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Badische Zeitung vom 16. Juni 2010

Die Verirrungen des Bankers Jasper

 

Der Roman "Das war ich nicht": Kristof Magnussons komischer Ausflug auf die Höhen und in die Tiefen der Finanzbranche.

 

Jasper Lüdemann vertilgt so viele Snickers, dass einem schon beim Lesen schlecht wird. Kein Wunder, dass der junge Mann Probleme mit dem Magen hat. Aber Lüdemann hat keine Zeit, um etwas Richtiges zu essen. Er ist Trader bei der Chicagoer Investmentbank Rutherford & Gold; hat sich aus dem Back Office nach vorn, in den Händlersaal, vorgearbeitet. Lüdemann gehört ab jetzt zu den Rockstars der Finanzszene – was macht es da, wenn man am Junkfood hängt wie der Junkie an der Nadel, mitten in der Nacht aufsteht, um der Erste am PC zu sein und keine Zeit hat für Freunde oder – was ist das eigentlich? – die Liebe.

 

Freunde hat Henry LaMarck (was für ein parfümierter Name) auch nicht: auch wenn er millionenschwerer Bestsellerautor ist und gerade zum zweiten Mal für den Pulitzerpreis vorgeschlagen worden ist. Von der Party zu seinem 60. haut LaMarck einfach ab. Lendenwund und schreibmüde versteckt sich der homosexuelle Ästhet und Elton-John-Freund in einem Hotel: Der große Roman zu Nineeleven ist von ihm – obwohl er ihn in einer Talkshow vollmundig angekündigt hat – nicht mehr zu erwarten.

 

Auch Meike Urbanski ist geflohen: weg aus Hamburg, wo sich ihre verheirateten Freunde im gehobenen Ökospießertum mit Himalayasalz und Weinkühlschrank eingerichtet haben, aufs Land in ein heruntergekommenes Haus, wo die notorische Raucherin darauf wartet, LaMarcks neuen Roman zu übersetzen, um ihre Schulden bezahlen zu können.

 

Der 1976 geborene Schriftsteller Kristof Magnusson, ein Hamburger mit isländischem Vater, hat sich in seinem zweiten Roman "Das war ich nicht" die Aufgabe gesetzt, diese drei Versprengten, aus deren jeweiliger Ich-Perspektive erzählt wird, zusammenzubringen. Er erfindet dazu unwahrscheinliche Zufälle in erstaunlicher Fülle – und das Erstaunlichste daran ist, dass diese verrückte, ja hanebüchene Geschichte bis auf ihr Ende ziemlich gut funktioniert. Im Mittelpunkt des Interesses steht der neue Heldentypus des globalisierten Kapitalismus: ein Ikarus am Laptop vor seinem Absturz aus schwindelnden Zahlenhöhen. Jasper Lüdemann, für den der inzwischen vor Gericht stehende Börsenhändler Jérome Kerviel und sein gerissenerer Vorgänger Nick Leeson Modell gestanden haben, nimmt mit seinen finanziellen Kamikazetransaktionen den Crash der Branche im Herbst 2008 vorweg. Kaum hatte Magnusson das Manuskript beendet, brach Lehman Brothers zusammen. Eine Punktlandung – die dem als aberwitziges Schelmenstück angelegten Roman im Nachhinein eine katastrophische Dimension verleiht, die er selbst keineswegs ins Auge fasst. Die Realität hat dem Autor, der für seinen Debütroman "Zuhause" mit dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichnet wurde, zugearbeitet – wie bei seinem überaus erfolgreichen Theaterstück "Männerhort": Frustrierte Ehemänner, die auf der Bühne eine Selbsthilfegruppe gründen, haben das kurz zuvor irgendwo tatsächlich getan.

 

Kristof Magnusson schreibt, mit anderen Worten, am Puls der Zeit. Dass er seine Recherchen an den Finanzmärkten nicht in eine gesellschaftskritische Analyse, sondern ein schräges Märchen rund um das Haifischbecken Börsenhändlersaal münden lässt, muss man womöglich seiner halb skandinavischen Mentalität zuschreiben. Diese Art von Humor bei ernsten Themen ist den Deutschen ja eher fremd. Man kann dem Autor umgekehrt auch Verharmlosung vorwerfen. Tatsache ist, dass man den Verirrungen des Bankers Jasper in einem zunehmend undurchdringlichen und undurchschaubaren Gestrüpp von Käufen und Verkäufen mit jener hechelnden Spannung folgt, die die Trader bei ihren Sekundengeschäften selbst umtreiben muss. Dass der junge Ehrgeizling dabei keineswegs von Gier, sondern von Solidarität mit einem Kollegen getrieben wird, der einen Fehler gemacht hat, ist Teil des Märchens. Die Geschwindigkeit, mit der abstrakte Zahlen auf dem Bildschirm ins Unermessliche steigen, leider nicht. Am Ende ist Rutherford & Gold pleite – und wenn die Finanzkrise nicht stattgefunden hätte, könnte man über das Missverhältnis von Ursache und Wirkung herzlich lachen. Der Schriftsteller LaMarck hat seine Schäfchen im letzten Augenblick noch ins Trockene gebracht – dank der allerletzten Lüdemann-Transaktion. Die drei Gestrandeten treffen sich in Meikes Bruchbude: Liebe und Geld sind gerettet. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch lange.

 

Kristof Magnusson: Das war ich nicht. Roman. Verlag Antje Kunstmann, München 2010. 285 Seiten, 19,90 Euro.

Lesung: 17. Juni, 20 Uhr, Galerie im Alten Wiehrebahnhof, Urachstraße 40, Freiburg. Die Veranstaltung wird getragen vom Literaturbüro, der Buchhandlung Jos Fritz und dem Skandinavischen Institut der Universität Freiburg.

 

 

Autor: Bettina Schulte


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