Mordende Fliegenbeine
"Jugend schreibt" – der Name der Jugendwerkstatt des Literaturbüros Freiburg ist Programm. Im Rahmen des Workshops treffen sich Jugendliche, um eigene Gedichte und Geschichten vorzutragen und darüber zu diskutieren. Angeleitet werden sie von Bernd Jürgen Thiel, einem ehemaligen Deutsch- und Französischlehrer, und Martin Gülich, dem mehrfach ausgezeichneten Freiburger Schriftsteller. Die Moderatoren wollen den Schreibprozess unterstützend begleiten und durch den Austausch untereinander neue Motivation schaffen.
Nun ist eine Anthologie mit den besten Texten aus den vergangenen vier Jahren der Werkstattarbeit erschienen. Prosa und Lyrik junger Nachwuchsautoren und -autorinnen werden in "blaugeflüstert" von preisgekrönten Fotografien aus den letzten Jahren "freiburger jugendfotopreis" begleitet. Die Fotos haben einen eigenständigen Platz in dem Band, korrespondieren aber auch hin und wieder mit den Texten. Das Buch steht also ganz im Zeichen der kreativen Zöglinge. Auch der Titel stammt aus der Feder einer ehemaligen "Jugend schreibt"-Teilnehmerin: Er ist dem Gedicht "Tagwind" von Maria Antonia Flamm entnommen.
Flamm studiert inzwischen Germanistik und katholische Theologie an der Universität Freiburg. Ihre in diesem Band veröffentlichten Gedichte lassen – nicht zuletzt durch ihre Melancholie und vielschichtige Farbmetaphorik – Vergleiche mit Mascha Kaléko und Hilde Domin zu. Neben Flamms Lyrik ist beispielsweise Elena Flohrs Kurzgeschichte "die weiße Zimmerdecke" zu finden, in der ein neurotischer Protagonist seine abstrusen Gedankenspiele tagebuchartig festhält. Auf dem Weg zur Arbeit kommt er in verschiedene Alltagssituationen, immer mit der Frage nach dem "was wäre, wenn. . . " in seinem Kopf. Satirisch überspitzt werden kuriose Todesszenarien entworfen: Der Ich-Erzähler imaginiert ausgehend von einem Fliegenbein im Auge immer weitere Kreise ziehende Folgen, die schließlich zu seinem Tod führen. Doch nicht nur Fliegen sind potenzielle Todesursachen, selbst der Toast am Morgen kann ihm zum Verhängnis werden.
Christof Schwab ist dagegen in einer ganz anderen literarischen Szene heimisch. Er bereichert die Anthologie mit zwei Rap-Parts. Im ersten Text geht es um den immerzu zur Verstellung genötigten Menschen. Weder Wahrhaftigkeit noch Authentizität sind möglich, "wir sind Untertanen oder Sklaven unserer eigenen Maskeraden". "Blaugeflüstert" ist nicht nur eine spannende Zusammenstellung von Texten, sondern auch ein durchaus gelungenes gemeinschaftliches Erstlingswerk.
– Vier der siebzehn Nachwuchsautoren geben am heutigen Freitag einen Einblick in ihre literarischen Arbeiten. Die Lesung findet um 19.30 Uhr im Alten Wiehrebahnhof, Freiburg, Urachstraße 40, statt.
Autorin: Hannah Hör 
|