Annette Pehnt: Aus Worten entsteht selten ein Weg
Erzählungen der Freiburger Schriftstellerin Annette Pehnt.
Annette Pehnts Prosa will sich nicht in die konformistische Welt fügen. Die Figuren der mehrfach ausgezeichneten Freiburger Schriftstellerin waren immer schon Außenseiter, Einzelgänger, lebten am Rand der Gesellschaft. Zuletzt zeichnete sie in ihrem viel beachteten Roman "Mobbing" die Ausgrenzung eines Familienvaters am Arbeitsplatz und die mit grausamer Konsequenz folgende Kündigung nach. Der Text schildert mit schmerzlicher Genauigkeit, wie ein zunehmendes Gefühl von Verunsicherung sich wie ein Virus in der Familie ausbreitet. Was den Protagonisten mehr als alles andere empört, ist das Schweigen seiner Chefin. Facetten des Schweigens, in dem sich auch anderes mitteilen kann als stumme Aggression, stellt die 42-jährige Autorin jetzt in ihrem erstem Erzählband vor: Der schön umständliche Titel "Man kann sich auch wortlos aneinander gewöhnen das muss gar nicht lange dauern" spielt darauf an. In dieser Prosa rücken wie in "Mobbing" Figuren ins Zentrum, die sich jäh in existenziell zugespitzten Lagen wiederfinden. Und die drohen, sich im Chaos zu verlieren.
So geraten in einer der sechs Erzählungen von einem Moment zum nächsten Leben und Balance einer Familie durch die Krankheit der Mutter aus dem Lot. Eines Morgens stehen Schwester und Bruder vor Schulbeginn völlig verwirrt vor der Tatsache: Die Mutter ist – wortlos – verschwunden. Überall sehen die Kinder Blutflecken, auf dem Boden, in der Küche, im Flur. Das lässt sie erschrecken, wissen sie doch nicht, was geschehen ist. Erst in der Schule erfahren sie mehr. Die Mutter ist im Krankenhaus. Wann wird sie zurück sein? Der plötzliche Tod der Mutter stürzt die Ich-Erzählerin einer anderen Geschichte in das Gefühl von Ohnmacht. "Obwohl ich damit gerechnet habe, wusste ich es nicht und denke: Wie geht das, ich habe das nicht geübt, ich weiß nicht, wie das geht, und auch mein Bruder weiß es nicht." Ein Gesprächsangebot des Pfarrers? Sie lehnt dankend ab. "Aus Worten, sage ich ihm, entsteht meiner Erfahrung nach sehr selten ein Weg, Worte verstellen Wege, wissen Sie, das ist meine Erfahrung."
Kommunikative Sperren verschärfen die Krisen von Pehnts Figuren. Als in das Leben eines Paars in der Erzählung "Georg" sein Neugeborenes eindringt, wird die Zweisamkeit auf den Kopf gestellt. Die Eltern fallen wegen der verzögerten Entwicklung des Kindes in pure Verzweiflung. Hilf- und Sprachlosigkeit sind es, die bald darauf die Familie zu zerreißen drohen. Beharrlich entzieht sich Annette Pehnts Arbeit allem Spektakulären. Drogen, Sexualität, Gewalt? Alles, was die Aufmerksamkeit des Massenpublikums auf sich zöge, ist nicht ihre Sache.
Statt dessen hat sie die Situation Ausgegrenzter für ihre Arbeit fruchtbar gemacht. Während eines freiwilligen sozialen Jahres lernte Pehnt als junge Frau an einer Schule die Realität behinderter Kinder kennen. Die Erzählung "Wünschen darf man sich alles" ist eine Frucht dieser Erfahrung. Manche Kinder im Heim können ihren Malstift nicht halten, Artur malt mit dem Fuß, der schon erwachsene Billie hat den Pinsel am Kopf fixiert. Andere Jungen sitzen im Rollstuhl – wie Hannes. Mit Krafttraining nährt er die Hoffnung, sich einmal mit Krücken fortbewegen zu können. Vor dem inneren Auge des Lesers entstehen Szenen, die in diese fremde Welt hineinziehen: Wie die Behinderten mit der ihnen eigenen Anmut Musik machen, wie sie einander helfen oder sich triezen. Ohne Sentimentalität, kühl und nüchtern skizziert Pehnt ihre Figuren. Einfühlungsvermögen, genaue Beobachtung und lakonischer Stil prägen ihre Texte. Wenn die Autorin die Erzählperspektive gelegentlich ändert, irritiert sie und regt gerade dadurch die Phantasie des Lesers an. Nur in "Georg" wendet sie dieses Mittel im Übermaß an. Das schmälert aber nicht die Qualität ih- rer sprachlich differenzierten Prosaarbeiten.
Annette Pehnt: Man kann sich auch wortlos aneinander gewöhnen das muss gar nicht lange dauern. Erzählungen. Piper Verlag, München, 2010. 192 Seiten, 16,95 Euro.
In der Freiburger Reihe "Andruck" stellt die Autorin den Band am 16. März um 20 Uhr im Schlossbergsaal des Freiburger SWR-Studios vor. Die Erstlesung moderiert Wibke Gerking.

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