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Badische Neueste Nachrichten vom 1. Oktober 2010

- KULTUR IN KARLSRUHE -

 

Verlockendes Angebot

 

Vier Autoren interpretierten Johann Peter Hebel

 

"In der Türkei, wo es bisweilen etwas ungerade hergehen soll" — so beginnt eine hintersinnige Geschichte von Johann Peter Hebel, eine von vier "Denkwürdigkeiten aus dem Morgenlande" aus dem "Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes", der Sammlung seiner Kalendergeschichten.

 

Mit diesen Worten beginnt auch die Geschichte "Bauer Scheurle und die Jungfer im Kürbis" von Sudabeh Mohafez, der in Teheran geborenen Stuttgarter Schriftstellerin, der wie 23 anderen zeitgenössischen deutschsprachigen Autoren vom Literaturbüro Freirg und der Abteilung Aktuelle Kultur des SWR 2 ein verlockendes Angebot gemacht wurde. Anlässlich des Hebel-Jahres und des Literatursommers in Baden-Württemberg sollten sie sich in Reaktion auf eine Hebel-Geschichte einen eigenen Text einfallen lassen. Das Ergebnis dieser "interaktiven" Hebel-Lektüre war auf SWR 2 zu hören und es ist nachzulesen in dem Almanach "Unverhofftes Wiedersehen", der im Verlag Klöpfer & Meyer erschienen ist. Vier der beteiligten Autoren stellten ihre Beiträge im Literaturhaus im Prinz-Max-Palais vor.

 

Wie Sudabeh Mohafez lasen auch Nico Bleutge, Irena Brezná und Susanne Fritz zuerst die Hebel-Geschichte und dann den Text, der ihnen jeweils dazu eingefallen ist. Auch wenn ein Hebel-Satz am Anfang steht, so klingt der Text der gebürtigen Iranerin doch eher wie eine Geschichte aus Tausendundeiner Nacht. Aus einem Kürbis, der aus der Türkei auf einen schwäbischen Bauernhof rollt, steigt eine von einem bösen Geist dorthin verbannte Schöne, die den Bauer Scheurle in Versuchung bringt. Doch die Kürbisfrau,

die einem anderen Mann versprochen ist, stellt dem Bauern sein Eheglück, das ihm selbst fade geworden ist, vor Augen und verschwindet in jungfräulicher Unschuld gen Morgenland.

 

Die launige, etwas umständlich erzählte Burleske lässt die Hebelgeschichte um den armen Mann, der eines Tages die Gelegenheit bekommt, sich an einem Reichen, der ihn einst gedemütigt hat, zu rächen und wohlweislich darauf verzichtet, in einem umso helleren Licht erstrahlen. Das gilt aber im Grunde auch für die drei weiteren Beiträge des Abends. So paraphrasiert etwa Nico Bleutge einen Hebel-Text über die Schlangen, aber der poetische Moment, der bei Hebel aufscheint, ist allemal verblüffender. Auch die Vorstellung des Maulwurfs nimmt bei Hebel eine unerwartete Wendung, er verteidigt das Tier beredt gegen den Vorwurf das Wurzelwerk der Pflanzen anzufressen. Die davon inspirierte Maulwurf-Moritat der gebürtigen Slowakin Irena Brezná geriet allerdings zu einem wenig erhellenden polemischen Rundumschlag gegen die Verantwortlichen eines Schwarzwalddorfs und die Freiburger Naturschutzbehörde, die die Rodung eines Waldstücks angeordnet bzw. zugelassen haben.

 

Mitten im Schwarzwald, in Furtwangen, wurde Susanne Fritz geboren. Sie entwickelt aus der Hebelzeile "Und seine Frau hat ihn nimmer ausgeschlossen" kurze spannungsvolle Szenen einer Ehe zwischen einer etwa 40-jährigen Frau und ihrem erheblichen jüngeren Mann, die mit dem Unfall des Mannes enden, der ihn wahrscheinlich an den Rollstuhl und damit auch an die Frau, die er eigentlich verlassen wollte, fesseln wird. peko

 

 


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