unterstützt von
Buchhandlung zum Wetzstein, Freiburg
     
Veranstaltungen
Tourneen & Festivals
Verein
Service
Unterstützung
Presse
Kontakt

BADISCHE ZEITUNG VOM 4. MÄRZ 2010

"Türkische Romanhelden sind suchende Charaktere"

 

BZ-INTERVIEW: Erika Glassen über Literatur aus Istanbul.

 

Erika Glassen ist emeritierte Islamwissenschaftlerin der Universität Freiburg und war bis 1994 Direktorin des Orient-Instituts der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft in Istanbul. Die Mitherausgeberin der "Türkischen Bibliothek" führt am Samstag durch die deutsch-türkische Lesung im Alten Wiehrebahnhof, die den Auftakt zur vom Literaturbüro und dem Kommunalen Kino veranstalteten Reihe "Istanbul 2010 Kulturhauptstadt" bildet. Friederike-Zoe Grasshoff sprach mit Erika Glassen über die ausgewählten Texte und ihre eigenen Istanbul-Eindrücke.

 

BZ: Die Lesung legt den Schwerpunkt auf Literatur, in der das Motiv der Melancholie in Istanbul tragenden Charakter hat. Reisende schildern die Stadt am Bosporus oft als laut, fröhlich und farbenfroh. Wie passt dieser Eindruck mit dem Gefühl der Melancholie zusammen?

 

Erika Glassen: Zwischen 1989 und 1994 habe ich selbst in Istanbul gelebt und fahre auch jetzt noch ein paar Mal im Jahr hin. Ein gewisser Widerspruch besteht tatsächlich, denn heutzutage wollen die jungen Menschen in einer modernen, globalisierten und vernetzten Welt leben. Trotzdem gibt es in der Türkei unzählige Probleme politischer und ökonomischer Natur, die auf Jung und Alt gleichsam bedrückend wirken müssen und nicht zuletzt zu einem melancholischen Lebensgefühl führen – obwohl man das auch nicht zu sehr verallgemeinern darf.

 

BZ: Wie würden Sie diese Form von Melancholie beschreiben und wo würden Sie sie historisch verorten?

 

Glassen: Die "Türkische Bibliothek" soll einen Rahmen für die moderne türkische Literatur bieten. Sie deckt das ganze 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart ab. Die Begriffe hüzün, das türkische Äquivalent für Melancholie, und huzur, was so viel wie den Seelenfrieden des religiösen Menschen, der das Diesseits verneint, bedeutet und somit eine Art Vorstufe zur säkularen Melancholie bildet, sind wiederkehrende Motive in den Texten. In der türkischen Literatur finden wir kaum positive Helden, fast allesamt sind es zerbrochene und suchende Charaktere. Historisch hängt diese Mentalität mit der radikalen Kulturrevolution Atatürks zusammen, die den Bruch mit der osmanischen Tradition bewirkte. 1928 wurde das arabische Alphabet durch das lateinische ersetzt, und alles stand im Zeichen eines verwestlichten Neubeginns. Die Melancholie (hüzün) resultiert aus dem Identitätsverlust des Individuums, das zwischen der östlichen Tradition und dem westlichen Neuanfang zerrieben wird.

 

BZ: Der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk bezeichnet den Roman "Seelenfrieden" von Ahmet Hamdi Tanpınar (1901–1962) als den "bedeutendsten Istanbul-Roman". Wieso haben Sie diesen Roman in das Abendprogramm aufgenommen?

 

Glassen: In "Seelenfrieden" kommt eben genau dieses Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Modernisierung in der Ära Atatürk zum Tragen. Die Melancholie über den Verlust der Tradition treibt den Protagonisten am Vorabend des Zweiten Weltkriegs durch das ruinöse Istanbul, das zugunsten der neuen Hauptstadt Ankara vernachlässigt wurde. Nach Tanpinars Auffassung kann derjenige, der seine Vergangenheit verloren hat, auch seine Gegenwart nicht bewältigen. Seine Philosophie besagt, dass die Vergangenheit in den materiellen Dingen bewahrt wird, wie zum Beispiel im architektonischen Erbe, aber auch in den natürlichen Gegebenheiten der alten Sultansstadt.

 

– Lesung: "Was uns am besten steht, ist die Melancholie", 6. März, 20 Uhr, Galerie im Alten Wiehrebahnhof Freiburg, Urachstraße 40. Es lesen Neriman Bayram und Anna Böger, es spielt der Perkussionist Murat Coskun.

– Vortrag von Erika Glassen: "Zur Topografie des türkischen Romans – Schauplatz Istanbul", 26. März, 20 Uhr.


© 2005 beebox