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Badische Zeitung vom 15. September 2010

Künstlerinnen – auch im Netzwerke knüpfen

 

Angela Steidele liest in Freiburg aus ihrer Doppelbiografie von Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens.

 

Es hätte leicht zu spät sein können: Zwei Wochen bevor im März 2009 das Kölner Stadtarchiv in einen U-Bahn-Schacht stürzte, hatte Angela Steidele ihre Quellenarbeit abgeschlossen. Viele Jahre wertete die in Köln lebende Literaturwissenschaftlerin dort, in Weimar, Frankfurt und Bonn unveröffentlichte Briefe, Tagebücher und andere Schriftstücke aus und fügte sie zu einem Sachbuch zusammen, das unterhaltsamer und spannender zu lesen ist als so mancher Roman: "Geschichte einer Liebe: Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens".

 

"Ich glaube am besten vergleichst Du uns ein Paar Leuten die sich spät finden u dann einander heirathen. Stürbe sie – so spräng ich jetzt in den Rhein, denn ich könnte nicht ohne sie bestehen." 32 Jahre alt ist Adele Schopenhauer, als sie diesen Satz an ihre Freundin Ottilie von Goethe in Weimar schreibt. Eineinhalb Jahre zuvor hat sie Sibylle Mertens kennengelernt. Es ist die Geschichte einer großen Liebe – und mehr als das. Steidele gelingt es, die Frauen mehr als 150 Jahre nach ihrem Tod lebendig werden zu lassen. Mit der Lektüre lassen wir sie in unser Leben, schlüpfen in ihre Zeit, ihre Umgebung – nach Köln, Bonn, Weimar, Jena, Rom vom Ende des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine Zeit, in der Frauenliebe noch nicht mit dem Begriff Homosexualität belegt wurde, in der Beziehungen zwischen Frauen einfach nicht ernst genommen wurden.

 

Wohl auch, weil auch Frauen nicht wirklich ernst genommen wurden. Nicht, wenn sie mehr sein wollten als Töchter, Schwestern, Ehefrauen und Mütter. Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens ließen sich nie nur auf diese Rollen festlegen – sie waren vielmehr Pionierinnen auf vielen Gebieten, die eigentlich den Männern vorbehalten waren. Die "Rheingräfin" Sibylle Mertens war Musikerin, Altertumsforscherin, Mäzenin und für ihre Literarischen Salons in Köln, Bonn und später in Rom bekannt. Mit ihrem ungeliebten Mann Louis hatte sie sechs Kinder. Adele Schopenhauer, Schwester von Arthur und Tochter von Johanna, war Schriftstellerin, Journalistin und Scherenschnittmeisterin. Verheiratet war sie nie, hatte im Gegensatz zu ihrer Geliebten auch kein Vermögen. Der alte Geheimrat Goethe war ihr Nenn-Vater – und ihm, dem nichts Menschliches fremd war, konnte sie auch in aller Offenheit von ihrer großen Liebe Sibylle berichten.

 

Die Autorin zeigt, dass Frauen in der Kunst des Netzwerkens bereits sehr früh firm waren: Annette von Droste-Hülshoff gehörte in den engen Kreis der Freundinnen, ebenso die britische Schriftstellerin Anna Jameson oder die Autorin und Frauenrechtskämpferin Fanny Lewald. Die Frauen waren sehr fleißig, vielseitig interessiert und mit einer ungeheuren Energie gesegnet: Sie unterstützten einander wo sie konnten. Sowohl Adele Schopenhauer wie Sibylle Mertens waren mit einer fragilen Gesundheit ausgestattet, dennoch übernahmen sie Verantwortung für ihr privates Glück oder Unglück und beteiligten sie sich am gesellschaftlichen und politischen Leben. Mertens verlor fast ihr Vermögen wegen des Neids und der Missgunst ihrer Kinder und Schwiegerkinder – doch das Vertrauen in die Liebe verlor sie nie.

– Angela Steidele: Geschichte einer Liebe. Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens. Insel Verlag, Berlin 2010. 335 Seiten, 24,80 Euro.

– Lesung: Die Autorin liest am Donnerstag, 20 Uhr, auf Einladung des Literaturbüros Freiburg im Alten Wiehrebahnhof.

 

Autorin: Heidi Ossenberg


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