Eine Reise in die Vergangenheit
Die Kamera hält sich fest an diesem Gesicht, als ob sie von ihm getragen würde. Tastet es immer wieder ab, mit meditativer Geduld. Rückt es heran, verweilt auf ihm und lässt ihm dabei respektvoll sein Geheimnis. Es ist ein schönes Gesicht, dem das Alter auf wundersame Weise die Mädchenhaftigkeit gelassen hat. Das liegt an den Augen. Den hellen, sich der Welt mit Hingabe und Leidenschaft öffnenden Blick hat Swetlana Geier immer schon gehabt. Schon das Kleinkind, das sich nicht schutzsuchend, sondern mit Besitzerstolz an die Mutter schmiegt, schaut den Betrachter mit dieser Intensität an, die kein Wegducken erlaubt. Später, um 1933 herum, gibt es ein kleines großes Sommerglück im ukrainischen Garten, draußen in der Datscha, die der Vater, ein Agronom, für ein Auto eingetauscht hat: die Eltern auf einer Bank, das Kind mit Storchenbeinen und zu Zöpfen geflochtener Haarpracht eins mit der Natur. Davon lässt sich zehren – vielleicht ein Leben lang. Davon muss man zehren, wenn das Leben viel Unglück bereithält.
Der Vater kam als einer der wenigen aus Stalins Gefängnissen zurück
Vadim Jendreykos Dokumentarfilm über die seit 65 Jahren in Freiburg lebende Dostojewskij-Übersetzerin ist eine Reise in die Vergangenheit: gedanklich zuerst und dann tatsächlich. Die große Uhr am Handgelenk der zierlichen alten Dame weist den Weg. Dem Vater hat sie gehört. Den Vater hat sie einen Sommer lang zu Tode gepflegt, als er nach 18 Monaten Haft in Stalins Gefängnissen wider Erwarten entlassen wurde. 15 war sie damals, zu jung für die Aufgabe, sagt sie im Film, der zwischen 2006 und 2007 entstanden ist – dem seitdem schwersten Jahr ihres Lebens: Ihr Sohn Johannes, der Werklehrer war,wurde im Unterricht vom Teil einer Kreissäge in den Kopf getroffen. Swetlana Geier hörte auf zu arbeiten, kochte jeden Tag Essen für ihn, brachte es in die Klinik. Sie sagt im Film: Die Pflege des Vaters sei wie die Generalprobe für den Ernstfall gewesen. Mehr sagt sie nicht. Ein Foto zeigt einen schönen Mann mit ihrem offenen Blick. Die Kamera folgt Swetlana Geier in die Küche, wo sie die Portionen in Plastikschälchen verpackt. Sie folgt ihr durch ihr Günterstaler Haus: Ins Arbeitszimmer, wo sie mit Hilfe von Frau Hagen, die auf einer alten Schreibmaschine tippt, und Herrn Klodt, der ihr als erster Lektor ihre Texte vorliest, die fünf großen Romane Dostojewskijs übersetzt hat, die "Elefanten", die aufgestapelt neben ihr das letzte Bild des Films sind. Aber auch in die Abstellkammer, wo das Bügelbrett steht, an dem Swetlana Geier, wie sie sagt, die durch das Waschen in Unordnung geratenen Fäden des Gewebes wieder in Form bringt.
Der Unfall ihres Sohnes habe, so der Kommentar des Filmemachers im Off, ein Zeitfenster geöffnet. Zum ersten Mal seit 1943 fährt Swetlana Geier in die Ukraine. Eine Schule hat sie eingeladen. Diese Reise, die sie per Bahn mit ihrer Enkelin Anna Götte unternimmt, ist das Herzstück des Films. Auch dafür nimmt er sich Zeit. Man bekommt eine Ahnung von der Länge der Zugfahrt. Großmutter und Enkelin sind einander in wortloser Zuneigung verbunden. Alles geschieht so, als ob es nicht anders geschehen könnte. Der Gang durch Kiew, zum Haus der Kindheit, in die prächtige orthodoxe Kathedrale, zum vom Schnee fast völlig bedeckten Grab des Vaters. "Es muss bleiben, weil er einer von 2000 war, die unter Millionen zurückkamen", sagt Swetlana Geier. Jeder ihrer Sätze hat sein eigenes Gewicht. Ihre beste Freundin gehörte zu den 30 000 Juden, die am 29. und 30. September 1941 von einem Sonderkommando der SS in der Schlucht von Babij Jar erschossen wurden. "Das hört nie auf", sagt Swetlana Geier.
Trotzdem hat sie bei den deutschen Besatzern als Dolmetscherin gearbeitet. Sie habe das Verbrechen nicht mit ihnen zusammengebracht. Und sie hat vom NS-Staat auch nach ihrer Ausreise 1943 nach Deutschland profitiert: Sie und ihre Mutter erhielten die begehrten Fremdenpässe. Swetlana Geier, die ihr Abitur mit Auszeichnung bestanden hatte, bekam – als Sowjetbürgerin! – ein Humboldtstipendium und studierte nach dem Krieg in Freiburg. Auf dem Gelände der früheren Gestapozentrale an der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin sagt Swetlana Geier, dass sie froh sei, ihren Dank Deutschland gegenüber abtragen zu können. In Kiew, wo es ihr nicht gelungen ist, noch einmal aus dem Storchenbrunnen ihrer Kindheit zu trinken, sagt sie: "Alles verfliegt wie weißer Rauch in Apfelgärten."
Vadim Jendreyko ist bei aller Dezenz ein sehr persönlicher, bewegender Film über eine große Übersetzerin und eine außergewöhnliche Frau gelungen. Seine Qualität liegt in seiner Verschwiegenheit – und in der poetischen Kraft seiner ruhigen, unspektakulären Bilder (Kamera: Niels Bolbringer, Stéphane Kuthy). Dass Übersetzen ein Verlustgeschäft ist, ein Transport, bei dem das Gepäck niemals ankommt, dass das deutsche Wort "Gnade" anders als das russische wie eine pralle Matratze klingt und man bei Dostojewskijs Raskolnikoff mit einem Mörder fiebert: Man möchte ja immer weiter zuhören. Und in Swetlana Geiers Glauben einstimmen, dass die Begegnung mit Geistigem eine ethische Wirkung hat.
– "Die Frau mit den 5 Elefanten" (Regie: Vadim Jendreyko) wird am Sonntag, 19.30 Uhr im Großen Haus des Freiburger Theaters gezeigt. Danach findet ein von der Journalistin Lerke von Saalfeldt moderiertes Gespräch mit dem Regisseur und Swetlana Geier statt.
– Bundesstart hat der Film am 28. Januar; das Kommunale Kino Freiburg zeigt ihn als Film des Monats Februar am 4., 5., 7., 11., 13. und 14. 2.
Autorin: Bettina Schulte 
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