zwischen/miete
KRITIK IN KÜRZE: Die Züge sind ihre Freunde
Clara Ehrenwerth liest Prosa in Freiburger Studenten-WG.
Der Thron steht in der Ecke des Raumes. Ein kleiner Thron. Der Sitz und die Rückenlehne mit rotem Samt bezogen. Doch in der Ecke des Raumes würde kein König, keine Königin Platz nehmen. Also doch kein Thron. Und dennoch muss sich Clara Ehrenwerth, die auf dem Samtsitz Platz nimmt, wie eine Königin fühlen. Denn zu ihren Füßen liegen und hocken etwa 30 junge Menschen auf Matratzen, die im ganzen Raum ausgelegt sind, und sehen Ehrenwerth erwartungsvoll an. Im Nebenraum sitzen noch mal so viele. Und im Treppenhaus und vor der Haustür wartet eine Menschenschlange darauf, doch noch eingelassen zu werden.
In einer Freiburger Studenten-WG soll die 23-jährige Clara Ehrenwerth, selbst Studentin, ihre Kurzprosa vorlesen. Literatur von Studenten für Studenten. "Zwischen/Miete" heißt die neue Veranstaltungsreihe von Studentenwerk und Literaturbüro Freiburg, die junge unbekannte deutsche Autoren in die Stadt holt. Kurze Formen der Literatur sollen im Mittelpunkt stehen. Und nach der Lesung soll man gemeinsam ins Gespräch kommen, das dann – wie es sich nun mal in einer Studenten-WG gehört – in eine Party übergehen soll. Soweit das Konzept.
"Ameisenmelancholie" fürs Nebenzimmer
Clara Ehrenwerth, die in Hildesheim Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus studiert, sitzt nun also da, blickt auf die Studenten hinab und bedauert all jene, die im Nebenraum sitzen müssen und sie kaum hören geschweige denn sehen können. Und so beginnt die Studentin dann auch passenderweise mit ihrem Text "Ameisenmelancholie". Im März ans Meer zu fahren, so Ehrenwerth, das sei ein Abenteuer. Sätze wie "In Deutschland ist das Meer immer oben" und "Die Züge sind meine Freunde" muten kindlich an. Doch legt Ehrenwerth viel Wert darauf, erwachsen zu wirken. Selbstbewusst sitzt die kleine etwas rundliche junge Frau da, schwarzer Pulli, kinnlange Haare, Brille, liest und bestellt sich… ein Bier! Dann liest sie weiter, von Jungen mit "Techno-Akne-Frisur" und verkündet, dass in Bremerhaven "die Kinder schon auf der Fähre hässlich" sind. Und überhaupt sei dort alles abschreckend. "Aber keine Angst", heißt es bei Ehrenwerth weiter, "was mit Hitler gibt es hier auch." Das kommt unvermittelt und verwirrt immerhin einen aufmerksamen Studenten. Naja, meint Ehrenwerth anschließend im Gespräch mit ihm, im Fernsehen liefe auf n-tv doch immer etwas über Hitler. Das nerve.
Dennoch: Den jungen Zuhörern gefällt’s. Für drei Euro Eintritt gibt es nicht nur drei Texte, plus Zugabe, sondern auch Bier für alle, belegte Brötchen für ein Drittel der Gäste und eine Party ohne Musik. So gesehen war die erste "Zwischen/Miete" ein Erfolg. Nette Idee, an der sich feilen lässt.
Autor: Britta Kuck 
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