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Badische Zeitung vom 5. Oktober 2010

"Die große Lüge von der großen Freiheit"

 

BZ-INTERVIEW mit dem Schriftsteller Feridun Zaimoglu über ein Briefprojekt zu 20 Jahren Deutsche Einheit / Lesung in Freiburg.

 

Auf so eine Idee muss man kommen. Stefanie Stegmann vom Freiburger Literaturbüro hat sie mit Katrin Hartmann von der Agentur für Kulturprojekte "inter:est" in Berlin entwickelt. Unter dem Motto "Doppelnaht" haben fünf bekannte Autoren mit einem Partner ihrer Wahl einen Briefwechsel zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit geführt. Reinhard Jirgl, Kathrin Schmidt, Marlene Streeruwitz, Andreas Maier und Feridun Zaimoglu stellen Briefe und Partner auf einer bundesweiten Lesereise vor. Mit Zaimoglu, der mit dem Leipziger Dichter Thomas Kunst heute in Freiburg auftritt, sprach Bettina Schulte.

 

BZ: Herr Zaimoglu, wer ist Thomas Kunst?

Zaimoglu: Ich habe ihn als Stipendiat der Villa Massimo in Rom kennengelernt, einen Gedichtband von ihm in die Hand genommen und nicht mehr aufgehört, darin zu lesen.

BZ: Wie kommt es, dass Thomas Kunst einer größeren Öffentlichkeit bislang unbekannt geblieben ist?

Zaimoglu: Thomas macht keinen Hehl daraus, dass er voller Verachtung für den Literaturbetrieb ist. Er weigert sich, dem westdeutschen Publikum bekömmliche ostdeutsche Kost zu reichen und da hat er es natürlich besonders schwer.

BZ: Sie haben mit ihm einen Briefwechsel zum Thema 20 Jahre deutsche Einheit gehört. Dieser Briefwechsel ist sehr persönlich geraten. Er nennt sie einmal zärtlich "Feri Baby". Entspricht die Anrede der Beziehung zwischen Ihnen?

Zaimoglu: Er ist ein geliebter und geschätzter Freund. Und für ihn bin ich das wohl auch. Das liegt daran, dass wir uns nicht aufhalten. Beim Schreiben schon gar nicht. Aber auch im Alltag nicht aufhalten mit all den ganzen Lügen, die uns erzählt werden über das vereinte Gesamtdeutschland.

BZ: Was für Lügen?

Zaimoglu: Eine Lüge ist zum Beispiel, dass alles gut ist. Und dass alles besser wird. Das stimmt nicht. Weder ist alles gut, noch wird alles besser. Zweitens ist es eine Frage, besonders für Ostdeutsche, im "neuen" Deutschland (lacht), auf die eigene Biographie zu verzichten oder nicht. Diese zentrale Frage spielt eine große Rolle. Man sieht sich einem Verdummungsapparat gegenüber – der betrifft Ostdeutsche genauso wie Fremdstämmige wie mich. Der kommt mit einem simplen mechanistischen Ansatz daher: Pass dich an oder stirb.

BZ: Treffen Sie sich in dieser Perspektive auf ein Land namens Westdeutschland, das einen Integrations- und Identifikationsdruck ausübt?

Zaimoglu: Wissen Sie, ich bin seit 41 Jahren hier in diesem Land, ich bin westdeutsch sozialisiert. Aber ich kenne die Techniken der Ent- und der Verfremdung sowohl in der Kultur als auch im Alltag.

BZ: Können Sie näher erläutern, was Sie damit meinen?

Zaimoglu: Damit meine ich, ob man dazugehört oder nicht. Und das hat manchmal wenig mit dem eigenen Selbstverständnis zu tun. Unabhängig davon, was man ist und wo man hinspringt, denn man will ja vom Fleck kommen, heißt es: Bleib da, wo du bist, damit ich dich so erkenne, wie du bist. Oder: Spring an den Platz, der für dich bestimmt ist. Und sowohl Thomas Kunst wie ich wissen, dass Herkunft und Ethnie blödsinnig sind, wenn es darum geht, zu anderen Freiheiten zu gelangen. Dieses Außen-Innen-Spiel, das von manchen mit unsereinem getrieben wird, ist auch eine Lüge. Die große Lebenslüge in Deutschland besteht darin, so zu tun, als gäbe es den westdeutschen Standard, den ostdeutschen Standard und den fremddeutschen Standard.

BZ: Was gibt es stattdessen?

Zaimoglu: Es gibt viele Realitäten. Das in sich gefügte Westdeutschland ist ein Mythos. Er klammert die soziale Frage aus. Menschen, die von unten kommen, haben eine andere Wahrnehmung und eine andere Biografie. Von solchen Leuten wimmelt es im so genannten Westdeutschland.

BZ: Wie sehen Sie Deutschland im Jahr 20 nach seiner Vereinigung?

Zaimoglu: Auf dem Weg irgendwo hin. Ich sehe Leute, die in feierlichem Ton von großen Erfolgen sprechen, das ist schön, es ist wunderbar, dass die Mauer gefallen ist, es ist wunderbar, dass die Menschen freier geworden sind. Aber die große Lüge von der großen Freiheit im neuen Deutschland bleibt trotzdem eine Lüge.

BZ: Thomas Kunst ist im Osten geblieben, wie sieht er die Lage?

Zaimoglu: Eins haben wir gemeinsam: Wir sind altmodische Humanisten. Wir lieben die Menschen und verachten all jene Leute, die glauben, Menschen sind Humus der Geschichte. Er ist in Leipzig, ich bin in Kiel, wir lassen uns nicht davon abbringen, dass nichts mehr lohnt, als Geschichten einfacher Menschen zu lauschen. Hunderttausende haben im Osten gelebt, sind dort geboren und plötzlich fällt die Mauer und man sagt ihnen, alles war schlecht. Das ist eine Unverschämtheit ohnegleichen.

BZ: Hatten Sie vor dem Briefwechsel Kontakt miteinander?

Zaimoglu: Nein. "Doppelnaht" ist eine einfache und gerade deswegen geniale Idee. Sie lässt die Leute altmodisch miteinander kommunizieren.

BZ: Haben sie einander echte Briefe geschrieben? Keine E-Mails?

Zaimoglu: Ich habe keinen Computer.

 

– Lesung heute um 20 Uhr in der Galerie im Alten Wiehrebahnhof, Freiburg. Es moderiert Insa Wilke, Programmleiterin des Literaturhauses Köln.

 

Autorin: Bettina Schulte


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