unterstützt von
Buchhandlung Rombach, Freiburg
     
Veranstaltungen
Tourneen & Festivals
Verein
Service
Unterstützung
Presse
Kontakt

BADISCHE ZEITUNG VOM 19. OKTOBER 2009

Das komponistische Manifest

 

"Wenn Sie mir jetzt bitte folgen möchten. . . " Eine Aufforderung, die nach Museumsführung klingt, aber nicht unbedingt nach Donaueschinger Musiktagen. Zeichneten die sich nicht gerade durch Freiräume für Musiker und Publikum aus statt durch fürsorgliche Belagerung? Doch während man noch in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit lesen kann, warum Neue Musik nur eine Minderheit begeistern kann – nämlich, weil sie "zu schräg für unser Gehirn" sei –, unterstreicht Donaueschingen ein interessantes Aperçu aus diesem Beitrag: In Verbindung mit visuellen Live-Eindrücken vermag unser Gehirn weit mehr Empathie für abstrakte, neue Klänge zu entwickeln. Zumal dann, wenn der Prozess des Hörens nicht an die gängigen Konventionen des Klassikbetriebs gebunden ist und der Rezipient sich mehr oder weniger frei dazu bewegen kann.

 

Tatort Erich-Kästner-Halle und Berufsförderungswerk der Südbadischen Bauwirtschaft, Freitagabend: Manos Tsangaris’ Opern-Installation "Batsheba. Eat The History" – eine Melange aus Oper, Melodram, Oratorium, Installation und Event – hält den Besucher ganz schön auf Trab. Fünf verschiedene Schau- und Hörplätze lassen sich zwar nach ganz eigener Auswahl besuchen, aber nur in abgezählten Grüppchen, begleitet von mit Taschenlampen ausgestatteten, freundlichen Damen. Bitte folgen Sie. . . Es geht um die alttestamentarische Geschichte von König Davids unschicklichem Begehren nach Batsheba, der Frau seines Soldaten Uria. Tsangaris verschränkt sie mit einer modernen Chatroom-Beziehung, bei der keiner das ist, was er vorgibt zu sein, und die mit einem Mord endet. Wie jenem Davids an seinem im Krieg geopferten Soldaten Uria. Beim Wechsel zwischen den ersten fünf Schauplätzen kommt einem das ziemlich willkürlich vor – das Publikum mäandert von Ort zu Ort und man kommt sich vor wie der zappende Fernsehzuschauer mit begrenztem Zeitfensterblick.

 

Tags darauf werden die Eindrücke zumindest teilweise nachhaltiger. In der Christuskirche kann das Stuttgarter Vokalensemble seine klangliche Potenz im Zusammenwirken mit Christoph Grund an der Orgel unter Beweis stellen; hier gewinnt die Musik des Universalisten Tsangaris mit den wechselnden, sich überlappenden oder Zwiesprache haltenden Klangteppichen eine gewisse Reflexionsdichte. Auch das szenische Kernstück "Eat!" des biblischen Teils im Spiegelsaal des eigens für die Musiktage geöffneten Fürstenbergischen Schlosses unter der Leitung Sylvain Cambrelings langweilt zumindest nicht, trotz schauspielerischer Bemühtheit. . . Beeindruckend dagegen die Sänger (besonders suggestiv: Johanna Winke, Andreas Wolf) und Musiker des SWR-Sinfonieorchesters. Vollkommen missraten ist dem Komponisten schließlich die finale Episode "Chatroom Murder", die das Publikum aus den Perspektiven der beiden Chatpartner wie auf zwei Hälften eines Fußballfeldes zeitlich versetzt miterleben kann: eine krude, unbeholfene Mischung aus szenisch-musikalischer Überhöhtheit und erschreckender sprachlich-musikalischer Banalität.

 

Bei Mathias Spahlinger ist weit weniger determiniert. Der emeritierte Freiburger Kompositionsprofessor tritt an, die Spezies Orchestermusiker vor der Entfremdung von ihrer Arbeit zu retten – vor der Indoktrination durch Notentext und Dirigent. Das vierstündige Mammutwerk "doppelt bejaht – etüden für orchester ohne dirigent" soll befreien: den Zuhörer, indem er gehen und kommen kann, wann er will – die Musiker, indem sie innerhalb von nicht weniger als 24 Konzeptpapieren weitgehend bestimmen können, wie und wann sie spielen – oder eben auch nicht. Bemerkenswert ist daran letztlich nicht, dass Spahlinger all das im Programmheft in marxistischen und post-adorno’schen Überbau einkleidet, sondern dass es eben nicht ganz so funktioniert. Es gibt durchaus undemokratische Vorgänge, etwa wenn der Komponist von der Galerie der Baar-Sporthalle aus den Musikern auf Monitoren jeweils die Modi vorgibt – Big Spahlinger is watching you? Oder wenn die Musiker sich der Vorgabe eines Instruments wohl oder übel anschließen müssen.

Man sehnt sich

nach Konterrevolution.

Nicht selten generiert das, nicht zuletzt dank der Erfahrung und Spielstärke des SWR-Sinfonieorchesters Klanggebäude von hoher Konzentrationsdichte; dennoch sehnt man sich nach "Konterrevolution". Die ideologischen Windmühlen, gegen die Don Quichotte Spahlinger ankämpft, existieren wohl nur in seinem komponistischen Manifest – und der Kampf dauert überdies viel zu lang.

 

Obsolet wirken die Klanginstallationen, auch wenn einen bei Robin Minards "Spiegelung" die Magie von Klängen und blauem Licht im zauberhaft renovierten Spiegelsaal des neuen Museums Biedermann (ehemalige Museums-Lichtspiele) nicht kalt lässt. Dagegen beim Beschreiten der "Punktierten Allee" im Schlosspark (Jens-Uwe Dyffort/Roswitha von den Driesch) das Knacken knopfgroßer "Piezolautsprecher" im Gebüsch und auf Bäumen im Konzert mit echtem Vögelgezwitscher wahrzunehmen, ist von sparsamem Erkenntniswert.

 

Da sei ausdrücklich Wolfgang Müllers dieses Jahr mit dem Karl-Sczuka-Preis bedachtes Rundfunkstück "Séance Vocibus Avium" hervorgehoben – ein Beitrag zur "Missverständniswissenschaft", wie Laudator Marcel Beyer hervorhob. Die artifizielle Rekonstruktion von Stimmen ausgestorbener Vogelarten, gepaart mit dadaistisch-semantischen Veränderungen von deren Beschreibung entbehrt nicht der Raffinesse. Und macht ob des Fehlens des sonst in Donaueschingen gewohnten Anspruchs auf absolute Ernsthaftigkeit Schmunzeln.

 

– Heute um 20 Uhr ist Wolfgang Müllers mit dem Karl-Sczuka-Preis ausgezeichnetes Rundfunkstück in der HörBar im Alten Wiehrebahnhof in Freiburg zu erleben.

 

Autor: Alexander Dick


© 2005 beebox