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BADISCHE ZEITUNG VOM 13. OKTOBER 2009

Unterwegs im wilden Wald

 

 

Ingeborg Gleichauf hat nach Jahren die Wanderstiefel wieder geschnürt. Zu Fuß, so ihre sehr nachvollziehbare Erkenntnis, lässt sich der Schwarzwald am besten erkunden. Die Annäherung an eine Landschaft ist zugleich eine Reise in die Kindheit: In Neustadt, das damals noch nicht mit Titisee zu einer unwürdigen Namenseinheit verkuppelt war, wuchs die in Freiburg lebende Autorin und Geisteswissenschaftlerin, die sich mit Büchern über Denkerinnen wie Hannah Arendt und Simone de Beauvoir einen Namen gemacht hat, als Tochter eines Autohändlers auf. Heraus aus der Enge!, war damals die Devise. Für ein Büchlein über die Region zwischen Pforzheim und dem Hotzenwald ließ sie sich aus dem Abstand der Jahre und vom Herkommen zu einer Wiederbegegnung verführen – die in vielem eine Erstentdeckung gewesen ist.

 

Verführen ist das richtige Wort. Denn Ingeborg Gleichaufs wie im Vorbeigehen unangestrengt zusammengetragene "Heimatkunde Schwarzwald" ist eine Liebeserklärung an das mythenumwobene, von Bollenhut- wie Schwarzwaldmädelkitsch überzuckerte und von der erfolgreichsten TV-Arztserie aller Zeiten heimgesuchte Mittelgebirge im Südwesten der Republik. Es ist immer noch der Deutschen liebster Wald – vom Mummel- über den Titi- bis zum Schluchsee, auch wenn der Tourismus in den letzten Jahren mit der Billigflieger-Konkurrenz und dem Klimawandel zu kämpfen hatte.

 

Doch Gleichaufs Begegnung mit dem Schwarzwald ist weder historisch noch soziologisch oder kulturgeschichtlich motiviert. "Ich hatte mir vorgenommen, nur über das zu schreiben, was ich mit eigenen Augen, Ohren, Händen und Füßen sehen, hören, riechen, tasten, erwandern konnte", schreibt die Autorin und bezeichnet damit präzise ihr Vorgehen des Herantastens an eine Gegend, die als bäuerlich geprägte Landschaft mit breit hingelagerten Bauernhöfen ihren Charakter weitgehend konserviert hat – allen Bestrebungen zum Trotz, den Schwarzwald zum Erlebnispark mit Wellnessoasen zu stylen. Uh, was für ein Wort: Ingeborg Gleichauf sind solche neumodischen Sprechweisen aus dem Katalog der Tourismusexperten zuwider, auch wenn sie sich in ihrem Buch mit Kritik an Verschandelungen des Schwarzwalds zurückhält. Dafür bekommt seine "Verschilderung" eins auf den Deckel. Überall Hinweistafeln im wilden Wald: Die mögen zwar dem ortsunkundigen Wanderer zupass kommen, haben aber die zivilisatorische Zähmung des geheimnisvollen Dickichts zur Folge – wie es Ingeborg Gleichauf in ihrer Kindheit erfahren hat. In Freiburg hat sich von der Liebe zum finsteren Wald die "instinktsichere" Suche nach der Weißtanne zu Weihnachten erhalten.

 

Mit einem möglichst vorurteilslosen Blick hat die Wanderin ein Jahr lang den Schwarzwald durchforstet; hat bei Wind und Wetter Gipfel wie den Mooskopf und den Blößling bestiegen, ist in Städten wie Pforzheim, Calw und Gengenbach herumgestreift, hat Kirchen wie die imposante Kuppelkirche von St. Blasien besichtigt, Glasbläser und (mit einem sich in Faszination wandelnden Schauder) Bergwerke besucht, ist Menschen begegnet, die sich mit dem Schwarzwald verbunden fühlen, Künstlern wie dem in Bernau geborenen Reinhard Klessinger – und meint, dabei etwas für den Schwarzwälder Typisches entdeckt zu haben: "eine ganz eigene Art von Konzentration. Eine starke und zugleich sanfte Zugangsweise zu den Dingen". Auch Ingeborg Gleichauf ist in diesem Sinn Schwarzwälderin.

 

– Ingeborg Gleichauf: Heimatkunde Schwarzwald. Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg 2009. 187 Seiten, 19,90 Euro.

–Die Autorin liest in der Reihe "Freiburger Andruck" am 14. Oktober um 20 Uhr im SWR-Studio Freiburg, Schlossbergsaal. Es moderiert Wibke Gerking.

 

Autorin: Bettina Schulte


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