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Badische Zeitung vom 28. August 2010

 

Rücken an Rücken mit dem Theater

 

Verführerisch: Die Pläne für ein Freiburger Literaturhaus.

 

 

Da kann man natürlich ins Schwärmen kommen. Ein attraktiverer Ort für ein Freiburger Literaturhaus ließe sich kaum denken: Rücken an Rücken mit dem Theater, in unmittelbarer Nachbarschaft zu den geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Universität und zum Platz der Alten Synagoge. Nicht nur Stefanie Stegmann, Leiterin des Freiburger Literaturbüros, ist von der im Kulturausschuss der Stadt Ende Juni erstmals diskutierten und im Grundsatz begrüßten Idee des Theaters (BZ vom 26. 6.) begeistert: Das von Barbara Mundel geleitete Vier-Sparten-Haus will einen ursprünglich für das Junge Theater geplanten Anbau an der Sedanstraße der Literatur überlassen, weil er sich bei näherem Hinschauen für die eigenen Bedürfnisse doch nicht eignet.

 

Den in der Sitzung zugleich aufgekommenen Befürchtungen, das Theater wolle damit seinen Radius in die Stadt weiter erweitern und Einfluss auf die Literaturveranstaltungen nehmen, weist Stegmann im Gespräch mit der BZ entschieden zurück. "Ohne Eigenständigkeit geht es nicht." An solchen Sätzen sollte nicht gerüttelt werden können. Ohne Eigenständigkeit keine Kooperation. Das versteht sich. Nur ebenbürtige Partner können produktiv zusammenarbeiten. Und von Zusammenarbeit ist viel die Rede, wenn Stefanie Stegmann über die Zukunft des vielleicht in ein Literaturhaus umgewandelten Literaturbüros nachdenkt.

 

Auf das Vernetzen versteht sich die Literaturvermittlerin ohnehin. Seitdem sie 2007 die Leitung des vom Literatur Forum Südwest betriebenen Literaturbüros im Alten Wiehrebahnhof an der Urachstraße – Etage an Etage mit dem Kommunalen Kino – übernommen hat, hat sie nicht nur die Zusammenarbeit mit verschiedenen Institutionen in der Stadt vorangetrieben: Sie hat eine gemeinsame Reihe ("Sprechen über Sprache") mit der sprachwissenschaftlichen Fakultät der Universität auf den Weg gebracht und die Reihe "HörBar" in Zusammenarbeit mit dem SWR. Sie hat beim Freiburger Literaturgespräch mit einer Veranstaltung angedockt und verstärkt die Partnerschaft mit örtlichen Buchhandlungen wie Schwarz und Jos Fritz gesucht. Stegmann hat aber auch mit Unterstützung der Robert-Bosch-Stiftung größere Projekte, an denen mehrere Literaturhäuser in deutschen Großstädten beteiligt waren, nach Freiburg geholt: den "Zug 76" mit 13 ukrainischen Autoren, Tourneen von jungen Autorinnen aus osteuropäischen und aus arabischen Ländern.

 

Für solche Ambitionen sind die räumlichen Gegebenheiten in der Wiehre zu eng. In der Galerie, die Stegmann als Veranstaltungsraum zur Verfügung steht, haben kaum mehr als 50 Zuhörer Platz. Der Kinosaal steht als Ausweichquartier in der Regel nicht zur Verfügung. Leute wegschicken zu müssen, weiß Stegmann, schafft Frustpotenzial. Das Literaturhaus, nach vorläufigen Plänen ein schmaler, sich in die Höhe streckender Bau mit zwei Geschossen über der für das Theater weiterhin nötigen Anlieferungszone für Lastwagen, könnte in der ersten Etage einen – an der Außenfront voll verglasten – Raum für 120 Zuschauer bieten. Im Obergeschoss, in dem die Büros des Leitungsteams angesiedelt wären, gäbe es zusätzlich einen kleineren Raum für Workshops und Veranstaltungen, die nicht die ganz große Zahl an Interessierten anlocken.

 

Denn die Nischenveranstaltungen, für die sich das mit öffentlichen Geldern geförderte Literaturbüro besonders stark macht, sollen auch im erweiterten Angebot eines Literaturhauses ihren Platz finden. Das ist für Stefanie Stegmann keine Frage. Durch die Nähe zum Theater wären dann Lesungen vom ganz kleinen bis zum XXL-Format im Großen Haus möglich – wenn das Theater seinerseits auf seine eigene renommierte Lesungsreihe "LiteraTour" verzichtet.

 

Aus der Nachbarschaft zwischen Literatur und Theater, davon ist Stegmann überzeugt, ließen sich manche neuen Konzepte entwickeln: "Immerhin sind Text und Bühne nicht so weit voneinander entfernt." Punktuell hat es immer schon mal wieder eine Zusammenarbeit gegeben: bei der Reihe "Frischfleisch" etwa, die sich in der Kammerbühne den Texten zeitgenössischer Dramatiker und Dramatikerinnen widmet.

 

Die Bande zwischen Theater und Literaturbetrieb enger zu zurren: Dieser Schritt wäre naturgemäß verfrüht. Vor die Bereicherung der Freiburger Kulturszene durch einen "Dreierbund" (Stegmann) im Dreieck Uni – Theater – Literaturhaus hat das demokratische Gemeinwesen die Abwägung von Interessen gesetzt. Mit anderen Worten: Das Literaturhaus kostet Geld. Wie viel, darüber hüllen sich die Beteiligten in Schweigen. Auch wer die finanzielle Last schultern soll, ist noch nicht ausgemacht. Die Kommune? das Theater? Wo aber soll bei dessen begrenztem Etat noch Luft sein? An einem Neubau, das hat die Prüfung einer möglichen Alternative, des Hotels Deutscher Kaiser an der Günterstalstraße gezeigt (Stegmann: "Man hätte uns die Kegelbahn zur Verfügung gestellt"), scheint man nicht vorbei zu kommen: Wenn man denn das Literaturhaus für Freiburg will. Der Optimismus von Kulturamtsleiter Achim Könneke ist auf jeden Fall bemerkenswert. In besagter Sitzung hat er die Eröffnung des Literaturhauses für 2013 in Aussicht gestellt.

 

 

Autorin: Bettina Schulte


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