Poesie und Rhythmus
"Mein Leben ist Dub": Die in Freiburg lebende Jamaikanerin Jazz’min Tutum tritt heute als Poetry-Performerin auf.
Abrupt setzen Klänge von Tasten-, Saiten- oder Blasinstrumenten ein. Manche verschwinden blitzartig wieder. Andere hallen lange nach. Dub-Musik lebt vom Wechselspiel der Tonspuren. Gemeinsam mit Echoeffekten, tiefen Bässen und Drumbeats werden hypnotische Rhythmusgebilde daraus. Jazz’min Tutum lebt vom Dub. "Mein Leben ist Dub", sagt die Jamaikanerin, die heute in Freiburg eine Dub-Poetry-Performance zeigt: speziell inszenierte, rhythmisch gesprochene Gedichte, meist mit Musik unterlegt.
Das Grundprinzip des Dub könnte ebenso für Tutums Leben gelten, in dem sich viele Stationen ablösten. Manche gingen einfach vorüber. Andere hinterließen nachhaltige Spuren. Jasmine Ntoutoume kam in Japan als Tochter einer Jamaikanerin und eines Vaters aus Gabun zur Welt. Sie wuchs auf Jamaika auf, veröffentlichte als Siebenjährige dort ihr erstes Gedicht. Sie studierte Kunstgeschichte in Kanada und Japan, arbeitete danach als Lyrikerin und Kinderbuchautorin wieder auf Jamaika. 2002 begann Jazz’min Tutum – wie sie sich als Künstlerin nennt – in Berlin als "Dubtress" mit Dub-Poetry-Performances. Seit 2007 lebt die Mutter von zwei Kindern, freie Journalistin und Teilzeit-Englischlehrerin in Freiburg.
In Japan hat Tutum Haiku-Gedichte verfasst. Sie sind sehr kurz und folgen einem strengen, alten Muster. "Dadurch habe ich gelernt, Ideen und Gedanken zu verdichten", erzählt sie. Jamaika und Kanada lieferten den musikalischen Hintergrund: Dub basierte ursprünglich auf dem Reggae-Rhythmus. Europa steuerte neue Erfahrungen bei. Ihr Dasein als Frau in der Macho dominierten Reggaewelt, Sozialkritik, Leben in der Dritten Welt oder als Migrantin, Globalisierung und andere interkulturelle Themen behandelt Tutum in ihren Gedichten: "Dub-Poeten haben die Mission, Botschaften zu überbringen." Darin sieht sie den wichtigsten Unterschied zur üblichen Reggae-Wortakrobatik, dem "Toasting". Beide Sprechgesangformen fußen auf rhythmischen Erzähltraditionen Afrikas und entwickelten sich auf Jamaika zu jeweils eigenen Genres. Den geschichtlichen Rahmen steckt heute Abend Ellen Köhlings, die Gründerin des Reggae-Magazins Riddim, mit einem Vortrag ab. Künstler wie Mutabaruka und in England Linton Kwesi Johnson machten Dub-Poetry in den späten 1970ern populär. Zu Reggae-Musik sprachen sie rhythmisch bissige gesellschaftskritische Reime – extrem akzentuiert und ausdrucksvoll. Einige andere folgten ihnen, bis das Interesse Mitte der 80er abflaute. Aktuell sind noch Jean "Binta" Breeze, eine aus der alten Garde, sowie der jüngere Yasus Afari aktiv.
Dub-Poetry vereint Rezitation, Gesang, Inszenierung und Rhythmus. "Auch wenn ich ohne Musik vortrage, fühlt man den Dub", sagt Tutum. Doch die meiste Zeit unterstützt sie der Musiker Ralf Freudenberger mit "electronis & wha". Am Ende steht Spheric Dub, so die "Dubtress": "Die Stimme wird Teil einer Klanglandschaft." Das hat sie in zahlreichen Studioprojekten demonstriert, etwa beim Album "Police in Dub". Sie legt als Djane auf und macht die Sendung "Dub Kali Roots" bei Radio Dreyeckland – eine Mischung aus fremder Musik und eigener Poesie. Im Juni steht ein "Spoken Word"-Workshop mit ihr im Freiburger E-Werk an. Außerdem möchte Jazz’min Tutum ein ganzes Album mit sphärischem Dub aufnehmen und ihre Performances häufiger in Theatern aufführen. Wie das hinhaut, werde die Zeit zeigen, meint sie entspannt: "Ich bin einfach daran interessiert, jeden Tag, so gut es geht, mit Dub zu füllen."
– Sprechen über Sprache. Dub-Poetry - Mit Jazz’min Tutum und Ellen Köhlings. Heute, 20 Uhr, Galerie im Alten Wiehrebahnhof, Urachstr. 40, Freiburg.
Autor: Jürgen Schickinger 
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