Meike Penkwitt: „Diese Autorin ist in Deutschland viel zu unbekannt“
BZ-INTERVIEW mit der Literaturwissenschaftlerin Meike Penkwitt über eine Freiburger Tagung zum Werk der Schweizer Schriftstellerin Erica Pedretti.
Drei Tage lang beschäftigen sich ab heute Literaturwissenschaftlerinnen im Alten Wiehrebahnhof Freiburg mit dem Werk der Schweizer Schriftstellerin Erica Pedretti. Bettina Schulte wollte von der Initiatorin Meike Penkwitt wissen, was an dieser Autorin so spannend ist.
BZ: Was veranlasst die Uni Freiburg, mit Unterstützung der DFG und in Kooperation mit dem Literaturbüro eine so große Tagung über Erica Pedretti abzuhalten?
Penkwitt: Es geht um eine Autorin, die in Deutschland viel zu unbekannt ist. Daran muss gearbeitet werden. Ein zusätzlicher Anstoß war ihr 80. Geburtstag in diesem Jahr.
BZ: Warum genießt Pedretti hier nicht die Aufmerksamkeit, die ihr Ihrer Meinung nach gebührt?
Penkwitt: Generell sind Autoren aus der Schweiz bei uns viel weniger bekannt, als sie es verdient haben.
BZ: Es gibt aber Autoren, die in Deutschland angekommen sind: Adolf Muschg, Urs Widmer, Peter Bichsel, Thomas Hürlimann, um nur einige zu nennen.
Penkwitt: Das sind Ausnahmen. Die meisten haben zu kämpfen, dass sie wahrgenommen werden, weil sie aus einem kleinen Literaturland kommen.
BZ: Was fasziniert Sie an Erica Pedretti?
Penkwitt: Mich interessiert vor allem ihre experimentelle Schreibweise. Über Pronomenwechsel beispielsweise produziert sie Brüche. Ihr Schreiben ist fragmentarisch in einer sehr eigenen Weise. Über diese Form thematisiert sie unter anderem den Prozess des Erinnerns.
BZ: Erica Pedretti hatte in ihrer Jugend ein bewegtes Leben. Sie ist in der Tschechoslowakei geboren, hat in den USA gelebt und sich schließlich in der Schweiz niedergelassen. Haben diese Ortswechsel ihr Schreiben beeinflusst?
Penkwitt: Es geht bei ihr sehr viel um den entscheidenden ersten Wechsel, als sie nach dem Kriegsende die Tschechoslowakei verlassen musste. Es geht aber auch um andere unfreiwillige und freiwillige und auch um fiktive Reisen: zum Beispiel in ihrem frühen Roman "Heiliger Sebastian", wo die Stationen unverbunden nebeneinander stehen. Interessant ist, dass dieser wie auch andere Texte Pedrettis über die Räume strukturiert ist und nicht über die Chronologie.
BZ: Ein topographisches Erzählen?
Penkwitt: So kann man es nennen.
BZ: Es referieren nur Wissenschaftlerinnen. Zufall oder Notwendigkeit?
Penkwitt: Das hat sich so ergeben. Es stimmt aber, dass sich sehr viel mehr Wissenschaftlerinnen mit Erica Pedretti beschäftigen.
BZ: Es geht nicht um Gender-Studien?
Penkwitt: Allenfalls in dem Sinn, dass Schriftstellerinnen generell immer noch weniger Aufmerksamkeit genießen als ihre männlichen Kollegen. Aber es geht nicht darum, Gender in den Texten festzumachen. Das schränkt die Autorin in der Wahrnehmung zu stark ein. Das wollen wir nicht
BZ: Gibt es Schwerpunkte?
Penkwitt: Am ersten Tag geht es um eine erzähltheoretische Auseinandersetzung mit den Texten. Dazu passt die Poetikvorlesung, die Erica Pedretti selbst halten wird. Auch eine Autorin darf ja etwas dazu sagen, wie sie schreibt. Das ist nicht der Wissenschaft vorbehalten.
BZ: Ich halte es durchaus für einen Vorzug, die Autorin selbst zu Wort kommen zu lassen.
Penkwitt: Es gab ja eine Zeit in der Literaturwissenschaft, da man nicht hören wollte, was der Autor zu seinen Texten sagt. Für mich sind Pedrettis poetologische Überlegungen eine interessante Stimme.
BZ: Worüber wird noch verhandelt?
Penkwitt: Der historische Kontext, besonders in der Zeit von Pedrettis Kindheit und Jugend. Es ist schön, dass wir auch eine Referentin aus Tschechien einladen konnten. Es ist auffällig, dass sich inzwischen viele osteuropäische Wissenschaftlerinnen mit ihren Texten beschäftigten.
BZ:Wird auf diesem Weg der mittelosteuropäische Raum neu erschlossen?
Penkwitt: Genau dieser Raum wird bei Pedretti reflektiert. Es ist sehr spannend, wie stark die kulturellen Verflechtungen zwischen Deutschland, Österreich und Mähren waren. Die späteren Grenzen haben zerschnitten, was eins war. Hinzu kommen die fatalen Auswirkungen der von den Nationalsozialisten aufgebrachten Vorstellung von der Reinheit der Völker – was der Historiker Karl Schlögel so treffend den "Furor der Entmischung" genannt hat. Diesen Vorstellungen widersprechen Erica Pedrettis Texte vehement.
BZ: Was ist für Sie ihr wichtigstes Buch?
Penkwitt: "Engste Heimat". Auslöser für den Roman war der Jugoslawienkrieg.
– Öffentliche Veranstaltungen mit Erica Pedretti: Heute, 28. 10., Lesung aus ihrer Autobiografie "Fremd genug", 29.10. Poetikvorlesung, 30. 10. Gespräch mit Ilma Rakusa und Zsuzsanna Gahse; jeweils 20 Uhr, Alter Wiehrebahnhof, Freiburg, Urachstraße 40.
Bettina Schulte 
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