Auf einen Kurzen mit Johann Peter Hebel
Zum Auftakt einer kleinen Lesetournee stellten vier Autoren im Alten Wiehrebahnhof Freiburg eigene Kalendergeschichten vor.
Das Datum war passend gewählt. Am 22. September 1826, auf den Tag vor 184 Jahren, erlag Badens größter Dichter auf einer Dienstreise in Schwetzingen seinem Darmkrebs. Johann Peter Hebel – wie viel haben wir in diesem Jahr von ihm erfahren. 150 Veranstaltungen gingen anlässlich des 250. Geburtstags des "Gelegenheitsschriftstellers" und ersten badischen Landesbischofs allein unter der Ägide der Baden-Württembergischen Landesstiftung über die Bühne. Nun startete im Freiburger Alten Wiehrebahnhof noch eine Lesetournee mit Stationen in Basel, Karlsruhe und Stuttgart. Auf Anregung des Literaturbüros und des SWR verfassten 25 Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in Anlehnung an ihre Lieblings-Kalendergeschichte von Hebels eigene Texte, die jetzt in einem Buch vorliegen (BZ vom 21. September). Vier davon ließen nun ihre Nachdichtungen hören, einfühlsam moderiert von SWR-Kulturredakteurin Wibke Gerking.
"Weil meine Geschichten an die seinen nicht heranreichen" antwortete der Freiburger Autor Karl-Heinz Ott auf die Frage, warum er Hebel schätze. Dies traf, bei allem Wohllaut, auch auf die drei anderen Autoren zu, wobei gerade Ott und sein Horber Kollege Walle Sayer den unzeitgemäß lakonischen Hebel-Ton am besten trafen.
Die Odyssee eines Rings durch zahlreiche Rindermägen
Sechs Prosagedichte schickte Sayer der von ihm gelesen Titelerzählung "Unverhofftes Wiedersehen" hinterher; eine blieb durch ihre stilistische Prägnanz in der Erinnerung haften: Der Ring einer schwäbischen Bäuerin findet sich, nach einer Odyssee durch zahlreiche Rindermägen, auf dem Acker wieder, wobei der Himmel bedeutungsvoll aufreißt.
Gerade dieses Vertrauen in die göttliche Ordnung, auf die der Skeptiker Hebel noch baut, trennt uns von dessen Erzählhaltung – Ott, Träger des Alemannischen Literaturpreises brachte die Differenz auf den Punkt: "Hebel hängt zwischen der Aufklärung und dem Wunsch, die Kirche im Dorf zu lassen, hat aber gleichwohl etwas Vagabundierendes".
Ott selbst bezog sich auf eine der fatalsten Geschichten des Meisters der Kürze: "Das Letzte Wort", Hebels Schilderung von Mord und Suizid eines zänkischen Bauernpaars, lässt Ott die Geschichte eines verhinderten Selbstmörders folgen, den eine äußere Katastrophe auf den Lebensweg zurück befördert. Auch fehlt die Moral am Ende nicht.
Der in Heidelberg und Berlin lebende Serbe Sasa Stasinic bemühte sich gar nicht erst, Hebels Diktion zu treffen und legte statt der geforderten drei 14 Seiten vor. Etwas lang geriet auch die leichtfüßige Beschreibung seines Selbstversuchs "The Hebel Project". Was würde geschehen, wenn ein Zeitgenosse Hebels Geschichte "Der schlaue Mann" vom Trinker mit der ausgehebelten Tür nachspielen würde? Am Ende trifft sich der von seiner Freundin samt Haustür vors Haus Verbannte mit dem plötzlich gegenwärtigen Hebel "auf einen Kurzen." Amüsant erzählt, doch restlos unglaubhaft.
Von sprachlich größerer Bodenhaftung war Angelika Overraths "Von den Schlangen". Der naiv anmutende Text macht deutlich, wie tief das einfache Volk noch im frühen 19. Jahrhundert im mittelalterlichen Denken steckte. Die Schlange habe ihr Gift im Zahn, nicht in der Zunge, belehrt der Volksaufklärer. Overrath lässt den Didaktiker beiseite und beschreibt minutiös ihre Erlebnisse mit einem zunächst lästigen Hausgenossen. Der unsichtbare Siebenschläfer frisst sich jedoch ins Herz der Erzählerin.
Nett erzählt, aber mit Hebel haben die Reflexionen der Intellektuellen nur insofern zu tun, als das Kleinste ihm so wichtig war wie das Größte. Und das war gerade nicht die Literatur.
Autor: Stefan Tolksdorf 
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