unterstützt von
Buchhandlung Rombach, Freiburg
     
Veranstaltungen
Tourneen & Festivals
Verein
Service
Unterstützung
Presse
Kontakt

Badische Zeitung vom 9. Juni 2010

Bücher sind wie Unterwäsche

 

Björn Kerns unkonventionelle Lesung in "Mariela Dessous".

 

Der Mann sitzt am Tisch, in der Nähe des Dessousgeschäfts und trinkt ein Bier. Ein frisches Bier für ein frisches Buch. Björn Kern entspannt sich vor der Lesung. Im Rahmen der Veranstaltung "Literatur im Sortiment" präsentiert das Freiburger Literaturbüro Lesungen an unkonventionellen und originellen Orten, wo man überhaupt keine Lesung erwartet. Literatur zu vermitteln ist nicht nur die Aufgabe von etablierten Orten. Eine Bäckerei, ein Stoffladen, eine Postfiliale wurden bisher literarisch neu entdeckt. Heute ist das Dessousgeschäft in der Gerberau dran.

 

"Ja, Mode ist Literatur für die Frauenwelt", sagt Moderator Stephan Kuss bei der Einführung. Bücher können wie Unterwäsche mehr verstecken, als man sieht; sie suggerieren, skizzieren, bieten Stoff. Der Laden schafft eine intime Atmosphäre. Je vertrauter sich der Autor mit seinem Publikum fühlt, umso mehr öffnet er sich. Er findet es lustig, bei "Mariela Dessous" zu lesen, aber zugleich geht er ernsthaft, geschickt und zielstrebig zu Werke, wenn er mit seiner klaren farbigen Stimme zu lesen beginnt. Er vertieft sich in seinen neuen Roman "Das erotische Talent meines Vaters".

 

Man könnte sagen, er sei für diesen Abend mit dem Vater des Ich-Erzählers vergleichbar: Die Damenwelt habe ihn verfolgt. Zwanzig Frauen und zwei Männer sind anwesend. Ob diese Geschichte über einen Generationenkonflikt mehr Frauen als Männer berührt hat, lässt sich nicht sagen. Sicher wagen eher Frauen als Männer, ein Dessousgeschäft zu betreten. Unterwäsche, Büstenhalter, Badeanzüge und noch mehr extravagante köstliche Waren sind aufgehängt worden. Björn Kern irritiert die Umgebung nicht. Sein Buch kennt er auswendig; wenn es erscheint, ist es für die Leser neu, aber für den Autor schon Vergangenheit.

 

"Wie viel Erotik haben sie eigentlich von mir erwartet?", fragt er nach der Lesung. Das Buch ist nämlich kein erotisches. Jakob, der Vater des Erzählers, ist jedoch ein Verführer oder anders gesagt: er will verführerisch sein. Die Mutter hat die Familie verlassen. Es bleibt für Jakob im Haus Damengesellschaft, außer einem italienischen Arzt, der als sein Kumpel dargestellt ist. Der Sohn, der Ich-Erzähler, ist zurückhaltender und vernünftiger als der Vater: Er putzt, was sein Vater nicht versteht. Ihm schmeckt kein Bier, und er hat keine Freundin mehr. Die traditionelle Vater-Sohn Beziehung ist hier umgedreht: "Anders als bei seinem Sohn, der nie richtig jung gewesen ist, habe sich die Jugend bei ihm selbst etwas länger ausgedehnt als biologisch vorgesehen".

 

Es geht im Roman um Vorstellungen von sich selbst, aber auch um Erwartungen an die anderen. In diesem Sinne kann man sagen, dass diese Lesung in einem passenden Ort stattgefunden hat – ohne das klassische Wasserglas, dafür in einem die Figuren, die Handlung und den Ort verbindenden Raum zwischen Fiktion und Realität. Björn Kern mag das Treffen mit dem Publikum. Er schreibt Alltagsgeschichten, damit jeder sich erkennen kann. Er ist ein zugänglicher Autor, der gern mitteilt, was er über das Schreiben und die Gestaltung von Geschichten weiß und kann.

 

Autor: Annabel Oriol

 


© 2005 beebox