Große Pläne für die Heimat
"Wenn man etwas Kulturelles haben will, muss man es selbst machen", sagt Silvia Szarka, Kulturmanagerin aus der Slowakei. Das Zitat könnte ebenso gut von Ksenija Cockova aus Mazedonien stammen. Seit Oktober 2008 nehmen beide an dem Programm "Kulturmanager aus Ost- und Südosteuropa" der Stuttgarter Robert-Bosch-Stiftung teil, bei dem die Stipendiaten für ein Jahr in einer deutschen Institution arbeiten. Beide sind nach Freiburg gekommen, Cockova ins E-Werk, Szarka ins Literaturbüro. Sie sind Freundinnen geworden, die impulsiv wirkende Mazedonin und die ruhigere Slowakin. Deutsch sprechen sie nahezu perfekt. Und beide sind begeistert: von den Fahrradwegen in Freiburg, den Buchhandlungen, der Nähe zu Basel und Straßburg – vor allem jedoch vom kulturellen Reichtum der Stadt.
In der Kleinstadt dagegen, in der sie aufgewachsen ist, habe es kaum kulturelle Angebote gegeben, erzählt Silvia Szarka. Als Schülerin hat sie deshalb ein Schultheater gegründet und sogar einen Gedichtband veröffentlicht. Mit dem Studium der Germanistik und Ungaristik jedoch hat sie das Schreiben aufgegeben: "Ich hatte das Gefühl, nicht konzeptionell genug zu sein." Das Interesse an Literatur ist ihr aber geblieben. Nach dem Studium hat sie im Ungarischen Kulturinstitut in Prag gearbeitet und dort literarische Projekte geleitet – wie auch im Literaturbüro, für das sie sich entschieden hat, "weil mich die Arbeit von Stefanie Stegmann so sehr überzeugt hat".
Ihre Kollegin Ksenija Cockova hat sogar gemeinsam mit Freunden ein freies Kulturzentrum in Skopje gegründet. In der mazedonischen Hauptstadt hat die 29-Jährige Integration, Interkulturelle Kommunikation und Germanistik studiert und anschließend das dortige Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung geleitet. Sie wäre gerne Schriftstellerin geworden, sagt sie, aber ihr habe Talent gefehlt. Stattdessen schaffe sie jetzt Raum für die Kunst anderer, "das ist auch eine künstlerische Leistung". In Deutschland will sie viele junge Künstler kennenlernen, um sie später nach Skopje zu bringen. "Ich habe eine Institution gesucht, die wie unser Zentrum kulturelle Vielfalt abbildet" – und so kam sie zum E-Werk: "Dort gibt es alles."
Das Literaturbüro und das E-Werk binden die beiden in die tägliche Arbeit ein, und mit einem Projekt stellen die Stipendiatinnen die Kultur ihres Heimatlandes vor. Ksenija Cockova hat ihres schon hinter sich, eine Ausstellung und ein Konzert unter dem Titel "Skopje – Freiburg 009". "Ich wollte junge mazedonische Künstler einladen, die noch keine Chance im Ausland hatten", sagt sie. Ihre Wahl fiel auf eine Ethnojazz-Band und auf zwei Künstler, mit denen sie schon in Skopje zusammengearbeitet hat. Deren Werke zeigen: Die Kunst in Mazedonien sucht derzeit nach Formen, um die eigene Meinung auszudrücken, während viele Menschen Angst haben, sich frei zu äußern. "Alles wäre so schön, wenn das Land in der EU wäre", sagt Cockova.
Die Slowakei dagegen ist EU-Mitglied, die Kunst dort setzt andere Schwerpunkte. In den 1990er Jahren hat sie die politische Wende reflektiert, heute behandelt sie exotische Themen, berichtet Szarka. Sie ist Staatsbürgerin der Slowakei, zählt dort aber zur ungarischen Minderheit, und hat in der tschechischen Hauptstadt Prag studiert. Ihren Zugang zu mehreren Kulturen will sie für ihr Projekt nutzen: "Re:write" heißt das literarische Experiment, bei dem deutschsprachige Autoren Gedichte verfassen – bestehend nur aus Worten, die in Kurzgeschichten von Autoren aus osteuropäischen Staaten enthalten sind. Die Texte werden vom 18. bis 20. September bei einem Festival im Literaturbüro präsentiert und im Internet, vielleicht als Buch veröffentlicht: "Ich will etwas, was nach dem Festival bleibt."
Der Plan: Sich selber einen Arbeitsplatz schaffen
Gemeinsamkeiten in der Kulturpolitik Deutschlands und ihrer Heimatländer sehen beide kaum. In Mazedonien bekommen private Kulturzentren ausschließlich projektbezogene Mittel, um die sie sich bewerben müssen, sagt Cockova: "Eine infrastrukturelle Unterstützung, die für das laufende Jahr Sicherheit bietet, gibt es nicht." Szarka stimmt zu: "Die Förderung hier ist viel besser als in der Slowakei."
Dennoch wollen beide in ihre Heimat zurückkehren. "Ich finde es schade, wenn man in einem anderen Land etwas Neues lernt und dann dort bleibt, obwohl man zu Hause etwas zu sagen hätte", sagt Cockova. Von November an will sie in Skopje ihre Master-Arbeit im Studiengang "Interkulturelle Beziehungen in der EU" schreiben und wieder als Übersetzerin arbeiten – sie hat unter anderem "Der Vorleser" von Bernhard Schlink ins Mazedonische übertragen. Und sie will Projekte entwerfen, Fördermittel beantragen, sich selbst einen Arbeitsplatz schaffen: "Ich werde überleben", sagt sie und lacht.
Silvia Szarka dagegen bleibt noch mindestens bis Mai 2010 in Freiburg, zunächst als Vertretung von Literaturbüro-Leiterin Stefanie Stegmann, die ein Kind erwartet. Ihre Promotion in Literaturwissenschaft in Prag will sie später auf jeden Fall abschließen. Und vielleicht die literarische Arbeit mit Jugendlichen, die ihr in Freiburg so gut gefällt, in die Slowakei übertragen. Zwar könne sie sich auch vorstellen, sich der Physik und der Mathematik zuzuwenden, aber: "Ich mache Kultur, so lange ich davon leben kann."
Autor: Nicolas Scherger

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