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Badische Zeitung vom 2. Dezember 2010

Thomas Meinecke beim "Schreibwaren"-Festival

 

BZ-INTERVIEW mit dem Autor und Musiker Thomas Meinecke über sein Verhältnis zum Netz und zum gedruckten Buch.

 

Der Untergang des Buchs wird seit Aufkommen der Massenmedien beschworen. Durch das Internet ist dem gedruckten Wort neue Konkurrenz entstanden. Unter dem Titel "Schreibwaren" beschäftigt sich ein vom Literaturbüro organisiertes dreitägiges Freiburger "Festival" mit der Zukunft des Buches. Zu den Autoren, die im Alten Wiehrebahnhof vom 3. bis zum 5. Dezember mit Verlegern, Journalisten und Wissenschaftlern diskutieren, gehört Thomas Meinecke. Bettina Schulte sprach mit dem Schriftsteller, Musiker und DJ über seinen Umgang mit den neuen Medien.

 

BZ : Herr Meinecke, betreiben sie einen Blog im Internet?

Thomas Meinecke : Ich habe seit einem Jahr eine Facebookseite, auf der ich Werbung für meine Aktivitäten mache. Ich nutze die Plattform als selbstständiger Künstler für meine Promotion. Genauso bewerbe ich bei MySpace meine Musik. Aber zum Bloggen habe ich nie wirklich das Bedürfnis verspürt.

BZ : Dabei waren Sie doch 2005 der erste offizielle niedersächsische Blogger.

Meinecke : Mir kam es damals vor, ein Stadtschreiber ohne Turm zu sein. Man musste nicht irgendwo hingehen, um subventioniert zu werden. Ich fand es toll, im Netz unterwegs zu sein. Ich habe in verschiedenen niedersächsischen Städten aus meinem Blog zitiert, der altmodisch gespeist war durch ein Gratisabo der jeweiligen Lokalzeitung. So virtuell war das also gar nicht.

BZ : Sie nutzen das Netz nicht, um zu produzieren, sondern um zu recherchieren?

Meinecke : Das stimmt zwar weitgehend. Aber es schlägt sich doch in meinen Texten nieder. Ich übernehme direkt Textformen aus dem Internet. Ich importiere gern die Threads anderer Blogs. Da hat sich nicht nur eine ganz eigene Sprache, sondern auch Schrift herausgebildet: eine verkürzelte Form, die einen eigenen poetischen Reiz hat. Diskussionen im Netz in ihrer ganzen Irrheit und Verrücktheit kann man sich so gar nicht ausdenken. Ich mag sowieso lieber das, was ich finde, als das so genannte Eigene. Diese andere Art zu schreiben hat sich in meinen Texten niedergeschlagen, ohne dass ich das Netz benutze.

BZ : Eine Art Reimport?

Meinecke : Sagen wir: ein Transfer. Das fand ich schon immer gut. Der erste Internet-Roman von Rainald Goetz, "Abfall für alle", ist in Buchdeckeln ein toller Roman. Was es nur digital gibt, gibt es nicht für immer. Ich traue den Lesegeräten nicht. Ich glaube, dass Papier länger hält.

BZ : Ändern sich die Lesegewohnheiten und Recherchemethoden durch das Netz? Sie gehören ja zu den Autoren, die diese Revolution früh genutzt haben. Können Sie sich vorstellen, heute noch mit Zettelkasten zu arbeiten?

Meinecke : Für mich ist immer reizvoll gewesen, den Rechercheprozess selbst zu schildern: die Suchbewegung. Da hätte man immer noch die Möglichkeit, Romanfiguren in die Staatsbibliothek zu schicken. Aber natürlich macht das keiner mehr. Es geht ja im Internet viel schneller – das ist Fluch und Segen zugleich. Man bewegt sich durch eine Verweishölle. Man braucht neue Kulturtechniken, um die Fragen zu stellen, die man beantwortet bekommen möchte.

BZ : Wie beurteilen Sie die Entwicklung auf dem Zeitungsmarkt? Glauben Sie, dass die Tage der gedruckten Zeitung gezählt sind? Die steigende Tendenz, Zeitung auf Handy oder elektronischem Lesegerät zu lesen, ist unübersehbar.

Meinecke : Meine Lesebewegung über eine Zeitungsseite ist eine eigene Kulturtechnik, die ich immer noch als essenziell sehe. Das ist so anders als das Scrollen oder Wischen. Ich bin auch noch jemand, der altes Dampfradio macht. Mir fällt auf, dass die Solidarität, die das Feuilleton diesem konservativen Medium entgegengebracht hat, weggefallen ist. Es gibt einen Konkurrenzkampf aller Medien um den Internet-Auftritt und ein Rangeln um dieselbe Bildschirmfläche. Das ist schade. Wir können das aber nicht mehr ändern.

BZ : Verändern sich die Funktion Autor und Text durch das Netz?

Meinecke : Die Art und Weise, wie ich Bücher schreibe, findet sich in dem, was man netztypisch nennt, ziemlich wieder. Ich meine die Entsubjektivierung – obwohl es im Netz auch das Gegenteil gibt: eine verschärfte Subjektivität durchs Bloggen. Da kommunizieren Individuen. Aber das ganze Geflirr und Oszillieren von Stimmen, das so nah beieinander liegt, diese ellenlangen Diskussionsschals, die sich da abwickeln lassen: Das entspricht meiner Vorstellung von Kunst.

BZ : Das Freiburger Festival "Schreibwaren" fragt nach der Zukunft des Buchs. Das Schreckensszenario für jeden Büchermenschen ist, dass die Leute eines Tages tatsächlich keine Bücher mehr lesen und die Verlagslandschaft zusammenbricht. Finden Sie solche Vorstellungen apokalyptisch?

Meinecke : Ich glaube nicht, dass das eine das andere ablösen wird. Auf dem Tonträgermarkt kann man schon jetzt beobachten, dass Vinyl die CD überlebt hat. Ich kenne viele 20-Jährige, die sich wieder einen Plattenspieler kaufen. Das wird sich auf dem Buchsektor vielleicht auch so entwickeln. Das Bedürfnis ist generell stark, etwas Schönes in die Hand zu nehmen. Das ist doch von einer grandiosen Einfachheit, am Strand zu liegen und ein Buch in der Hand zu halten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass bibliophile Leute beim Kindle auf ihre Kosten kommen.

BZ : Vielleicht wird sich ja die Buchkultur auseinander entwickeln: in die große Zahl derer, die sich den neuen Roman von Grisham herunterladen und eine Gemeinde der Bibliophilen, die sich am schönen Buch orientieren.

Meinecke : Genau das glaube ich. Es wird diese Zweiteilung geben.

BZ : Ist der ganz große visionäre Hype um das Netz schon wieder vorbei?

Meinecke : Vielleicht pendelt es sich ein: Man muss das Virtuelle und das Materielle nicht als Konkurrenz ansehen. An einem Tag sitzt man am Gerät, am anderen liest man ein Buch.

BZ : Das ist eine tröstliche Vorstellung.

Meinecke (lacht): Ich bin ja generell kein Apokalyptiker.

 

Das Festival "Schreibwaren. Das Buch und seine Zukunft" findet vom 3. bis 5. Dezember in Freiburg im Alten Wiehrebahnhof statt.

Weitere Infos unter www.schreibwaren-festival.de

Bettina Schulte


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