roman allmählich zentriert. Man kommt nicht gerade leicht hinein in die in Rückblenden erzählte Geschichte einer Ehe, die allerdings ebenso langwierig und über so viele Umwege zustande kommt wie das Erzählen selbst. Ann, Henriette Stanleys Tochter, und Ulrich, ihrem Geliebten mit einer sich in die Länge ziehenden Doktorarbeit, den sie bei einem Studienaufenthalt in Deutschland kennenlernt, geht es wie den Königskindern, die nicht zueinander kommen können.

 

Den Graben zwischen ihnen hat vermeintlich die Geschichte gegraben – das bringt die Mutter vor, die es nicht duldet und erträgt, dass ihre Tochter einen Deutschen heiraten will. In Wirklichkeit aber kann Henriette ihr älteres Kind genauso wenig loslassen wie ihren Sohn Harry, der die ganze Wucht des erbarmungslosen mütterlichen Egoismus zu spüren bekommt, als er es wagt, sich in eine Frau zu verlieben und diese seiner angebeteten Mum auch noch vorstellen zu wollen. Diese Szene gehört zum Unerbittlichsten in dem an Unerbittlichkeiten nicht eben armen Buch. Wie der schüchterne Harry, vor Freude und Glück glühend, einer eiskalten Mutter gegenübertritt, die das Schlimmste tut, das in einer solchen Situation denkbar ist: Sie ignoriert die Frau, die ihr den Sohn wegzunehmen droht, vollkommen – woraufhin der arme Harry, wie er später genannt wird, einen Nervenzusammenbruch mit Folgen erleidet, die ihn auf immer an die Mutter ketten.

 

Diese Episode liefert das grausame Vorspiel für das Drama zwischen Henriette und Ann – die es nach Jahren des Zögerns und Verzögerns zwar endlich wagt, den längst in eine idealisierte Briefferne entrückten Geliebten zu heiraten, aber trotzdem die Nabelschnur nicht wirklich durchtrennen kann. Eine zu frühe Schwangerschaft – Ulrich doktert immer noch an seiner Promotion herum – treibt sie wieder in die mütterlichen Arme; die Fernbeziehung dauert an, bis eine unumkehrbare Entfremdung zwischen den Ehepartnern eingetreten ist. Man folgt dieser wachsenden und unaufhaltbaren Entfernung mit Spannung und Anteilnahme. Spätestens hier fesselt der Roman in seiner unspektakulären, defätistischen Sichtweise ganz ungemein. Dass Ann unheilbar an Krebs erkrankt, ist die traurige Konsequenz einer verpfuschten Liebe. Und dass die Tochter neben der Mutter beigesetzt wird, erklärt mehr als tausend Worte, warum diese Liebe keine Chance hatte. "Ich werde versuchen", sagt Ulrich am Ende, "die Geschichte der Familie meiner Frau als Historiker zu betrachten. Das hilft gegen Schuldgefühle." Darin liegt ein poetologisches Bekenntnis. Evelyn Grill ist es fabelhaft geglückt, einen Roman mit den Augen eines Historikers zu schreiben. Das ist nicht zuletzt auch eine Hommage an ihren Protagonisten.

 

Evelyn Grill: Das Antwerpener Testament. Roman. Residenz Verlag, Salzburg 2011. 315 Seiten, 22,90 Euro. –

Die Autorin liest in der Reihe "Andruck" am 3. Februar um 20 Uhr im Kommualen Kino Freiburg, Urachstraße 40. –

 

Bettina Schulte

 


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