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Badische Zeitung vom 9. Oktober 2010

Die Leiter fest in der Luft

 

Christoph Meckels neuer Gedichtband "Gottgewimmer".

 

Geborstene Leiber, zerscherbte Gliedmaßen, zersprungene Körper – auf dem Umschlag von Christoph Meckels neuem Gedichtband "Gottgewimmer" prangt ein Trümmerfeld, Torsi von Göttern und Heroen, "Statuen, Köder aus Stein", vom Sockel gestoßen, von der Geschichte scheinbar erledigt. Der bilderstürmerische Furor, der auf diesem Cover wütet, hat inhaltliche wie formale Entsprechungen in Meckels jüngsten Gedichten, deren erster Teil "Stopover" in einem fast geschichtsphilosophischen Sinn nach jener Etappe der Moderne fragt, die den Glauben an Totalität, sowohl Heilsversprechen als auch künstlerisches Gelingen betreffend, verloren hat: "Wo sind die Götter, / falls sie geflüchtet sind. / Ihre Gebeine, / falls sie vernichtet sind. / Diese Welt, für nichts geschaffen / hat ihr Ende hinter sich."

 

Totalität, in Fragment und Torso zerbrochen, ist offenkundig nicht mehr als intaktes Universum zu denken, sondern allenfalls noch in Rhythmus, Klang und Musik der Sprache zu bannen. Das Gedicht "Strophe", das die erste Abteilung dieses Bandes beschließt, skizziert ein lyrisches Sprechen, das stets vom Verstummen bedroht ist, vom Versickern der Worte: "Notwendig, die Strophe zu Ende zu bringen. / Abzubrechen in der Befürchtung: / das ist nicht genug, zu wenig wahr, / das trägt keinen Weltraum, war nicht mein Teil." "Die Zeit ist alt und wird noch älter" – diesem Altern der Zeit, einem Prozess der Versteinerung und Verknöcherung, setzt Meckel die Sprengkraft des Gedichts entgegen: "Tod war fort, der Sommer kam wieder, / ein heller Morgen gehörte mir, und die Wörter / zeigten einen Anfang von Zukunft."

 

"Gottgewimmer" ist in drei Zyklen gegliedert, ein lyrisches Triptychon, das, Christoph Meckels großen Radierzyklen vergleichbar, in seiner formalen Komposition auf eine innere Dramaturgie verweist. Kythera, Paris, Südfrankreich – die neun Langgedichte des Mittelteils beschwören Topographien, Orte, Landschaften, reale wie imaginäre ("die Wüste Jill", "die Steppe Joll"), der urbane Dschungel von "Montza", aus Meckels Prosa "Nachtsaison" als gespenstischer Unort bekannt, wird in dem Gedicht "Entwurf eines Menschen der Zukunft" als topographische Kulisse entworfen.

 

Noch ein Ort, der Realität entrückt: Watteaus berühmtes Rokoko-Gemälde "Die Einschiffung nach Kythera" findet sich in dem Gedicht "Cythère" als eine Art historischer Bildfundus vergegenwärtigt, auf dessen Folie dieser Aufbruch, und darin enthalten: alle denkbaren Aufbrüche als Utopie und ihr Dementi, als Verheißung und ihre Verfehlung überführt werden: "Beiläufig verläßt man das Land, man hat / dieses Ufer aufgegeben, gelassene Schritte / im schwerelosen Tanzplan verheißenen Glücks, / im Genuß einer Abfahrt ohne Melancholie, / Bläue atmend im Nebel, der steigt und fliegt."

 

"Strophe", "Chanson", "Litanei" – derartige Titel verweisen auf Klang und Rhythmus, Melodie und Musik dieser Gedichte, die, vom Motto abgesehen, auf den Reim durchgängig verzichten. Im dritten Teil "Hinterland" verändert sich die Perspektive des lyrischen Ich, öffnet sich, löst sich vom Thema, wendet sich der Person zu, dem konkreten Gegenüber, Rede wird Anrede, das Ich zielt auf ein Du ("Freundin", "Braut", "Lady", "Unbekannte"), Figuren aus Meckels imaginärem Universum werden beim Namen genannt: "Clarisse" und "Magelone", "Stella" und "Cornelie". "… / unleserlich die Sprachen der Liebe": Sie dennoch zu entziffern eröffnet eine weite Skala zwischen entsagungsvollem Abschied sowie "Rausch", "Raublust" und der "Kraft des Gewissenlosen".

 

Zur Entzifferung dieser "Sprachen der Liebe" bedarf es eines feinen psychologischen Instinkts wie äußerster sprachlicher Präzision, damit die ästhetische Umsetzung ins Gedicht gelingen kann. Instinkt als Witterung, Präzision als Ausdruckskunst, die Sensibilität der Wahrnehmung und die Wahrheit der Poesie – Christoph Meckel gebietet darüber mit der Erfahrung eines Lyrikers, der seit über einem halben Jahrhundert Gedichte publiziert. Ein Bild, im Gedicht "Leiter" entwickelt, das Motive aus den Radierungen aufgreift und variiert: "Kurz und brüchig, aber er baut an / er schnitzt seine Sprossen, / er messert, schält, baut an / und stellt seine Leiter in die Luft. / Sie trägt ihn. Er steigt / hoch hinaus in das Licht, / fliegt zu den Flügeln ins Unsichtbare."

 

Die Leiter fest in der Luft, ein Gebilde von fragiler Solidität, Halt im Haltlosen, eine Ikarus-Existenz zwischen Absturzgefahr und Höhenrausch, zwischen Zerschellen und Selbstentgrenzung – treffendes Sinnbild und poetische Chiffre in einem.

– Christoph Meckel: Gottgewimmer. Gedichte. Carl Hanser Verlag, München 2010. 80 Seiten, 14,90 Euro.

– Der Autor liest am 12. Oktober um 20 Uhr in der Reihe "Andruck" im BZ-Haus, Freiburg, Bertoldstraße 7. Es moderiert BZ-Redakteurin Bettina Schulte.

 

Autor: Hartmut Buchholz


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